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Ein Servicemonteur im Inneren einer Vestas-Windanlage. Foto: Patrick Pleul/dpa
© Patrick Pleul/dpa

„Mehr als ein Schock“ Windanlagenbauer Vestas schließt Werk in der Lausitz

Zum Jahresende soll das Werk in Lauchhammer mit 460 Mitarbeitern geschlossen werden. Die Landesregierung kämpft um Rettung.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat die Schuldigen schnell ausgemacht: Armin Laschet, Markus Söder und Jens Koeppen, der Brandenburger Spitzenkandidat der Union für den Bundestag, haben die Schließung des Vestas-Standorts in Lauchhammer zu verantworten. „Alle drei haben sich immer wieder für Abstandsregeln für die Windenergie ausgesprochen und sich geweigert, Hürden für den Windausbau zu beseitigen“, meint die DUH.

Am Montag hatte der dänische Windmühlenhersteller auf einer Betriebsversammlung in Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) mitgeteilt, das Werk mit 460 Mitarbeitern im Landessüden zum Jahresende schließen zu wollen. Für die Lausitz, die vor dem Ausstieg aus der Braunkohle steht, ist das bitter. Seit 2002 hatte Vestas in Lauchhammer Rotorblätter gefertigt. Der Konzern will sich künftig auf den Bau von Windanlagen für die hohe See konzentrieren.

Überraschung und Verärgerung prägten am Dienstag die Stellungnahmen in Wirtschaft und Politik. Brandenburgs Landesregierung will sich um „eine Modifikation der Entscheidung“ bemühen, sagte Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD). Es habe am Dienstag ein erstes Treffen mit einem der dänischen Geschäftsführer im Ministerium gegeben. „Die Gründe, weshalb der Standort verlegt wird, sind für uns nur partiell nachvollziehbar“, sagte Steinbach dem Tagesspiegel. „Denn nach der Bundestagswahl ist mit klaren Vorgaben des Gesetzgebers zu rechnen, den Windkraftausbau in Deutschland voranzutreiben.“

Im Gespräch habe er „den Versuch unternommen, wenigstens drei Monate mehr Zeit zu gewinnen, um einen möglichen Investor zu suchen und zumindest für Teile der Belegschaft eine Übernahme zu erreichen. Es gibt keine Zusage, ob Vestas diesem Wunsch entsprechen wird.“

Die Entscheidung hatte die Belegschaft, die Stadt Lauchhammer und auch Brandenburgs Kenia-Regierung aus SPD, CDU und Grüne kalt erwischt, die die Braunkohleregion zum Vorreiterland für klimaneutrale Produktionen machen will. Dagegen sehen die Linken, die von 2009 bis 2019 in der damals rot-roten Koalition das Land mitregiert hatten, die Regierung in der Verantwortung.

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„Offenbar ist die Nachfrage nach den Rotorblättern erneut gesunken“, erklärt Landtagsfraktionschef Sebastian Walter. „Daran trägt auch die Landesregierung eine Mitschuld, mit Blick auf den viel zu geringen Ausbau der Windkraft im Land in den vergangenen Jahren.“ Es fehle ein klares Bekenntnis der Landesregierung zu einem weiteren Ausbau der dringend notwendigen erneuerbaren Energien.

Der brandenburgische Verband Windenergie war „völlig überrascht“ und kritisierte den Zeitpunkt der Kommunikation durch Vestas wenige Tage vor der Bundestagswahl als „äußerst unglücklich“. Die Lausitz gehört zu den Regionen in der Bundesrepublik, in denen die AfD die meisten Stimmen bekommt. „Wir brauchen jetzt mehr Tempo bei den Genehmigungen und dem Zubau der Windenergie“, schlussfolgert der Windenergieverband aus der Vestas-Entscheidung.

Bei der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), die für die Braunkohle und auch das Vestas-Werk zuständig ist, war man ebenfalls überrascht worden. Bislang gibt es keine Gespräche mit dem Vestas-Management über einen Interessenausgleich und Sozialplan. Die Gewerkschaft erwägt auch Verhandlungen über einen so genannten Sozialtarif, in dem Fall dürfte auch gestreikt werden. Allerdings gibt es dafür offenbar noch nicht genügend Gewerkschaftsmitglieder in der betroffenen Belegschaft, die auch bereit wären, für den Standort zu kämpfen, hieß es bei der IG BCE. Für die Beschäftigten sieht man in der Gewerkschaft durchaus Alternativen in der Region, BASF etwa suche Mitarbeiter für die Kathodenfertigung in Schwarzheide.

Probleme beim Zubau von Windmühlen

Vestas gilt seit Jahren als ein Unternehmen der Zukunft. Der dänische Konzern, der nach eigenen Angaben auf ein Familienunternehmen Ende des 19. Jahrhunderts zurückgeht und seit 1979 Windkraftanlagen produziert, profitiert vom Klimaschutz. Vestas nennt sich Weltmarktführer bei der Windenergie. Die Probleme bei dem Zubau von Windmühlen an Land machten Vestas aber in den vergangen anderthalb Jahren ebenso Probleme wie der Siemens-Energy-Tochter Gamesa.

Bei der Präsentation der Halbjahreszahlen vor gut einem Monat räumte Unternehmenschef Henrik Andersen Probleme ein. Vestas habe seine Position als Marktführer jedoch verteidigt, „obwohl das erste Halbjahr aufgrund von Lieferkettenbeschränkungen in Schlüsselmärkten langsamer als erwartet verlief“. Aus diesen Gründen senkte er die Prognose für das laufende Jahr. Mit einem Umsatz von 16,5 Milliarden Euro rechnet der Konzern nun – das sind rund 500 Millionen Euro weniger als ursprünglich avisiert.

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Auch wenn der Ausblick und die aktuelle Bilanz schlechter war als von Analysten erwartet, kehrte Vestas unter dem Strich in die Gewinnzone zurück. Der Überschuss lag bei 90 Millionen Euro nach einem Verlust von fünf Millionen Euro im Vorjahr. Mit Blick auf die installierte Leistung wächst Vestas noch immer. 119 Gigawattstunden gibt das Unternehmen für seine über 66 000 Anlagen in 83 Ländern an. Weltweit arbeiten rund 29 000 Personen für den Konzern.

Für Lauchhammer ist die Schließung des Standortes „mehr als ein Schock“, wie Bürgermeister Jörg Rother in einem Interview auf der Facebookseite der Stadt sagte. Die Stadt habe mit Blick auf die Bundestagswahl, in dem der Ausbau der Windkraft als Zukunftsmodell propagiert werde, große Hoffnungen gehabt. Mit einer Schließung gingen Gewerbesteuern im mittleren sechsstelligen Bereich verloren. Bereits vor zwei Jahren hatte Vestas am Standort etwa 500 Stellen abgebaut und damit die Belegschaft nahezu halbiert.

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