Wichtige Grundlagen werden in den Grundschulen geschaffen. Doch ausgerechnet hier arbeiten die meisten Quereinsteiger. Foto: Bernd Wüstneck/dpa
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Update Lehrermangel in Berlin Senat schafft es nicht, Quereinsteiger besser zu verteilen

Alle Zahlen Schule für Schule: Die Anteil der ungelernten Lehrer steigt rasant. Grundschulen sind am stärksten betroffen. Scheeres kündigt neues Konzept an.

Eigentlich sollte alles besser werden: Die SPD-Fraktion hatte von ihrer Bildungssenatorin Sandra Scheeres verlangt, die Quereinsteiger gerechter zu verteilen. Jetzt stellt sich heraus: Die Belastung ausgerechnet von Schulen in sozialen Brennpunkten durch einen besonders hohen Anteil nicht ausgebildeter Lehrer stieg erneut. Erstmals gibt es sieben Schulen, die mehr als 30 Prozent Quereinsteiger im Kollegium haben.

Dies belegen neue Zahlen, die der Abgeordnete Joschka Langenbrinck (SPD) erfragt hat. Sie liegen dem Tagesspiegel exklusiv vor. Angesichts der fortschreitenden Entmischung der Kollegien kündigte die Bildungsverwaltung am Wochenende auf Anfrage ein neues „Konzept zur Verteilungsgerechtigkeit“ an.

Während es im Vorjahr noch 27 Schulen gab, an denen über 20 Prozent Quereinsteiger unterrichten, sind es aktuell 45. In diesen Zahlen sind noch nicht einmal die so genannten rund 1000 Seiteneinsteiger enthalten: Dabei handelt es sich um Lehrer, denen nicht nur die didaktische Ausbildung sondern auch das Studium eines regulären Schulfachs fehlt.

[Die Tabellen mit den Quereinsteigerquoten aller Berliner Schulen, die der SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck erfragt hat, finden Sie für das Schuljahr 2019/20 HIER und für 2018/19 HIER.]

Der höchste Anteil: 36 Prozent

Anteilig die wenigsten gelernten Lehrer gibt es an den Grundschulen. Daher sind es auch ausnahmslos Grundschulen, die jetzt die Marke von 30 Prozent Quereinsteigern überspringen mussten: Hinter der Weddinger Gottfried-Röhl-Schule mit 36 Prozent folgen die Carl-Bolle-Schule (Moabit), die Hermann-Schulz-Schule (Reinickendorf), die Grundschule am Sandhaus (Pankow), die Schule am Hasenhegerweg (Neukölln), die Christoph-Ruden-Schule (Buckow) und die Schule im Ostseekarree (Lichtenberg).

  • In sieben Schulen liegt der Quereinsteigeranteil über 30 Prozent (2018/19: in keiner Schule).
  • In 45 Schulen ist mehr als jede fünfte Lehrkraft nicht voll ausgebildet (2018/19: 27 Schulen).
  • In 200 Schulen wurde die Marke von zehn Prozent Quereinsteigern überschritten (2018/19: 170 Schulen).

Rund 140 Pensionäre helfen aus

Neuerdings werden auch Studenten als Seiteneinsteiger bezeichnet, die parallel zum Lehramt-Masterstudium unterrichten: An diesem Programm „Unterrichten statt kellnern“ nehmen aktuell knapp 90 Masterstudierende teil (2018/19: 120). Außerdem unterrichten rund 140 pensionierte Lehrkräfte (2018/19: 156), um die besonders gravierenden Lücken in den Mangelfächern auszugleichen

Der Lehrermangel führt zu allerlei Verlegenheitslösungen. Eine davon ist die Einstellung tausender Quereinsteiger. Foto: dpa Vergrößern
Der Lehrermangel führt zu allerlei Verlegenheitslösungen. Eine davon ist die Einstellung tausender Quereinsteiger. © dpa

Scheeres hatte bereits im Vorjahr versucht, die zusätzlich eingestelten Quereinsteiger besser zu verteilen. Zu diesem Zweck wurden die Schulen, die nur ausgebildete Lehrer beschäftigen, dazu verpflichtet, bei Neueinstellungen mindestens einen Quereinsteiger aufzunehmen. Es gab sofort Proteste: In Einzelfällen drohten ausgebildete Junglehrer damit, in andere Bundesländer zu wechseln, wenn sie wegen der neuen Vorgabe nicht an ihre Wunschschule kommen sollten.

Noch gibt es Schulen ohne Quereinsteiger

Dennoch konnte die Bildungsverwaltung jetzt verkünden, dass die Zahl der Schulen ohne einen einzigen Quereinsteiger von 140 auf 100 gesenkt wurde. Allerdings ist unklar, inwieweit dieser Fakt Scheeres' Neuregelung und inwieweit er dem allgemein steigenden Lehrermangel geschuldet ist.

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Keinen sichtbaren Effekt auf die Verteilung der Lehrer hat bislang die monatliche 300-Euro-Zulage für Lehrer an Brennpunktschulen, die seit 2018 gezahlt wird. Sie wird dennoch beibehalten - als Zeichen der Wertschätzung für die betreffenden Lehrkräfte.

