Vier Fußgänger starben hier in der Invalidenstraße - viele Menschen trauern. Foto: DAVIDS/Sven Darmer
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Update Mahnwache nach Verkehrsunfall mit vier Toten Trauer und Wut in der Invalidenstraße

Bei einer Mahnwache trauerten hunderte Menschen in Berlin um die getöteten Fußgänger. Das Video eines TV-Senders zeigt die letzten Sekunden bis zum Unfall.

Trauer und Fassungslosigkeit beherrschten den Tag nach dem schweren Verkehrsunfall in der Invalidenstraße. Mehrere hundert Menschen gedachten bei einer Mahnwache der vier Fußgänger, die hier am Freitagabend zu Tode gekommen sind. Vier Minuten war es ganz still, für jeden der vier getöteten hielten die Anwesenden eine Schweigeminute.

Die Vereine FUSS, Changing Cities und Verkehrsclub Deutschland hatten für Samstagabend zu einer Mahnwache an der Unfallstelle aufgefordert. Sie forderten weniger Autos und sowie strengere Geschwindigkeitsbegrenzungen. „Jeder Stundenkilometer mehr ist eine zusätzliche Gefahr – und mit überschweren SUVs noch mehr als mit kleineren Fahrzeugen“, hieß es.

Als Mahnmal für die Opfer wurden an zwei Pfosten vier weiße Personenschablonen angebracht, darauf das Alter der Verstorbenen. In der benachbarten Elisabethkirche wurde im Anschluss zum gemeinsamen Gedenken geladen.

Am Freitagabend kurz nach 19 Uhr raste hier ein Porsche-SUV von der gegenüberliegenden Fahrbahn auf den Gehweg, vier Menschen starben, darunter ein Kleinkind und seine Großmutter. Fünf weitere Personen wurden verletzt.

Warum genau der 42 Jahre alte Fahrer eines Porsche Macan von der Fahrbahn abkam, ist derzeit noch Gegenstand der Ermittlungen, unbestritten ist am Tag danach jedoch die deutlich überhöhte Geschwindigkeit des Wagens.

Spuren der Zerstörung: Das Auto fuhr an der Ecke Invalidenstraße und Ackerstraße auf einen Gehweg und tötete vier Menschen. Foto: Britta Pedersen/dpa Vergrößern
Spuren der Zerstörung: Das Auto fuhr an der Ecke Invalidenstraße und Ackerstraße auf einen Gehweg und tötete vier Menschen. © Britta Pedersen/dpa

Nach bisherigen Erkenntnissen startete der Mann seinen Wagen nur etwa 90 Meter von der Unfallstelle entfernt aus westlicher Richtung und kam dann kurz vor der Kreuzung/Ackerstraße Invalidenstraße auf der rechten Fahrspur fahrend nach links auf den gegenüberliegenden Gehweg ab.

Dort erfasste er vier Menschen und riss mehrere Metallpoller sowie eine Ampel aus der Verankerung. Zwei Männer im Alter von 28 und 29 Jahren, eine 64-jährige Frau und ein drei Jahre alter Junge verstarben noch am Unfallort.

Erst nachdem der SUV einen Baustellenzaun zu einer brachliegenden Grünfläche durchbrochen hatte, kam er mit dem Heck nach hinten und der Stoßstange zur Straße zum Stehen.

Ein Video des TV-Senders rtl zeigt die letzten Sekunden vor dem Unfall. Darauf ist zu sehen, wie der Porsche mit hoher Geschwindigkeit über die Kreuzung rast. Gefilmt wurde die Szene aus dem Auto eines anderen Verkehrsteilnehmers.

Der 42-Jahre alte Fahrer des Unfallwagens erlitt Kopfverletzungen und kam zur stationären Behandlung in ein Krankenhaus, seine 67-jährige Beifahrerin und ein sechs Jahre altes Mädchen, das auf dem Rücksitz saß, blieben weitestgehend unverletzt und wurden beide zur Beobachtung in ein Krankenhaus gebracht.

An der Unfallstelle legten viele Menschen Blumen und Kerzen nieder und gedenken der Toten vom Freitagabend. Foto: Helena Piontek Vergrößern
An der Unfallstelle legten viele Menschen Blumen und Kerzen nieder und gedenken der Toten vom Freitagabend. © Helena Piontek

Am Samstagmittag teilte die Berliner Polizei mit, sie prüfe auch, ob ein medizinischer Notfall des Fahrers zu dem Unfall geführt haben könnte. Noch am Abend kursierten Gerüchte, der 42-Jährige können einen Herzinfarkt erlitten haben. Dem Verkehrsunfallkommando der Polizei, das den Hergang bereits kurz nach dem Unfall ermittelte, soll die Beifahrerin gesagt haben, der Fahrer hätte einen Beinkrampf erlitten und daher das Gaspedal durchgedrückt. Intern halten Polizisten diese Aussage jedoch für eine Schutzbehauptung.

