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Ertappt. Peter Lorre, Inge Landgut in Fritz Langs "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". Foto: imago images/Everett Collection
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„M“ und „Kuhle Wampe“ Berliner Filmklassiker fürs Heimkino restauriert

Zwei legendäre Streifen von Slatan Dudow und Fritz Lang sind nun als aufwendige DVD-Boxen erhältlich. Beide Filme sind eng mit Berlin verbunden.

Vor 25 Jahren, zum 100. Geburtstag des Kinos, veranstaltete der Deutsche Kinematheksverbund unter Fachleuten und Filmkritikern eine Umfrage zu den „100 wichtigsten deutschen Filmen“. An der Spitze lag mit großem Abstand Fritz Langs „M“, am 11. Mai 1931 im Ufa-Palast am Zoo uraufgeführt.

Zunächst war als Titel „Mörder unter uns“ vorgesehen, der einzelne Buchstabe schien dem Regisseur aber „interessanter und wirksamer“, zudem war das „M“, das sich einer der Verfolger des von Peter Lorre gespielten Kindermörders mit Kreide auf die Handfläche malt, um diesen damit zu brandmarken, das zentrale Motiv der Werbekampagne zum Filmstart.

Im Laufe der Jahrzehnte ist der etwas karge Titel ins Reißerische ergänzt worden, hieß nun „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“, womit sich die Frage stellt, um welche Stadt es sich wohl handelt. Sie bleibt im Film ungenannt, auch berühmte Gebäude werden nicht gezeigt, Lang hat sich dennoch kaum Mühe gemacht, zu kaschieren, dass Berlin gemeint war.

Viereinhalb Millionen Einwohner soll die Filmstadt zählen, das entspricht etwa der Größe Berlins Anfang der dreißiger Jahre. Nur hier hieß es kurz „Alex“, wenn ein ertappter Ganove ins Polizeipräsidium abtransportiert werden sollte, und nur hier wurden „IA“-Autokennzeichen vergeben.

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Auch wird an einer Litfaßsäule für eine „Tanzschule Glaw“ in der Pichelsdorfer Straße 1 in Spandau geworben, zeigt ein Plakat des „Städtischen Nachrichtendienstes“ das Wappen von Berlin und liest der Innenminister eine am 17. November 1930 in Berlin erschienene Tageszeitung.

Bei der Mördersuche hilft der Stadtplan von Berlin

Und wer immer noch Zweifel hat: Sowohl die Polizei wie die vom „Schränker“ dirigierten, ebenfalls Berlin-typischen Verbrecherorganisationen der „Ringvereine“ bedienen sich bei ihrer Suche nach dem Mörder eines Stadtplans der Reichshauptstadt.

Im Kino entgehen einem solche oft sekundenkurzen Details schon mal, anders als zu Hause vor dem Monitor des DVD-Players, wo man innehalten, ganz genau hinschauen kann.

Da passt es gut, dass der Verleih Atlas Film soeben, ein halbes Jahr vor dem 90. Jubiläum der Uraufführung, ein aufwendig gestaltetes, auf 2000 Exemplare limitiertes Mediabook zu Langs „M“ herausgebracht hat. Es enthält neben einem Booklet mit historischen Dokumenten und filmhistorischen Informationen den 2001 restaurierten und der Urfassung weitestgehend angenäherten, 2011 dann digitalisierten Film gleich doppelt, als Blu-Ray und DVD.

Der Fall eines Serienmörders diente als Inspirationsquelle

Der Film, zu dem Lang und seine Frau Thea von Harbou das Drehbuch schrieben, war von dem Fall des im Mai 1930 verhafteten Düsseldorfer Serienmörders Peter Kürten inspiriert. Er ist ebenso ein spannender Kriminalfilm wie eine Sternstunde der Filmkunst, fast dokumentarisch genau in der Schilderung der kriminalistischen Arbeit, mit Otto Wernicke als Kommissar Lohman, eine Figur, die dem Leiter der Berliner Mordinspektion Ernst Gennat nachempfunden war.

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Und er ist ein fast prophetisches Spiegelbild der kurz vor ihrem Ende stehenden Weimarer Gesellschaft, mit dem von Gustaf Gründgens gespielten Schränker, der mit seinen Hetzreden gegen den auszumerzenden Kindermörder sich wie eine Vorwegnahme von Joseph Goebbels ausnimmt.

Der fand den Film sehr gelungen, verstand ihn als Rechtfertigung der Todesstrafe, was Lang stets bestritten hat. Nachdem der Regisseur Deutschland 1933 verlassen hatte, sank Goebbels' Wohlwollen allerdings, und im Juli 1934 wurde „M“ verboten. Nur Peter Lorres Schlussmonolog, in dem er vor dem Verbrechertribunal seinen Trieb zu töten zu erklären versucht, tauchte 1940 in dem Film „Der ewige Jude“ noch einmal auf, missbraucht als antisemitische Propaganda.

Bertolt Brecht (stehend) während der Dreharbeiten zu dem Film "Kuhle Wampe". Foto: akg-images Vergrößern
Bertolt Brecht (stehend) während der Dreharbeiten zu dem Film "Kuhle Wampe". © akg-images

Als „M“ aus den Kinos verbannt wurde, war Slatan Dudows „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“ bereits seit über einem Jahr verboten. Der frisch restaurierte Film wurde von Atlas Film parallel zu Fritz Langs Mördersuche als ähnlich ausgestattetes Mediabook veröffentlicht und setzt eine Reihe deutscher Filmklassiker fort, in der unter anderem bereits Langs „Das Testament des Dr. Mabuse“ sowie „Die Büchse der Pandora“ und „Die 3-Groschen-Oper“ von G. W. Pabst erschienen sind.

Zu „Kuhle Wampe“ hatte Bertolt Brecht mit Ernst Ottwalt das Drehbuch verfasst - „unter dem frischen Eindruck der Erfahrungen aus dem Dreigroschenprozess“. Sie waren nicht sehr gut gewesen, der über die Verfilmung des Stücks ausgebrochene Streit hatte vor Gericht geendet.

"Kuhle Wampe" hieß ein Arbeiterzeltplatz am Müggelsee

Der Film entlieh seinen Titel dem ehemaligen Arbeiterzeltplatz „Kuhle Wampe“ am Müggelsee. Er thematisiert am Beispiel einer Familie die damals grassierende Arbeitslosigkeit, stellt die für Brecht in der Zeltsiedlung „herrschenden lumpenkleinbürgerlichen Verhältnisse“ den straff organisierten, sein von Hanns Eisler vertontes „Solidaritätslied“ schmetternden Arbeitersportvereinen gegenüber: „Vorwärts und nicht vergessen“.

Auch spart er nicht an Kritik gegenüber den staatlichen Organen, denen dies gar nicht gefiel. Der Film wurde zweimal verboten, bevor er nach Schnitten freigegeben wurde und am 30. Mai 1932 im Berliner Kino „Atrium“ deutsche Uraufführung hatte. Von den Zensoren fühlte Brecht sich durchaus verstanden: „Der Inhalt und die Absicht des Films geht am besten aus der Aufführung der Gründe hervor, aus denen die Zensur ihn verboten hat.“

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