Kein Mensch braucht die ganze Welt, aber einen Freund, den braucht jeder

Seit sie sich im Maßregelvollzug kennengelernt haben, kocht Rolf Beier für seinen Freund Jörg Riese. Foto: privat
Leben nach der Haft in Berlin Die letzte Chance eines Serientäters

Als er seine neun Jahre Strafhaft verbüßt hat, lässt sich Beier auf eigenen Wunsch in die Klinik des Maßregelvollzugs verlegen. Er sagt: „Ich wollte endlich eine Therapie machen, die mir hilft.“ Die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, „Bonnies Ranch“ genannt, wurde 1880 im Norden Berlins gebaut. Früher Irrenanstalt, dann Heilstätte, heute forensische Psychiatrie. Hinter meterhohen Sicherheitsglaswänden und Gitterzäunen leben psychisch kranke Straftäter: Schizophrene, Drogenabhängige, Pädophile, Psychopathen.

Ein Tag Ende September. Moment, sagt Beier in der Haustür. Er muss den Betreuern im Parterre eben noch mitteilen, dass sein Gast eingetroffen ist, bevor er ihn zum Sofa geleiten kann. Kaffee? Limo? Es ist halb elf, der Fernseher läuft ohne Ton.

Alles steht, wo es beim letzten und vorletzten Mal stand, nichts stapelt sich, kein Papier auf dem Schreibtisch, kein Geschirr in der Spüle, kein Staub auf dem Sideboard, die Tablettendose hat Beier auf dem Couchtisch sorgsam neben Brillenputztuch, Handyhalter und Tabaktüte ausgerichtet. Das meiste stammt aus dem Sozialkaufhaus.

Diesmal steht Jörg Riese, der besorgte Freund, wahrhaftig in der Tür

Beier setzt sich auf seinen Platz unter dem Kuscheltier, greift zum Smartphone, präsentiert im Kalender bunte Felder, alles Termine, sagt er stolz: Jobcenter, Ohrenarzt, Bewährungshilfe, Ambulanz, Zahnarzt. Die schlechten Tage sind die leeren Tage im neuen Leben von Rolf Beier. „Die ganze Zeit in der Hütte, das ist scheiße“, sagt er. Wenn die Bude immer enger, die Zweifel wieder größer werden. Schaff ich das? Kann ich jemand sein hier draußen? Nach so langer Zeit?

Es klingelt. Dieses Mal steht Jörg Riese, der besorgte Freund, wahrhaftig in der Tür: 47 Jahre alt, ein nicht sehr großer, aber breiter Kerl, rasierter Schädel, silberne Ringe rechts und links im Ohr.

Hallo, Dicker, sagt Beier.

Tachchen, Bruder, entgegnet Riese.

Sie kennen sich von „Bonnies“, waren Zimmernachbarn. Riese ist jetzt Freigänger, schläft noch in der Maßregelvollzugsklinik, arbeitet tagsüber aber in einer Behindertenwerkstatt als Haustechniker, „Fenster, Türen, alles, was so anfällt“. Das Leben hat die Falten hart in sein Gesicht gegraben, eine Erkältung die tiefen Ringe unter den blauen Augen schwarz eingefärbt.

Als Riese und Beier sich an einem Tag im Jahr 2007 das erste Mal begegnen, ist Beier schon ein paar Wochen in der Klinik. Riese sagt, der Beier war ihm gleich sympathisch. „Ick hab seine Tattoos gesehen, original Knast-Tattoos, nicht so ’ne ästhetische Kackscheiße. Und dann hatter och gleich losjesabbelt.“

Keiner braucht die ganze Welt. Viele Freunde, eine große Familie gehören zum Luxus der Behüteten. Aber einen einzigen Menschen, den braucht jeder. Um gesehen zu werden, sich selbst zu spüren, überhaupt zu sein. Für Beier ist das Riese.

Rieses Kindheit, es ist das gleiche Lied wie bei Beier, nur mit anderer Melodie: Rieses Vater, ein Säufer und Schläger, haut ab, da ist Jörg gerade fünf. Die Mutter, mit vier Söhnen überfordert, nimmt keine Hilfe an. Sie schickt Jörg mit neun fort, bis zur Volljährigkeit hat er alle Heimhierarchien der DDR durchlaufen. „Es war die alte Spirale. Immer wieder Knast und jedes Mal gewalttätiger.“ 21 Strafeinträge stehen in seiner Akte, als er in die Psychiatrie einzieht.

Wenn Beier an Formularen verzweifelt, ruft Riese bei der Behörde an

Weißt du noch, fragt Riese: Wie sauer du warst wegen der Medikamente?

„Ick wollte da nicht rumloofen wie so ’n Uhu“, sagt Beier, springt vom Sofa auf, um zu demonstrieren, wie er Patienten hat durch den Hofgarten laufen sehen: mit hängendem Kopf, schlaffen Schultern, schlurfenden Schritten. Ja, sagt Riese, das sind die Schizos, voll auf Halodol.

