Ana Kunst-Baur (1945-2019) Foto: privat
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Nachruf auf Ana-Maria Kunst-Baur (Geb. 1945) Hatte man ihr einmal etwas zugesagt, blieb man besser dabei

Mit 30 fragte sie sich zum ersten Mal, was sie eigentlich von ihrem Leben erwartete. Sie studierte Philosophie und ließ die schillernde, teure Welt hinter sich.

Dreimal musste sie sich befreien. Einmal von ihrem Vater und seinen Vorstellungen von ihrem Leben. Dann von ihrem ersten Ehemann, der sie in seinem zitronengelben Familienanwesen abgestellt hatte. Das dritte Mal von ihrer großen Liebe und dem Vater ihrer Kinder. Befreien, um zu erfahren, was sie selbst wollte.

Anas Leben startete in Barcelona als jüngste Tochter von drei Geschwistern. Ihr Vater leitete eine deutsche Bankfiliale, war immer gut gekleidet, der Grand Senior mit großer Geste. Ihre Mutter war feinsinnig und melancholisch, aber auch wild und schön. Es ging ihnen gut, sie hatten sich und ein Haus mit Garten, eine Finca für die Wochenenden, und Katzen und Schildkröten hatten sie auch. Roswita, die Hausangestellte, brachte Ana die praktischen Dinge des Lebens bei, kochen, aufräumen, für sich selbst sorgen. Ana sprach Spanisch, sie liebte Barcelona.

Ungefähr acht Jahre war sie alt, als ihre ältere Schwester Regine starb. Eine bleierne Stille legte sich über das Haus. Ana malte Friedhofsbilder, auf einem sieht man einen Osterhasen zwischen den Grabsteinen. Der Vater redete nicht über den Verlust. Die Mutter zog sich zurück, verschwand in ihrem Zimmer. Sie müsse sich erholen, hieß es. Als Ana 16 war, starb ihre Mutter. Und Ana nahm ihren Vater in den Arm, päppelte ihn auf, fuhr mit ihm in den Urlaub.

Sie ging mit ihrer besten Freundin auf Feste, tanzte bis in die Nacht, sah sich in den Kinos einen Film nach dem anderen an. Empfand sich selbst aber als langweilig, unentschlossen und verträumt.

Zum Studieren schickte sie der Vater nach Deutschland. Lehrerin sollte sie werden, für Deutsch, Politik und Geschichte. In Freiburg bezog sie eine große WG, studierte unter der Woche, feierte an den Wochenenden, unterstützte die Friedensdemonstrationen, ohne selbst in der ersten Reihe zu stehen. Jedes Semester vergaß sie, sich bei der Uni zurückzumelden und stiefelte mit betretener Miene und kurz vorm Rausschmiss zu der Sachbearbeiterin. Die sagte nur: „Ach Mädchen, Sie schon wieder.“

Lehrerin war sie gerne. Also waren die Schüler gern in ihrem Unterricht. Und sie lernte ihren ersten Mann kennen, einen Arzt aus gutem Haus. Auf den ersten Blick waren sie ein Traumpaar, gutaussehend, elegant, die Zukunft stand ihnen offen. Sie heirateten, und Ana zog in sein Familienanwesen außerhalb von Freiburg. Doch mehr und mehr fühlte sie sich wie eine Vase, zum Anschauen eingekauft. Er blieb länger weg, ohne Erklärungen. Irgendwann hatte sie genug, sagte sich los.

Mitte 30 war sie da. Wie aufgewacht, so beschrieb sie sich. Zum ersten Mal fragte sie sich, was sie eigentlich von ihrem Leben erwartete. Sie begann ein zweites Studium: Philosophie. Liebte die Dialektik, liebte es, sich in Probleme zu vertiefen, verliebte sich in einen Mann, der zwölf Jahre jünger war als sie. Sie diskutierten die Nächte hindurch.

