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Andrée Therèse Leusink (1938-2020) Foto: privat
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Nachruf auf Andrée Thérèse Leusink Das Leben - ein Kampf

Wie soll jemand, der keinen Trost empfangen hat, Trost spenden? Wie soll jemand, der kein Zuhause hatte, eine Heimat finden?

Vor fünf Jahren gab sie ein langes Interview. Eine Zeugin des vergangenen Jahrhunderts, in dem viele ihre Leichtigkeit, ihren Humor verloren. Ihr Vater, ein anspruchsvoller Mann, machte ihr den Vorwurf, dass sie nie gelacht habe. Auch ihr ältester Sohn habe ihr gesagt, dass er sich vor allem an die Schwermut erinnere, die zu Hause geherrscht habe. Sie konnte ihren Kindern vorlesen, das ja. Aber spielen, so erzählte sie, spielen konnte sie nie mit ihnen.

Sie selbst war drei, als sie ins jüdische Kinderheim von Chabannes kam und fünf, als sie es verließ. Zwei Erinnerungen aus der Zeit haben sich ihr eingebrannt.

Zum einen diese Trampelpfade in den Wald. Die mussten sie oft entlanglaufen, um sich zu verstecken, wenn die Gendarmen kamen. Manchmal blieben sie die ganze Nacht im Wald. Es waren die Jahre 1941 bis 1943, Südfrankreich war nicht von den Deutschen besetzt, lieferte aber Juden aus.

Die zweite Erinnerung: Sie liegt im Bett, weint und ruft nach Mama und nach Papa.

Die Mutter war gestorben, in ihrem Beisein, Andrée kam nach Chabannes. Ihr Vater musste sich verstecken. Hin und wieder, selten, konnte er seine Tochter in dem Heim besuchen.

Welche ihre Sprache war? Französisch, sie war ja in Paris geboren. Die Heimat ihrer Eltern, Deutschland, war das Land, aus dem der Tod kam. Aus dem die Eltern fliehen mussten, weil sie Juden waren.

Die Flucht ging weiter, auch in Südfrankreich waren Vater und Tochter nicht mehr sicher. Mithilfe der Résistance gelangten sie in die Schweiz. An den Weg dorthin erinnerte sie sich später nicht, ihr Vater erzählte ihr davon: Kilometerweit ging es durch den Wald, oft mussten sie kriechen, die Knie bluteten. Sie, das Mädchen von fünf Jahren, sei dabei ganz brav und still geblieben. Ein seltenes Lob des Vaters.

„Ach, Andrée, wir waren schlecht zu dir.“

Sie kamen in ein Internierungslager in Lausanne. Ihre Erinnerung: Wie sie ihren Vater nicht mehr findet. Schreiend läuft sie durchs Lager. Er liegt mit einer Lungenentzündung in der Krankenbaracke.

Als sie selbst krank wurde, brachte man sie in ein anderes Lager, allein. Von dort kam sie nach Zürich in eine Pflegefamilie, bis 1948 blieb sie da. Sie besuchte die Schule und musste vor und nach dem Unterricht hart arbeiten. 40 Jahre später durfte sie noch mal die Frau besuchen, die damals ihre „Mami“ war. Sie lag nach einem Schlaganfall im Pflegeheim und sagte als Erstes: „Ach, Andrée, wir waren schlecht zu dir.“

Ihr Vater hieß Rudolf Leder, änderte seinen Namen und wurde als Stephan Hermlin bekannt. Ein wichtiger Schriftsteller in der DDR, Essays, Lyrik, Prosa, ein Kommunist, der seinem Staat treu war, einerseits, der andererseits in Schwierigkeiten geriet wegen seiner kritischen Haltung gegenüber diesem Staat. Seine Lebensgeschichte war zu groß, um sich kleinmachen zu lassen. Da liegen bei aller Fremdheit und bei allen Problemen, die die beiden miteinander hatten, Parallelen zum Leben und zum Wesen seiner Tochter.

