Am Eingang zur Eisschnelllaufhalle an der Konrad-Wolf-Straße wird der ermordeten Keira gedacht. Foto: Paul Zinken/dpa
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Mordfall Keira in Berlin „Es ist wichtig, dass es einen Ort der Trauer gibt“

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Nach der Tötung von Keira G. bekommt ihre Schule Unterstützung, um mit der Ausnahmesituation umzugehen. Die Ermittler prüfen, ob die Tat ein Mord war.

An der Gemeinschaftsschule Grüner Campus Malchow in Lichtenberg ist seit vergangenem Mittwoch nichts mehr wie zuvor. Auf diese Schule ging die 14-jährige Keira, die in der vergangenen Woche erstochen wurde, und die gleiche Schule besuchte auch der mutmaßliche Täter, ein 15-jähriger Junge.

„Ein Schulbetrieb unter normalen Bedingungen ist momentan nicht möglich“, sagte der sichtlich mitgenommene Schulleiter Thomas Barthl, als er sich am Montag kurz vor Pressevertretern äußerte. „Wir sind schockiert und traurig. Wir versuchen jetzt, die einzelnen Klassen Stück für Stück aufzufangen.“

Täter und Opfer waren verabredet

Unterdessen sitzt der Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Er hat die Kernhandlung, die Tötung des Mädchens mit dem Messer, vor den Ermittlern der Mordkommission gestanden. Und dennoch begründete die Staatsanwaltschaft ihren Antrag auf Haftbefehl mit der Verdunkelungsgefahr. Dieser scheinbare Widerspruch hat dem Vernehmen nach eine einfache Erklärung: Da das Motiv noch unklar ist und der Junge keine Angaben machte, wird derzeit intensiv geprüft, ob der 15-Jährige zielgerichtet, also geplant vorging.

Bekannt ist bislang nur, dass er sich für den Tattag mit seinem Opfer in der Wohnung des Mädchens verabredet hatte. Ermittler überprüfen nun Computer und Telefone des Tatverdächtigen sowie Einträge in sozialen Netzwerken, ob es Hinweise auf eine Planung oder eine Ankündigung der Tat gibt. Hinweise auf eine Sexualtat gibt es nicht. Die beiden sollen kein Paar gewesen sein, heißt es bei Ermittlern. Bei der Obduktion wurden 20 Messerstiche im Körper der 14-Jährigen entdeckt, einer hatte das Herz getroffen.

Bislang lautet der Tatvorwurf der Staatsanwaltschaft auf Totschlag. Sollte Edgar H. seine Mitschülerin nicht spontan nach einem Streit getötet haben, sondern geplant, wäre das – Mord. Der Junge soll ein guter Schüler gewesen sein, er besuchte den evangelischen Konfirmandenunterricht. Nun sitzt er in Untersuchungshaft.

"Erstmal muss es um die Trauer um das Opfer gehen"

Thomas Barthl, Schulleiter seit 27 Jahren, hat eine solche Situation noch nicht meistern müssen. Und ein vergleichbarer Fall in Berlin, dass Täter und Opfer auf die gleiche Schule gingen, ist auch der Bildungsverwaltung auf Anhieb nicht bekannt. Wie geht eine Schule mit einer solchen Ausnahmesituation um?

„Erstmal muss es um die Trauer um das Opfer gehen, um Unterstützung für Freunde, Mitschüler und Angehörige“, sagt Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen. „Es ist wichtig, dass es einen Ort der Trauer gibt, dass ein eigener Raum eingerichtet wird, in den sich Schüler einzeln oder in Gruppen zurückziehen können.“ Auch Rituale, etwa eine Schweigeminute, könnten helfen.

Einen Trauerraum gibt es am Grünen Campus. „Schüler bringen Blumen und Briefe mit und haben Bilder aufgehängt“, sagte Schulleiter Barthl. Er und seine Kollegen haben schnell reagiert. Gleich nachdem ihn die Nachricht vom Tod Keiras am Mittwochabend erreichte, schaltete er das Krisenteam der Schule ein – das sind mehrere Schulangehörige, die sich um Gewaltprävention und um die Bewältigung von akuten Krisen kümmern.

Sie orientierten sich an dem Notfallplan, den die Bildungsverwaltung und die Unfallkasse erstellt haben und in dem das Vorgehen bei Vorfällen wie Gewalttaten und Unglücken an Schulen beschrieben wird. Sie kontaktierten das Kriseninterventionsteam der Berliner Schulpsychologie und die Schulaufsicht.

"Es muss ein sicherer Raum geschaffen werden"

Fünf Schulpsychologinnen sind seitdem an der Schule im Einsatz. Sie bieten Einzel- und Gruppengespräche für Schüler und das Schulpersonal an, unterstützen und beraten die Lehrkräfte und die Schulleitung beim Krisenmanagement. Die Gesprächsangebote seien immer freiwillig, sagt Matthias Siebert, Fachbereichsleiter der Schulpsychologie in Steglitz-Zehlendorf, der selbst nicht mit dem Fall betraut ist.

„Eine wichtige Aufgabe der Schulpsychologinnen ist es, darüber aufzuklären, dass es ganz verschiedene Reaktionen auf diese Belastung geben kann, und dass all diese Gefühle auch normal und erlaubt sind.“ Manche Menschen verfallen in eine Starre oder wollen am liebsten flüchten, andere reagieren eher mit Tatendrang, mit Wut und Trauer, und manche fühlen auch erstmal gar nichts – oder erst viel später etwas.

„Es muss ein sicherer Raum geschaffen werden, an dem man diese Sachen äußern darf, ohne dass man befürchten muss, dafür verurteilt zu werden“, sagt Siebert. Es sei auch wichtig, den Betroffenen zu vermitteln, dass sie das, was sie jetzt erleben, bewältigen können, dass es wieder besser werde. „Und wenn diese Schockphase mehre Wochen unverändert anhält, dann kann man sie ermutigen, sich professionelle psychologische Hilfe zu suchen.“

Psychologe Seifried sagt, es sei zudem wichtig, dass die Schüler über die polizeiliche Aufklärung des Falles informiert würden. Psychologen oder die Schulleitung sollten beispielsweise die Nachricht, dass der Fall aufgeklärt ist, den Schülern mitteilen. Auch Eltern spielten eine entscheidende Rolle dabei, ihre Kinder zu stabilisieren. „Man sollte nicht mit Fragen bohren. Aber Offenheit und Verständnis zeigen, dass es vielleicht eine Weile nicht nach Plan läuft, für die Kinder da sein, Zeit haben.“ Wenn sich Eltern überfordert fühlen, sollten sie sich nicht scheuen, sich jederzeit an die Schulpsychologie zu wenden.

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Und dann gehe es darum, wieder Alltagsstrukturen zu schaffen. „Das vermittelt Sicherheit, gerade bei Traumatisierungen“, sagt Seifried. Auch das wird am Grünen Campus Malchow bereits umgesetzt. In allen Klassen bis auf eine finde Unterricht statt, teilte die Bildungsverwaltung am Dienstag mit. Wenn auch nicht unter normalen Bedingungen. Wie auch.

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