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Ein Wunsch, den alle teilen: Frieden für die Ukraine. Foto: Christian Mang/REUTERS
© Christian Mang/REUTERS

Update „Man hält Putin nicht mit Friedenstauben auf“ Alle wollen ein Ende des Krieges – doch der Weg ist umstritten

Jonas Fedders Luca Klander

Mehr als 20.000 Menschen beteiligten sich an der Friedensdemo in Berlin – auch Geflüchtete aus der Ukraine. Uneins ist man sich, was gegen Putin zu tun ist.

Immer wieder stimmten Demonstranten die ukrainische Nationalhymne an – denn unter den Teilnehmern der Großdemo gegen Russlands Angriff auf die Ukraine am Sonntag waren auch etliche, die selbst vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind. Unter anderem eine junge Frau, die wie viele andere Ukrainer erst vor wenigen Tagen am Berliner Hauptbahnhof angekommen ist und nun gemeinsam mit drei ukrainischen Freunden zur Solidarität mit ihrer Heimat aufrief.

„Slava Ukraini“, Ehre der Ukraine, rief sie laut, streckte die ukrainische Flagge in den Himmel und sagte auf Russisch: „Ich möchte Putin tot sehen“. Sie habe Angst, erklärte die Frau, um ihre Familie, Freunde und Bekannte, die in Kiew lebten und nun unter immer prekäreren Bedingungen ausharrten, während die russischen Truppen „die Schlinge um die ukrainische Hauptstadt“ immer enger zögen.

Zahlreiche Menschen demonstrierten erneut gegen den Krieg Russlands in der Ukraine. Allerdings waren es deutlich weniger als bei der letzten Großdemo vor zwei Wochen. Die Polizei zählte 20.000 bis 30.000 Teilnehmer. Das Veranstalter-Bündnis aus Gewerkschaften, Kirchen, Umweltschutzinitiativen und Friedensgruppen sprach von 60.000 Demonstranten. Gerechnet hatte es mit 100.000.

Unter dem Motto „Stoppt den Krieg. Frieden und Solidarität für die Menschen in der Ukraine“ setzten sich gegen 12 Uhr am Alexanderplatz mehrere tausend Menschen in Bewegung. An der Spitze des Zuges fuhr ein Karnevalswagen mit einem Pappmaché-Putin, der sich die Ukraine in den Rachen stopft: „Erstick daran!!!“, stand darauf zu lesen.

Auf der Straße des 17. Juni stießen dann noch viele weitere tausend Menschen hinzu. Kundgebungen von unterschiedlichen Bewegungen fanden vor dem Brandenburger Tor und der Siegessäule statt.

DGB-Chef gegen Aufrüstung - und für Hilfen bei hohen Energiepreisen

Während in Berlin allein am Samstag erneut tausend geflüchtete Ukrainer untergebracht werden mussten und weitgehend Einigkeit herrscht, dass alles Mögliche getan werden muss, um den Menschen zu helfen – Organisationen verzeichnen große Hilfsbereitschaft bei den Berlinern –, zeigten sich die Demonstranten sichtlich uneinig in der Frage, wie Deutschland, Europa und die Nato auf den Konflikt reagieren sollten. So vertraten Teilnehmende und Redner äußerst unterschiedliche Auffassungen zu den Themen wie Aufrüstung und Waffenlieferungen.

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Reiner Hoffmann, forderte in seiner Rede bei der großen Kundgebung an der Siegessäule zwar ein sofortiges Ende des Krieges sowie offene Grenzen für die Menschen, die vor dem Krieg fliehen „unabhängig von ihrer Hautfarbe und Staatszugehörigkeit“. Er betonte aber auch, dass der DGB jegliche Form der Aufrüstung ablehne – und erntete prompt einige Pfiffe und Buhrufe aus der Menge.

Applaus ertönte wiederum, als er eine stärkere Beteiligung der Reichen zur Verteidigung des „sozialen Friedens“ in Deutschland forderte. Der DGB unterstütze die Sanktionen gegen Russland, sagte Hoffmann. Sie sollten und müssten Putin treffen. Darüber hinaus müsse man aber den „Schutz der Schwächsten in unserer Gesellschaft“ im Blick haben, welche besonders von den gestiegenen Heizkosten und Benzinpreisen betroffen seien.

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Die Mitglieder der Föderation der demokratischen Arbeitervereine (DIDF), die ebenfalls mit zahlreichen Mitgliedern mitliefen, zeigte sich hingegen besorgt, dass die 100 Milliarden für Rüstung demnächst in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Soziales fehlen würden, wie es ein Plakat der Vereinigung sichtbar machte. Auch müsse man sich fragen, ob gesteigerte Rüstungsausgaben wirklich zu unserer Sicherheit beitrügen, wenn man es mit der drittstärksten Militärmacht der Welt zu tun habe, erläuterte dazu ein 25-jähriges Mitglied.