Ein großer Unterschied: Er hatte eine Heimat. Gleich nach dem Krieg kehrte er zurück, arbeitete zunächst als Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main und zog 1947 nach Ost-Berlin, um den Kommunismus aufzubauen. Den Kontakt zur Tochter in der Schweiz stellte seine Mutter her, Andrées Großmutter. Sie war nach London emigriert, und sorgte dafür, dass ihre Enkelin den viel beschäftigten Vater wenigstens einmal besuchen durfte.

Sie fuhren gemeinsam an die Ostsee, nach Ahrenshoop – mit seiner neuen Frau und seiner neuen, kleinen Tochter. Der Vater kaufte Andrée eine Puppe, die erste ihres Lebens. Andrée war zehn. Die Puppe blieb ebenso in ihrer Erinnerung wie die Szene, welche die neue Frau ihrem Vater machte: Wie konnte er das Kind so verwöhnen? Andrée wollte trotzdem bleiben. Hier war sie ein Kind, hier hatte sie einen Vater. Es war allemal besser als in Zürich.

"Du Jude!"

Sie durfte bleiben. Doch wirklich heimisch und gewollt fühlte sie sich nie. Wenn ihre Stiefmutter allzu rüde mit ihr umging, sie gar schlug, erzählte sie ihrem Vater nichts davon, sei es, um ihn zu schonen, sei es, weil sie fürchtete, dass er ihr nicht helfen würde. Dieses Gefühl, ich bin hier fremd, ich gehöre nicht hierher, übertrug sie auf das große Ganze: Niemals hätte sie von einer deutschen Heimat gesprochen. Anfangs hatte sie noch versucht, mit ihrem Vater französisch zu sprechen, so wie sie das aus ihren ersten Jahren kannte. Er verbot es ihr.

Dazu kam ihre jüdische Herkunft. Nicht, dass sie je etwas mit der Religion hätte anfangen können. Aber die Kindheit ist ihr gestohlen worden wegen ihrer Abstammung. In der Schweiz hatten Kinder sie beschimpft. Du Jude! Und auch in den folgenden Jahren in der DDR gab es immer wieder diese Situationen, in denen es in ihr Bewusstsein drang: Du gehörst nicht hierher.

Sobald sie konnte, zog Andrée in eine eigene Wohnung, gründete eine eigene Familie, bekam eigene Kinder. Alles neu. Alles anders, besser!

Ist das möglich? Kann ein Mensch aus seiner Haut?

Sie bekam drei Söhne, einen mit 20, einen mit 22. Den dritten mit 24, da war die Ehe schon brüchig. Auf die Scheidung folgte ein Kampf um die Kinder, den sie gewann. Mag sein, dass sie neben Studium und Beruf nicht viel Zeit für ihre Söhne hatte. Mag sein, dass sie nicht mit ihnen spielte. Aber ihre Kinder weggeben? Niemals! Wenn der Vater die Söhne einmal alle 14 Tage abholte, um sie am Abend wieder heimzubringen, brach sie weinend zusammen. Die Söhne wussten das und litten mit ihr.

Die Situation in der Familie mit ihrem nächsten Mann beschreibt eine Erinnerung des mittleren Sohnes: Der Stiefvater ist Modelleisenbahner, Spur N, die schmalste. Der Sohn muss ihm bei den Reparaturarbeiten die Lupe halten, lange, sehr lange. Er beginnt zu zittern, der Stiefvater brüllt ihn an. Wie sehr er sich den Schutz der Mutter wünscht. Doch nichts geschieht.

Wie sollte sie Trost spenden?

Es herrschte ein strenges Regiment. Die Söhne hatten die Wohnung zu reinigen, jeden Tag. Am Abend, wenn die Eltern heimkamen, wurde kontrolliert. Um sieben lagen sie im Bett. Wenn sie etwas ausgefressen hatten, eine halbe Stunde früher.

Wenn einer hinfiel, hieß es: „Steh auf, es gibt Schlimmeres.“ Die Mutter hatte keinen Trost empfangen. Wie sollte sie Trost spenden?

