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Nachruf auf Andrew Walde (1960-2020) Er wollte halt ein Zeichen setzen

Er organisierte, demonstrierte und konferierte. Nur mal entspannen, das Leben und die Sonne genießen, das gab es kaum.

Andrew hatte genug. Er steckte sich eine dieser kleinen Fußball-Deutschlandfahnen an die rechte Tür seines Autos und eine kleine Israelfahne an die linke. Dann fuhr er los. Groß Gedanken hatte er sich nicht gemacht. Er wollte halt ein Zeichen setzen, weil es in letzter Zeit so viele antisemitische Vorfälle gegeben hatte. Seine Solidarität zeigen, wie sich das gehört.

An den Kreuzungen gab es Beleidigungen und Drohungen, auf ihn wurde gespuckt, einer präsentierte seinen Hintern, und dann wurde die Israel- Fahne abgerissen. Andrew war entsetzt und schrieb auf Facebook: „Ich kann einfach nach Hause fahren. Die Fahne abmachen. Nur noch ‚neutraler‘ Deutscher sein. Aber die Juden, die Israelis, die täglich an Leib und Leben Bedrohten? Die das nicht können?“ Die „Bild“ berichtete darüber, das „Sat1-Frühstücksfernsehen“ lud ihn ins Studio ein. 2014 war das.

Israel lag ihm am Herzen, so sehr, dass er 2018 seiner Freundin vor dem Felsendom in Jerusalem einen Heiratsantrag machte. Er kümmerte sich darum, dass Jugendliche aus Deutschland nach Israel fuhren und Jugendliche aus Israel nach Deutschland. Wenn alljährlich Israelfeinde am Ku’damm aufmarschierten, organisierte er den Gegenprotest.

Andrew organisierte, demonstrierte und konferierte, er brachte jesidische Geflüchtete in Schulen unter, und er sorgte für die neue Turnhalle an der Grundschule seiner Kinder. Sein Bruder sagte über ihn: „Die Fülle von Aktivitäten reichte für zwei Leben.“ Nur mal entspannen, das Leben und die Sonne genießen, das gab es kaum. Immer ging es um etwas, immer trieb ihn etwas weiter.

Überall kannte er jemanden

Natürlich, er war ein durch und durch politischer Mensch. Aber nicht so, wie man sich das vielleicht vorstellt: Parteisitzungen, in denen man sich den Hintern platt sitzt, theoretisieren um des Theoretisierens willen oder Politik betreiben um der Macht willen. Ihm ging es um Gerechtigkeit und eine bessere Welt, und die fing für ihn jetzt und im Kleinen an. Andrew meinte es wirklich so, hatte sein Leben danach ausgerichtet, stand gerne bei den Parteiversammlungen mit seiner Gitarre und einem Haufen Kinder auf der Bühne und sang Arbeiterlieder. Er war Mitglied bei den Falken, bei den Jusos, in der SPD, arbeitete für das Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt und dann für den DGB, in den neuen Bundesländern etablierte er die Gewerkschaftsjugend, am 1. Mai organisierte er die großen Berliner Gewerkschaftsdemonstrationen. Er beriet eine Wohnungsbaugenossenschaft, saß in den Aufsichtsräten der AOK und der Rentenversicherung. Und überall kannte er jemanden. In Schweden blieb er mitten auf dem Land mit einem kaputten Motor liegen – ein hilfsbereiter Genosse war schnell gefunden.

Seine Sommer verbrachte er auf einsamen Zeltplätzen mit Kompost-Toiletten und kalten Duschen. 1981 fingen er und sein bester Freund und die Falken-Kinder aus Neukölln damit an. Sie liehen sich einen Lkw, dazu die alten, schweren Zelte der SPD, packten die Kinder in gecharterte Busse und machten sich auf den Weg nach Schweden.

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Dann konnte man ihn sehen, wie er wie ein Verrückter ein Zelt nach dem anderen errichtete, wie er Bettkästen baute und Stroh darin verteilte, wie er eine Küche zusammenbastelte und Essenszelte. Wie er abends am Lagerfeuer saß, seine Gitarre rausholte und losspielte, wie er Liederbücher und Gitarren verteilte und sagte: „Mach mit! Wenn du nicht so gut drauf spielen kannst, dann singen wir eben lauter. Dann hört man das nicht.“ Sie sagen „Bella Ciao“ oder „Unter dem Pflaster, da liegt der Strand“ und die ganzen Arbeiterlieder und die von ihm selbst geschriebenen für Kinderrechte und gegen Ausgrenzung. Die Kinder und Jugendlichen schleppte er dann auf die SPD-Feste und Gewerkschaftsveranstaltungen, wo sie sich die Kehlen wund sangen, und er mittendrin mit seiner Gitarre.

Andrew hatte auch eine Art, die auf die Nerven gehen konnte. Er stritt gerne, Streit empfand er als befruchtend, solange man hinterher wieder ein Bier miteinander trinken konnte. Er verbog sich nicht. Er hasste Opportunisten. Manche empfanden ihn als unnötig hart und dickköpfig.

Warum er dieses rastlose Leben wählte? Einen Weg einschlug, den er immer weitergehen musste, ohne abzuweichen? Seine Freunde wissen es nicht. Andrew war Andrew. Schlug man ihn für einen Stadtratsposten vor, lehnte er ab. Dann hätte er ja nicht mehr so frei reden können.

Andrew verliebte sich und wurde Vater von einem Sohn und einer Tochter. Doch die Beziehung zur Mutter hielt nicht. Auch in Andrews Tage passten nur 24 Stunden. Andrew blieb Vater, verliebte sich aber erneut. Die Neue fand in ihm einen Herzensmenschen, wie sie keinen zuvor getroffen hatte. 2018 machte er ihr den Heiratsantrag. Anfang 2019 erfuhr er, dass er Krebs hatte und ihm nur noch wenige Monate blieben. Im Herbst 2019 heirateten sie. Die Feier fand im Anton-Schmaus-Haus statt, bei den Falken aus Neukölln, mit denen alles angefangen hatte, und die Andrew seitdem nicht mehr alleingelassen hatten. Im Februar ist er in den Armen seiner Frau gestorben.

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