„Ich kriege so einen Hals, wenn ich diese linksradikalen Spinner sehe“

Ein Mann mit einer ukrainischen Flagge, Stefan Lauter, störte sich wiederum an Demonstranten, die die Nato auflösen wollten. „Die Nato ist das Verteidigungsbündnis, das uns vor Putin beschützt“, sagte er. „Ich kriege so einen Hals, wenn ich diese linksradikalen Spinner sehe.“ Lauter, der in Prenzlauer Berg wohnt, sagte, er habe viele ukrainische Freunde. Er sei 2016 in Kiew im Urlaub gewesen und überwältigt von der Stadt und den Menschen gewesen. „Und jetzt wird diese wunderschöne Stadt kaputtgeschossen.“

Hilfe für die Ukraine - die Demonstration war auch ein Signal der Solidarität. Foto: Christian Mang/REUTERS Vergrößern
Hilfe für die Ukraine - die Demonstration war auch ein Signal der Solidarität. © Christian Mang/REUTERS
Bisweilen war der Protest auch sehr emotional. Foto: Christian Mang/REUTERS Vergrößern
Bisweilen war der Protest auch sehr emotional. © Christian Mang/REUTERS

Andere Teilnehmer wie der 72-jährige Bernd aus Tiergarten oder Ordnerin Helga Reimund aus Kreuzberg meinten, dass der Konflikt weiter über Verhandlungen gelöst werden müsse. Bernd kritisierte die angekündigte Erhöhung des Militäretats. „Waffen töten immer, sie verlängern den Krieg“, sagte er. „Dann gibt es mehr Opfer, mehr Kinder sterben.“ Er findet, man solle weiterhin auf Diplomatie und Gespräche mit Putin setzen. „Man darf nicht alle Stricke reißen lassen.“

Am Rande der Demo stand Sebastian aus Wedding. Er hielt ein Schild in die Luft: „9 Millimeter für Putins Gezeter.“ Das sei sein stiller Protest gegen die Großdemonstration der Friedensbewegung. „Ich verstehe nicht, wie man in einer Zeit, in der wir Aufrüstung brauchen, für Abrüstung demonstrieren kann“, sagte er. „Es braucht Waffen, um diesen Angriffskrieg zu beenden.“

„Putin versteht nur Stärke“

So sahen es auch die Teilnehmer der separat angemeldeten Ukrainer-Demo am Brandenburger Tor - dort fanden sich zwischen 500 und 1000 Menschen ein. Dort sprach sich nicht nur eine der Rednerinnen für die von der Nato bisher abgelehnte Flugverbotszone aus. „Das bedeutet nicht mehr Krieg, es bedeutet Frieden für die Menschen vor Ort“, sagte sie. Die Ukraine sei ein verlässlicher Partner des Westens. „Sie verdient es, neues Mitglied einer demokratischen EU zu werden.“

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Daniel, ebenfalls aus Wedding, hatte eine Nato-Fahne zum Pariser Platz mitgebracht. „Die Nato ist der einzige Garant, der Putin davon abhalten kann, den Rest von Europa anzugreifen“, sagte der 33-Jährige. Von der Großdemo auf der Straße des 17. Juni hielt er nichts. Vor zwei Wochen habe er sich die Demo angesehen, sich aber mit vielen Forderungen nicht anfreunden können. „Da war die Rede von Entmilitarisierung, Verhandeln, Reden“, sagt er. „Das ist naiv. Man kann Putin nicht mit Friedenstauben aufhalten.“

Die Forderungen der Ukrainer nach einer Flugverbotszone unterstützte er. „Natürlich habe ich die Sorge, dass der Krieg weiter eskaliert, aber es gibt keine Alternative“, sagt er. „Putin versteht nur Stärke.“

„Schützt den ukrainischen Himmel“, forderte auch Christian aus Reinickendorf auf seinem Plakat. „Der Westen fällt auf den Bluff von Putin rein“, sagte der 31-Jährige. Zwar sehe er das Risiko, dass der Krieg sich ausweiten könnte. „Aber ich glaube nicht, dass Putin den Schritt des Atomkriegs geht, denn dann ist es auch für ihn vorbei.“ An der Großdemonstration vor zwei Wochen habe er sich beteiligt, an diesem Sonntag aber nicht. „Man ist dort für das große Wort Frieden, aber was bedeutet das?“, sagt er. „Da war mir die Botschaft zu verwässert.“

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