Es gibt ein Foto, da sitzt sie neben ihrem ältesten Sohn in der Küche und blickt ihn lächelnd, liebevoll an. In der Erinnerung des Sohnes bleiben andere Bilder. Da herrscht der Ernst, die Anstrengung. Wenn die Kinder zu Bett gingen, legte die Mutter ihnen öfter eine Schallplatte auf: Ernst Busch singt Kampflieder aus dem Spanienkrieg. „Wir im fernen Vaterland geboren, / Nahmen nichts als Hass im Herzen mit. / Doch wir haben die Heimat nicht verloren, / Unsre Heimat ist heute vor Madrid.“ Sie sah mit ihren Kindern sowjetische Kriegsfilme. Erschütternde Meisterwerke, zweifelsohne. Doch ob kleine Kinder mit derlei Realismus aufwachsen sollten? Seht euch das an! Das Leben ist ein Kampf. Man muss es bestehen, muss sich bewähren.

Im Film „Ein Menschenschicksal“ verliert der Held seine Frau und seine Töchter. Seinen Sohn, der am letzten Tag des Krieges fällt, muss er in fremder, deutscher Erde bestatten. Da haben sie miteinander vorm Fernseher gesessen und geweint. Und haben den Helden bewundert, wie er schließlich, nach dem Krieg, den Waisenjungen Wanja bei sich aufnimmt.

Andrées Kindern ging es doch gut! Viel besser als anderen. Weshalb sie hin und wieder andere Kinder bei sich beherbergten, ein Geschwisterpaar für ein paar Monate, dessen Mutter sich das Leben genommen hatte. Ein Mann von inzwischen 64 Jahren erinnert sich an schlimme Verhältnisse in seiner Familie. Bei den Leusinks war er oft zu Besuch, Andrée wurde zur Ersatzmutter. Als er an einem Weihnachtsfest zu Hause keine Geschenke bekommen hatte, die Strafe für eine Missetat, die er nicht begangen hatte, forderte Tags darauf Andrée ihre Söhne auf, von ihren Geschenken etwas an ihn abzugeben. Eine Selbstverständlichkeit. Man übt Solidarität.

Andrées Beruf: Lehrerin. Vom Vater hatte sie gelernt, wie wichtig Bildung ist. Es war stets ein Auftrag. Lies! Erzählt hat er ihr nicht besonders viel. Sie wollte das besser machen. Wollte Wissen tatsächlich vermitteln. Notwendiges Wissen – also Geschichte. Man kann aus der Geschichte lernen, all die Opfer, die auch sie gebracht hatte, durften doch nicht umsonst gewesen sein. Lasst es uns besser machen!

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Ihr zweites Fach: Sport. Im Kinderheim von Chabannes gab es einen Sportlehrer, der spielte eine große Rolle. Er hielt sein Fach nicht aus persönlichen Erwägungen für das wichtigste, sondern weil er ahnte, dass die Judenkinder von besonders stabiler Konstitution sein mussten. Seid kräftig, lauft so schnell ihr könnt. Was damals folgte, die Flucht in die Schweiz, die Lager, die Kinderarbeit, bestätigte das alles.

Sie muss eine großartige Lehrerin gewesen sein, denn es gibt zahlreiche Schüler, die ihr lange noch die Treue hielten. Sie war keine von den Verbohrten, sondern eine, die den Kindern Mut machte, selbst nachzudenken. War doch klar, dass man so zum Antifaschisten und zum Sozialisten wurde.

Als einer sie fragte, ob es erlaubt sei, Westfernsehen zu gucken, sagte sie: „Aber ja, wenn es deine Eltern erlauben.“ Natürlich wusste sie, dass es in der Klasse Schüler gab, deren Eltern hohe Funktionäre waren. Aber sollte sie sich denn verbiegen? Ihre eigenen Söhne sollten Bundestagsdebatten im Westfernsehen verfolgen. Als die Funktionärseltern von der Offenheit der Lehrerin erfuhren, forderten sie die Schulleitung auf, derlei zu unterbinden. Ähnliche Situationen gab es öfter, sie sprach mit den Schülern über den Antisemitismus in der Sowjetunion und in der DDR, über die Verbrechen in der Stalinzeit. Schließlich wurde sie, ganz im Stil der Stalinzeit, mitten aus dem Unterricht geholt und vor eine Parteikommission gestellt: Auf welcher Seite stehst du eigentlich?