In der Invalidenstraße sind eigentlich 50 Kilometer pro Stunde erlaubt, Anwohner und Augenzeugen waren sich am Samstagmorgen einig: Diese Ecke war für alle Verkehrsbeteiligten schon lange viel zu gefährlich. Es ist eng und unübersichtlich, viele parken mal eben in zweiter Reihe und wer aus beiden Seiten der Ackerstrasse auf die Invalidenstrasse einbiegen oder sie überqueren möchte, muss sich langsam vortasten. Und dennoch: Dass hier deutlich mehr als 50 Kilometer pro Stunde gefahren wird, sei an der Tagesordnung.

An der Unfallstelle legen viele Passanten Blumen und Kerzen nieder, kaum jemand geht vorbei, ohne kurz innezuhalten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
An der Unfallstelle legen viele Passanten Blumen und Kerzen nieder, kaum jemand geht vorbei, ohne kurz innezuhalten. © Kitty Kleist-Heinrich

"Ich hoffe, dass die Unfallursache sehr schnell aufgeklärt werden kann"

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) zeigte sich am Sonnabend erschüttert über den Unfall. Er kondolierte den Angehörigen: „Es ist schrecklich, dass hier im Zentrum der Stadt wieder unschuldige Passanten durch einen Autounfall ums Leben gekommen sind“, sagte Müller. Besonders tragisch sei der Tod des kleinen Kindes. „Ich hoffe, dass die Unfallursache sehr schnell aufgeklärt werden kann und wünsche allen Betroffenen Kraft und Beistand. Meine Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden“, erklärte der Regierende Bürgermeister.

Auch Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) zeigte sich entsetzt: „Für das Leid der Angehörigen lassen sich keine Worte finden“, sagte sie. „Ihnen gehört mein tief empfundenes Mitgefühl.“ Man müsse analysieren, wie es zum Unfall gekommen sei, bevor man über mögliche Konsequenzen nachdenken könne.

Stephan von Dassel (Grüne), zuständiger Bezirksbürgermeister von Mitte, kritisierte die schweren SUV-Autos. „Solche panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt“, teilte er am Samstag mit. „Es sind Klimakiller, auch ohne Unfall bedrohlich, jeder Fahrfehler wird zur Lebensgefahr für Unschuldige.“

Tempo 30 als Standard in der Innenstadt?

Roland Stimpel von Fuss e.V., einem Interessenverband für Fußgänger, sagte dem Tagesspiegel: „Auch wenn die Details noch nicht bekannt sind, steht eines fest: Der Wagen ist viel zu schnell gefahren.“ Geschwindigkeit sei die Schlüsselgröße bei Unfällen. Selbst ein Tempo von 50 oder 60 Kilometern pro Stunde könne bei einem Unfall tödliche Auswirkungen haben. Stimpel fordert: „Tempo 30 muss deshalb in der Innenstadt der Standard werden.“ 50 Kilometer pro Stunde sollten nur noch im Ausnahmefall erlaubt werden, wenn „ungepanzerte Fußgänger oder Fahrradfahrer“ nicht gefährdet seien – etwa auf Ausfallstraßen oder in Industriegebieten.

Stimpel kritisiert auch die Autokonzerne. Der Unfallwagen, ein Porsche Macan, werde vom Konzern so beworben, dass Menschen zu gefährlichen Fahrweisen ermutig würden.

„Wir haben bewiesen, dass wir uns nichts diktieren lassen. Keinen Trends folgen. Sondern lieber unsere eigenen Abenteuergeschichten schreiben“, steht auf der Internetseite, die das Auto bewirbt. Grundsätzlich, sagt Stimpel, hätten SUV in Städten nichts verloren.

„Diese dicken SUV sind gefährliche Dinosaurier.“ Er wolle kein Verbot, allerdings solle der Staat beispielsweise über steuerliche Regulierungen nachdenken.

CDU-Generalsekretär Stefan Evers äußerte am Sonnabend Unverständnis über die politische Debatte. „Ich finde es zynisch, so einen Einzelfall zu nutzen, ideologisch motivierte Projekte voranzutreiben“, sagte Evers. „Das wird den Opfern nicht gerecht.“ Würden sich alle Verkehrsteilnehmer an die Regeln halten, würde es auch weniger Probleme geben. „Wir müssen vielleicht strikter durchgreifen.“

Henner Schmidt, verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, sagte dem Tagesspiegel: „Der schreckliche Unfall hat uns alle erschüttert. Jetzt müssen die Ursachen genau untersucht und dann überlegt werden, welche Schlussfolgerungen daraus für eine verbesserte Verkehrssicherheit gezogen werden müssen.“

Aus Respekt vor den Opfern, sagte der Liberale am Sonnabendmittag,  sei es völlig unangebracht, den Unfall für verkehrspolitische Forderungen zu instrumentalisieren.

In einem Tweet äußerte sich indes die Deutsche Umwelthilfe: "SUVs haben in Städten nichts zu suchen!" Sie spekulierte, es handle sich um einen "Raser-Unfall", und brachte ihn in Verbindung mit der Automobilbranche. (mit dpa)

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