Aber weißt du noch, fragt Beier dann: Wie du gefuttert hast, als sie dir die ersten Psychopharmaka verpasst haben? Lithium und Seroquel, 400 Milligramm morgens, 400 Milligramm abends, gegen die Wut. Riese bekommt Heißhunger von dem Zeug, stopft tafelweise Ritter Sport in sich hinein, drei, vier am Tag. Riese, einst „voll auf Zelle gepumpt“, kostet die Völlerei den Waschbrettbauch und ein Vermögen. Er verschuldet sich bei seinem Nachbarn, legt von 74 auf 105 Kilo zu. Schulden zahlt man zurück, Ehrenkodex. Deshalb schlägt Beier ihm vor, sein Geld zu verwalten, bis die 50 Euro abgezahlt sind. So wurden sie zu Freunden. Was das heißt? „150 Prozent geben, ehrlich und aufrichtig!“, sagt Riese.

Freundschaft braucht Rituale. Jeden Samstagmorgen, punkt zehn, verschwindet Beier in der Klinik in die Küche, um zu kochen. Als Riese auf eine andere Station verlegt wird, ticken beide erst mal aus. Dann kocht Beier wieder. „Gegessen haben wir dann in den Freistunden im Hofgarten: sommers wie winters.“

Bruder. Brüderchen – man sollte besser nicht nach Liebe fragen, da sind die Herren sehr empfindlich. Freunde, basta. Wenn Beier an Formularen verzweifelt, den Mann bei der Rentenversicherung nicht versteht, ruft Riese bei der Behörde an. Wenn die Wut Riese die Wände hochtreibt, kriegt Beier ihn wieder runter.

In der Psychiatrie hat keiner geglaubt, dass ihre Freundschaft auch in Freiheit hält. Riese sagt, dass nur zwei Dinge ihren Bund zerstören könnten.

Erstens: „Der Tod“, sagt Riese. Beier nickt begeistert. Und zweitens? Eine Frau. „Der Rolf muss da höllisch aufpassen. Der neigt dazu, sich zum Liebeskasper zu machen“, sagt Riese. Er selbst gehe sich Frauen „nur noch mieten“, das sei ein ehrliches Geschäft, allen bliebe der Ärger erspart, „und die Brüderlichkeit“ erhalten.

Und Beier? Winkt ab und sagt: Ach was. „Ich werde ja auch nicht jünger.“ Also kocht er für Riese, jeden Samstag, immer noch. Letzte Woche Kotelett, Blumenkohl, Kartoffeln. Vorletzte Kasseler, Rotkohl, Klöße.

Spricht er da wirklich? Oder einer seiner Therapeuten?

Für Riese sucht die Klinik gerade einen Platz im betreuten Wohnen, dann geht es weiter wie bei Beier: Führungsaufsicht, Ambulanz, Urinkontrollen, Therapie, Betreuer, Bewährungshilfe, Überwachung und Unterstützung. Ob er sich auf die Freiheit freue? Nee, sagt Riese. Jetzt nicht mehr. „Wir müssen jeden Tag aufpassen, dass sich in Ausnahmesituationen diese Kräfte nicht wieder entfalten.“

Passiert immer wieder, auch bei Beier, dass etwas plötzlich so fremd, fast auswendig gelernt klingt. Wenn Beier etwa sagt: „Ich habe ja nie gelernt, im sozialen Umfeld zu leben.“

Spricht da wirklich er? Oder einer seiner Therapeuten? Nicht mal Beier kann das noch trennen. Und die Juristen wissen das genau.

„Dabei war nicht außer Betracht zu lassen, dass der Angeklagte — aufgrund der Begutachtung in früheren, gegen ihn geführten Strafverfahren – bereits therapieerfahren ist und weiß, worauf es ankommt.“

Etwa zehn Gutachten sind im Lauf der Jahre über Rolf Beier entstanden, ihm ist nach Aussage seiner Therapeuten so ziemlich jede bekannte Ausformung einer dissozialen Persönlichkeitsstörung attestiert worden: emotional-instabil, emotional-schizoid, mehr paranoid als schizoid, narzisstisch, egozentrisch, antisozial, paranoid-dissozial, selbstwertschwach, einzelgängerisch.

In der forensischen Psychiatrie trifft Beier auf eine Therapeutin, die ihn erreicht. Er akzeptiert die Medikamente, öffnet sich, arbeitet in der Fahrradwerkstatt, fängt an, an sich und die Freiheit zu glauben. „Die Tabletten helfen mir, ruhiger zu werden.“

Die Gefährlichkeits-Prognose des Patienten Beier überprüft das Berliner Landgericht einmal alle zwölf Monate. Unter strengen Auflagen kommt Rolf Beier nach weiteren zehn Jahren frei.

Kann das gut gehen?

Die Antwort wartet am Tor 1 der JVA Tegel, Seidelstraße, rechts neben dem Eingang. Alle zwei Wochen steigt Rolf Beier in dem Klinkerbau die Treppe hinauf, klingelt, schaut in die Kamera über der Sicherheitstür. Die Forensisch-Therapeutische Ambulanz wurde 2009 als Kooperationsprojekt zwischen der Charité und den Senatsverwaltungen für Gesundheit und Justiz gegründet. Sie kümmert sich um die harten Fälle: 100 Gewalttäter, Pädophile und Sexualstraftäter frisch auf freiem Fuß, darunter zehn SVler und drei Frauen, viele mit schwieriger Prognose.

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