Zwei Jahre lang durfte sie nur Sport unterrichten und auf die Kinder im Hort aufpassen. Anfang der 70er Jahre war das. Und selbstverständlich blieb sie bei der Sache. Es gab doch nur die eine Seite, die einzig richtige. Steh auf, es gibt Schlimmeres! Zumal die Parteischule, die sie besuchen musste, sich als ein Ort der freien Diskussion erwies.

... und schickte ihre eigenen Söhne ins Pionierlager.

Auch an der neuen Schule, an die sie versetzt wurde, gingen die Lehrer anders miteinander um. Da ist sie nicht einmal im Herbst 1976 in Schwierigkeiten geraten. Ihr Vater hatte den Protestbrief der Schriftsteller gegen die Biermann-Ausbürgerung verfasst. Den brachte sie mit in die Schule, um mit ihren Kollegen darüber zu diskutieren. Es galt bereits als Sieg, wenn sich das Lehrerkollektiv dieser Schule nicht an der offiziellen Kampagne gegen die Schriftsteller beteiligte.

Andrée stand um halb vier am Morgen auf, setzte sich in die Küche und rauchte eine nach der anderen. Bis gegen sechs, wenn sie das Frühstück für die Familie vorbereitete, war das die Zeit am Tag, die sie ganz allein für sich hatte. Der Rest war Arbeit. Neben dem Lehrerjob bildete sie Erzieherinnen aus. In den Ferien fuhr sie auf Klassenfahrten, machte Fortbildungen. Und schickte ihre eigenen Söhne ins Pionierlager.

Die Söhne mussten zur Armee, machten dort schlimme Erfahrungen. Der älteste wünschte sich, dass seine Mutter sich an ihren Vater wenden würde. Der kannte Männer in der Staatsführung, auch Generäle. Doch der Sohn bat seine Mutter nicht um den Gefallen. Sie bat ihren Vater nicht um den Gefallen. Sie brachte ihrem Sohn schwere Pakete mit Wäsche und Essen, kilometerweit musste sie durch den Wald zur Kaserne laufen. Halte durch, es gibt Schlimmeres.

Ihr jüngster Sohn floh 1988 in den Westen. Das war ein Schlag für sie. Er lief ja nicht nur vor dem Sozialismus, vor dem Kampf davon. Er verließ auch seine Mutter.

Ende 1989, die Zeit der Hoffnung auf einen neuen Sozialismus war kurz, die Angst vor einem großen, starken Deutschland umso größer. Andrée blieb Lehrerin und bildete weiter Pädagogen aus. Die Rente hätte für ihr bescheidenes Leben gut gereicht, doch sie spendete viel zu viel. Deshalb verdiente sie, noch bis sie 75 war, als Kurierfahrerin Geld dazu. Und sie gab Schülern Nachhilfestunden. Sie sah ja, wie viele Kinder Hilfe brauchten, auch in dem Haus, in dem sie wohnte, in Berlin-Wedding. Da war sie diejenige, deren Wurzeln noch am ehesten als deutsch zu bezeichnen sind, und sie fühlte sich sehr wohl. Lauter Menschen mit einem brüchigen Begriff von Heimat.

Als sie die Mitgliedschaft in der jüdischen Gemeinde beantragte, war das ein Versuch, einen Ort für sich zu finden, und sei es nach dem Tod. Da würde sie auf dem jüdischen Friedhof beerdigt, um sich herum lauter Menschen, die zeitlebens, auf die eine oder andere Art, lernen mussten, nicht dazuzugehören.

Bevor sie endlich ihre Ruhe fand, ging es ihr lange schlecht. Oft lag sie im Bett, halb wach, halb schlafend, und sie rief, wie damals, nach Papa und nach Mama.

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