Langenbrinck machte die Ungleichverteilung publik

Noch ist keine Trendwende bei der Lehrerverteilung absehbar, zumal die Schülerzahlen weiter steigen und der Lehrermangel anhält. Langenbrinck gibt sich daher nicht mit den bisherigen kleinen Schritten bei der Lehrerverteilung zufrieden: Ihm geht es vor allem darum, die Ballung der Quereinsteiger in Regionen wie Neukölln, Marzahn, Lichtenberg oder Mitte abzumildern.

Um diese Ballung zu belegen, hatte er seit dem Schuljahr 2017/18 durchgesetzt, dass die Bildungsverwaltung die Zahlen nennen muss: Seither ist die Lage Schule für Schule belegt.

Darüber hinaus wurde bekannt:

  • Die Anteil der voll ausgebildeten Lehrer an den Neueinstellungen betrug im Sommer 2019 nur rund 40 Prozent.
  • Das bedeutete: Es fingen knapp 1100 reguläre Lehrer an, 710 Quereinsteiger sowie 940 Seiteneinsteiger.
  • Die Lage unterscheidet sich von Schulform zu Schulform.
  • Die Förderschulen haben den niedrigsten Quereinsteigeranteil (3,8 Prozent) gefolgt von den Gymnasien (5,4 Prozent).
  • 2018/19 waren an Grundschulen rund 85 Prozent der Neueingestellten keine ausgebildeten Grundschullehrer:
Seit drei Jahren reichen nicht einmal die Quereinsteiger, um die freien Stellen zu besetzen: Seither müssen verstärkt Seiteneinsteiger aushelfen, die nicht nur kein Lehramtsstudium absolviert haben, sondern auch kein Fach, das in der Schule vorkommt. Sie werden auch "Lehrer ohne volle Lehrbefähigung" genannt. Grafik: Tagesspiegel/Böttcher Vergrößern
Seit drei Jahren reichen nicht einmal die Quereinsteiger, um die freien Stellen zu besetzen: Seither müssen verstärkt Seiteneinsteiger aushelfen, die nicht nur kein Lehramtsstudium absolviert haben, sondern auch kein Fach, das in der Schule vorkommt. Sie werden auch "Lehrer ohne volle Lehrbefähigung" genannt. © Grafik: Tagesspiegel/Böttcher

Forderung nach einer Quotenregelung

Angesichts der fortschreitenden Entmischung der Kollegien forderte Langenbrinck am Wochenende, den Einsatz des Lehrpersonals an Schulen „noch stärker zu steuern“. Es gehe um „Chancengleichheit für alle Schüler und alle Kieze“. Auch die Forscher der Universität Potsdam und der Bertelsmann Stiftung Dirk Richter und Dirk Zorn hatten 2019 gefordert, stärker zu steuern: Die Bildungsverwaltung solle regulär ausgebildete Lehrer Schulen „zuweisen“ und es nicht bei dezentralen Castings belassen. Zudem votierten sie für eine „Quotenregelung“, bei der festgelegt wird, „wie viele Quereinsteiger maximal an einer Schule unterrichten dürfen“. Ob Scheeres diese Vorschläge in ihrem neuen „Konzept zur Verteilungsgerechtigkeit“ aufgreift, war nicht zu erfahren.

Quer- und Seiteneinsteiger summieren sich auf rund 7000

Die Zahl der Quereinsteiger unter den Neueinstellungen steigt seit Jahren an, drastisch passierte das erstmals 2014. Wenn man alle Quer- und Seiteneinsteiger, die seither ihre Arbeit in den Berliner Schulen aufgenommen haben, addiert, kommt man auf rund 7000. Schätzungsweise mehr als jeder fünfte Berliner Lehrer hat demnach kein Lehramtsstudium absolviert. In Berlin waren von den neu eingestellten Lehrkräften 2018 rund 60 Prozent Quer- und Seiteneinsteiger. Bundesweit lag dieser Wert viel niedriger, nämlich nur bei 13 Prozent.

Die Verbeamtungsfrage kommt erneut ins Plenum

"Wir halten an unserer Forderung fest, dass an unseren Schulen nicht mehr als 20 Prozent an Lehrkräften ohne pädagogische Ausbildung tätig sein darf", betonte der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Dirk Stettner, am Montag. Zudem sei längst überfällig, dass Berlin als letztes Bundesland Lehrer verbeamtet: "Unser Antrag dazu wird am Donnerstag im Plenum beraten, die SPD hatte sich auf ihrem Parteitag ebenfalls für die Verbeamtung ausgesprochen. Sie kann das gern mit uns zusammen durchsetzen und damit Wort halten", lautet Stettners Vorschlag.

"Die Bildungssenatorin muss alles daran setzen, dass wieder vollausgebildete Lehrerinnen und Lehrer den Weg an die Berliner Schulen finden. So kann und darf es einfach nicht weitergehen", meldete sich am Montag auch FDP-Bildungsexperte Paul Fresdorf zu Wort.

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