Demonstranten entzünden Bengalos auf einem Haus im Neuköllner Schillerkiez. Foto: dpa
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Update Linksautonome demonstrieren in Berlin Chaotische Szenen im Schillerkiez, brennende Barrikaden in Prenzlauer Berg

Julius Geiler

Steine und Flaschen fliegen, Mülltonnen stehen in Brand: Berlin hat eine unruhige Nacht hinter sich. Die Polizei zieht eine erste Bilanz. 

Es dürfte eine der größten Demonstrationen der linksautonomen Szene der vergangenen Jahren gewesen sein. Am Samstagabend, kurz nach 20 Uhr, sollte es vom Neuköllner Herrfurthplatz in Richtung Hermannstraße gehen.

Laut Polizeiangaben versammeln sich etwa 2500 Personen im Neuköllner Schillerkiez zu einem Aufzug, der unter dem Motto „Raus aus der Defensive – Gegen Räumungen, Abschiebungen & Faschisierung“ angemeldet worden war. Ein großer schwarzer Block führt die Demonstration an.

Anlass des Protests ist die für den 7. August per Gericht angeordnete Räumung der Kiezkneipe „Syndikat“ in der Weisestraße. Zusätzlich sorgen die jüngsten Streitigkeiten rund um die besetzten Häuser in im Friedrichshainer Nordkiez (Rigaer Str. 94 und Liebigstr. 34) sowie die mittlerweile vom Berliner Landgericht abgesegnete Räumung des linken Jugendzentrums „Potse“ in Schöneberg für starken Zulauf. 

Etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Demonstration werfen Unbekannte aus dem Demonstrationszug plötzlich Steine und Farbbeutel auf ein Neubauprojekt an der Ecke Hermannstraße und Flughafenstraße. Daraufhin stoppt die Polizei den Zug, die Situation eskaliert. 

Linksautonome greifen sofort die Einsatzkräfte an, so schildert es die Polizei in einem Bericht am Sonntag. Sie umzingeln teils unbehelmte Streifenbeamte und bewerfen sie mit Steinen. Dem Tagesspiegel liegen Videoaufnahmen vor, die dutzende Steinwürfe auf Polizisten zeigen. Ein Zeuge spricht von einem "koordinierten Steinhagel".

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In weiteren Videos, die Anwohner und Demonstranten im Internet veröffentlichen, ist zu sehen, wie die Polizei den Zug stürmt, um die Gewalttäter zu stellen – chaotische Jagdszenen entstehen. Polizisten in Kampfanzügen rennen, Demonstranten flüchten in die Seitenstraßen, Menschen fallen zu Boden, Pyrotechnik wird gezündet. Drei Polizisten werden in dieser Situation verletzt, berichtet die Polizei. Ein weiterer Mitarbeiter erleidet einen Schock.

Die Lage ist zu diesem Zeitpunkt unübersichtlich, es lässt sich kein fester Demonstrationszug mehr ausmachen. Mehrere hundert Teilnehmer liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei im gesamten Schillerkiez mit seinen vielen Nebenstraßen. Mülleimer brennen und Protestler errichten Straßenblockaden. Auch zeigen Fotos, wie Menschen auf Dächern Pyrotechnik entzünden. Die Polizei hatte für einige Minuten die Kontrolle verloren.

Ein weiteres Video zeigt Aufnahmen aus einem Polizeiwagen. Der Wagen parkt am Straßenrand, als dutzende Autonome vorbeilaufen. Plötzlich durchschlägt ein Stein das Fenster, Splitter fliegen durch die Fahrerkabine. Die beiden Polizisten im Wagen sind unbehelmt, der Fahrer gibt sofort Gas. Sein Beifahrer brüllt: "Geht's Dir gut?" Die Autonomen johlen.

Vor allem rund um den Herrfurthplatz geht es chaotisch zu. Während in den angrenzenden Restaurants zu Abend gegessen wird, blockieren Randalierer Nebenstraßen mit Baustellen-Material. Dichter Rauch liegt über dem Stadtteil. Immer wieder fliegen Steine und Flaschen. Die Demonstranten beschädigen zwei Einsatzfahrzeuge und ein SPD-Parteibüro in der Hermannstraße.

Nachalarmierte Kräfte beruhigen die Lage

Erst als weitere Polizisten eintreffen, kann die Lage beruhigt werden. Mehrere Hundertschaften drängen den verbliebenen Demonstrationsblock zum Rückzug, ein Hubschrauber kreist über dem Kiez. Die Linksautonomen ziehen sich in die Hermannstraße und den Schillerkiez zurück. 

Linksautonome beschädigten auch Autoscheiben. Foto: dpa Vergrößern
Linksautonome beschädigten auch Autoscheiben. © dpa

Schon wenig später zeugen nur noch die zahlreichen Einsatzfahrzeuge der Polizei von der kurzzeitigen Eskalation, viele Gewalttäter sind geflohen. Ein vorbeigehender Passant fragt angesichts der massiven Polizeipräsenz, „ob denn schon wieder Karstadt überfallen wurde“ und die Beamten räumen die letzten E-Scooter von der Hermannstraße, die von Autonomen als Blockademittel genutzt wurden. 

Nachdem es in Neukölln ruhig geworden ist, ziehen einige Teilnehmende der Demo nach Prenzlauer Berg. Das war in der Szene offenbar schon im Vorfeld so besprochen worden. Gegen 23 Uhr versammeln sich bis zu 200 Personen zu einem nicht angemeldeten Aufzug an der Kreuzung von Knaackstraße und Wörther Straße, der dann von Einsatzkräften bis zum Senefelderplatz begleitet wird.

Dort errichten sie erneut Barrikaden auf der Straße und setzen sie in Brand. Wie die Polizei berichtet, werden mehrere Autoscheiben und Spiegel zerstört. Wieder fliegen Flaschen und Steine. Nachdem die Polizei drei Demonstranten festgenommen hat, teilen sich die Menschen in kleinere Gruppen auf und verlassen den Platz.

Der SPD-Innenxperte Tom Schreiber schreibt am Sonntag: "Ich wiederhole mich gerne: die Linksautonomen nutzen die Schließung vom #Syndikat für ihre gewalttätigen Aktionen." Ihr Ziel sei nicht die Solidarität mit der Kiezkneipe Syndikat, sondern Menschen in Uniform. "Die Linksextremisten sind Feinde der Demokratie!", schreibt Schreiber.

Insgesamt 133 Festnahmen am Samstag

Mit einer Bilanz tut sich die Polizei einen Tag später schwer. Wie viele Polizisten und Demonstranten bei den linken Protesten verletzt wurden, kann sie nicht genau sagen. Lediglich eine Gesamtbilanz zu allen Demonstrationen des Samstags ist möglich, eingeschlossen sind also die Vorfälle bei der Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Mitte. 

[Den ganzen Demo-Tag in Berlin noch einmal nachlesen können Sie hier im Newsblog zu den Protesten am Samstag.]

Demnach wurden insgesamt 45 Polizisten verletzt. Teils mussten Beamte im Krankenhaus behandelt werden, weil Glassplitter sie im Gesicht verletzt hatten. Insgesamt nahm die Polizei am Samstag 133 Personen fest. 

Die Einsatzkräfte mussten 89 Strafermittlungsverfahren und 36 Ordnungswidrigkeitenverfahren einleiten, unter anderem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und wegen Landfriedensbruchs. Zudem führt die Polizei Ermittlungsverfahren wegen Zusammenrottung und wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

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