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Zwei Kerzen brennen einen Tag vor Prozessbeginn am Unfallort. Foto: Jörn Hasselmann
© Jörn Hasselmann

Mit Tempo 102 auf den Gehweg gerast Prozess gegen SUV-Fahrer nach Unfall mit vier Toten in Berlin beginnt

Vier Passanten starben, als ein 44-Jähriger in der Invalidenstraße auf den Gehweg raste. Auslöser war ein Anfall. Hat sich der Mann dennoch schuldig gemacht?

Zwei Grablichter brennen, daneben stehen drei kleine Blumentöpfe. Ein Teelicht ist erloschen. Hier, auf dem Gehweg an der Ecke Invalidenstraße und Ackerstraße, starben vier Menschen. Ein dreijähriger Junge, dessen 64-jährige Großmutter und ein Paar, zwei Männer auf Berlin-Besuch, 28 und 29 Jahre alt. Mit hoher Geschwindigkeit war ein Geländewagen auf den Gehweg gerast. 

Dieser Unfall am 6. September 2019 hat sich wie kaum ein anderer in das Gedächtnis der Berliner eingebrannt. Da ein schwerer Geländewagen beteiligt war, entzündete sich eine heftige Debatte über SUVs in der Stadt und Flächengerechtigkeit zwischen Autos, Radfahrern und Fußgängern.

An diesem Mittwoch beginnt nun vor dem Berliner Landgericht der Prozess gegen den Fahrer des Porsche-SUV. Angeklagt ist ein 44-Jähriger, der während der Fahrt einen epileptischen Anfall erlitten haben soll. Im März dieses Jahres hatte die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Mann erhoben wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs.

Sie wirft dem Mann vor, den hochmotorisierten Wagen gefahren zu haben, "obwohl er infolge eines bekannten Anfallsleidens und einer kurz zuvor durchgeführten Gehirnoperation nicht in der Lage war, aktiv am Straßenverkehr teilzunehmen". Der 44-Jährige sei von seinem Arzt gewarnt worden: Er "soll in der Zeit seit der Krankheitsdiagnose vor dem Unfall mehrfach durch seinen behandelnden Neurologen dazu aufgefordert worden sein, bis auf weiteres kein Fahrzeug mehr zu führen", teilte die Anklagebehörde mit.

"Infolge eines epileptischen Anfalls ungebremst auf den Fußweg gefahren"

Dennoch saß der 44-Jährige an diesem Abend um 19.10 Uhr hinter dem Steuer seines Porsche Macan Turbo. Auf der Invalidenstraße soll er wegen des vor ihm wartenden Verkehrs auf den Fahrstreifen der Gegenrichtung ausgeschert sein und dort beschleunigt haben. "Infolge eines epileptischen Anfalls soll er konstant voll beschleunigt haben und ungebremst auf den Fußweg gefahren sein", erklärte die Staatsanwaltschaft. Das Fahrzeug traf die vier an der Ampel wartenden Passanten nach 80 Metern Fahrt mit einer Geschwindigkeit von 102 bis 106 km/h, wie Gutachter anhand der Fahrzeugdaten rekonstruierten. Der Junge, seine Oma und das Touristenpaar waren sofort tot.

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Neun Angehörige der Opfer sind nach Angaben des Gerichts als Nebenkläger zu dem Prozess zugelassen. 70 Zeugen hat die Staatsanwaltschaft benannt. Im Mittelpunkt der Verhandlung dürften medizinische Fragen stehen. Das Gericht hat bislang 20 Termine bis Anfang Februar 2022 angesetzt.

Modellprojekt: Straße und Kiez sollen umgestaltet werden

In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Invalidenstraße verwandelt. Kurz nach dem Unfall organisierte ein Anwohner eine Internet-Petition „Sichere Wege für Schul- und Kita-Kinder auf der Invalidenstraße“, die mehr als 10.000 Menschen unterstützten. Drei Wochen nach dem Unfall traf sich der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) mit den Anwohnern, sieben Wochen nach dem Unfall wurde Tempo 30 eingeführt.

Radfahrer sind nun mit Pollern geschützt auf einem Teil der Invalidenstraße. Für Fußgänger änderte sich nichts. Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
Radfahrer sind nun mit Pollern geschützt auf einem Teil der Invalidenstraße. Für Fußgänger änderte sich nichts. © Jörn Hasselmann

Später entstanden mit Pollern geschützte Fahrradwege auf beiden Straßenseiten, und zwar zwischen Gartenstraße und Elisabethkirchstraße. Dafür verschwanden Parkplätze. Gegen den Pollerradweg hatte ein Gewerbetreibender geklagt - und verloren.  Ein Anspruch auf Beibehaltung optimaler Belieferungsmöglichkeiten bestehe nicht, stellte das Gericht fest. Verbesserungen für Fußgänger gab es bislang nicht. 

Nach einigem Hin und Her startete ein Modellprojekt, das zwischenzeitlich von der Senatsverkehrsverwaltung und dem Bezirk Mitte abgesagt worden war, nun doch in diesem Sommer. Es soll über die bisherigen Maßnahmen hinausgehen: Forscher und Studierende der Technischen Universität Berlin (TU) wollen mit der Verkehrsverwaltung ein Konzept zur Umgestaltung der Straße und der angrenzenden Nachbarschaft entwickeln. In das Modellprojekt sollen die Gewerbetreibenden nun erstmals eingebunden werden.

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