Beide waren sie stark, beide auf ihre Art schillernd. Er das Arbeiterkind, sie aus der Oberschicht. Sie wollten es wagen, aber auf keinen Fall in Freiburg, viel zu eng war es dort. Also ein Neustart in Berlin, Friedenau, in der heruntergekommenen Altbauwohnung mit Kohleofen, kostenlos wohnen gegen Instandsetzung.

Ana hatte die schillernde und teure Welt hinter sich gelassen. Sie kaufte ihre Sachen second hand, klopfte im Supermarkt hinten an der Tür und fragte nach Gemüse vom Vortag. Und dennoch blieb sie eine Dame. Sah elegant aus und hatte eine Aura, die Respekt einflößte.

Zwei Kinder kamen auf die Welt, Tochter und Sohn. Ana ließ sich als Dolmetscherin ausbilden, um von zu Hause aus arbeiten zu können. Sie wollte da sein, wenn die Kinder aus der Kita oder der Schule kamen. Wollte zweimal am Tag warmes Essen auf den Tisch stellen. Wollte fragen, wie der Tag war, was die Kinder erlebt hatten, wie sie die Welt sahen und die Mitschüler und die Lehrer. Als der Sohn rauchte, stellte sie sich zu ihm und seinen Freunden und sagte: „Gib mir auch eine und erklär’ mir, warum du das toll findest.“

Sie kümmerte sich um die Kinder, verdiente das Geld, während ihr junger Mann an seiner Doktorarbeit saß. Sie liebte ihn, liebte ihn ihr ganzes Leben lang, doch irgendwann funktionierte das Zusammenleben nicht mehr. Sie trennte sich von ihm, auch wenn es hart war. Auch wenn sie von nun an eine alleinerziehende Mutter war. Wenn sie morgens aus dem Bett fiel, über den Flur wankte, den Kindern, der Katze und dem Vogel Guten Morgen sagte, brauchte sie einen starken Kaffee, erst dann funktionierte sie. Sie übersetzte, wo immer man sie brauchte. In der Botschaft, bei Gericht, bei der Polizei. Einmal saß sie einem Mafiaboss gegenüber, der verhört wurde. Der bot ihr auf Spanisch das doppelte Gehalt an, wenn sie für ihn arbeiten würde. Sie lehnte ab.

Die Kinder begannen ihr eigenes Leben, und Ana begann, sich um ihren Bezirk zu kümmern. Ob es das Rathaus war, das renoviert werden musste, oder die alte Kaisereiche, die geehrt werden sollte, oder das Rheinstraßenfest, das jährlich gefeiert wurde, oder die Bäume auf der alten Allee, die neu gepflanzt wurden, Ana war zur Stelle. Kämpfte sich durch die Verwaltungen, setzte Dinge in Bewegung, strahlte die Menschen an und war von einer Ausdauer und Verbindlichkeit, dass es schwerfiel, ihr irgendetwas abzuschlagen. Hatte man ihr einmal etwas zugesagt, blieb man besser dabei.

Sie hatte ihren kleinen Parterrevorgarten, um den sie sich kümmerte. Ihre Katze, die sie liebte. Ihre Aquarelle, die sie malte. Ihre Opern, die sie gerne besuchte. Ihre Nachbarn und Freunde, die sie gerne traf. Die Kinder, auf die sie stolz war und irgendwann, endlich, auch das Enkelkind. Ihr Leben war so perfekt, wie es sein kann. So überschritt sie die 57, das Alter, vor dem sie sich gefürchtet hatte, weil ihre Mutter mit 57 gestorben war.

Mit 65 wurde sie krank. Leukämie und Lymphkrebs. Sie rang um jedes weitere Jahr, um jedes Projekt, dass sie noch anstoßen konnte. Ihre Kinder kamen und pflegten sie. Schließlich hat Ana sich auf das Ende eingelassen, hat es angenommen. Und ließ sich, wann immer es noch möglich war, ins Theater bringen, und sei es nur für zehn Minuten, solange sie eben konnte. Dann konnte sie nicht mehr. Im April ist sie gestorben.

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