"Es wurde krampfhaft versucht, keine Mordurteile auszusprechen"

Das Gutachten von Hans-Ludwig Kröber, 56 Seiten, brachte Rolf Beier die Sicherungsverwahrung ein. Foto: picture alliance / dpa
Leben nach der Haft in Berlin Die letzte Chance eines Serientäters

Einer glaubt an eine Tat aus dem Affekt bis heute nicht: Professor Hans-Ludwig Kröber. „Was für eine abstruse Geschichte“, sagt er. Aber dieses Urteil sei typisch gewesen für die 70er und 80er Jahre, als die Berliner Justiz noch im Ruf stand, besonders milde zu sein. „Da wurde schon fast krampfhaft versucht, bloß keine Mordurteile auszusprechen“, sagt Kröber in seinem Büro, Schloßstraße 50, Zentrum für Forensisch-Psychiatrische Begutachtung. Jahrzehntelang habe man am Landgericht die Schicksale jugendlicher Straftäter romantisiert, die Gefährlichkeit ihrer seelischen Schäden falsch eingeschätzt. „Heute ist unser Blick nüchterner geworden.“

Wäre das Leben von Rolf Beier ein Kriminalroman, Hans-Ludwig Kröber wäre sein Gegenspieler: Deutschlands bekanntester Gerichtspsychiater, 66 Jahre alt, ein Hüne, knapp zwei Meter groß, graue Haare, rahmenlose Brille. Kröber trat in vielen aufsehenerregenden Strafverfahren auf. Es ist sein Gutachten, 56 Seiten lang, das Rolf Beier 1999 nach seiner zweiten Vergewaltigung die Sicherungsverwahrung einbringt.

Beier wusste was er tat. Und er wusste, dass es unrecht war

Unter den Strafverteidigern gilt Kröber damals als harter Hund. Dreimal besucht er Beier in der U-Haft Moabit, in einer dafür vorgesehenen Zelle, ein Tisch, zwei Stühle. Das Gericht hat den Psychiater beauftragt, herauszufinden, ob Beier schuldfähig ist oder psychisch krank. Die Männer bleiben unter sich, reden über Beiers Kindheit, seine Frauen, seine kriminelle Karriere. Kröber macht sich Notizen zu Beiers Anstaltskleidung, seinen Tattoos, Größe, Gewicht.

„Er nimmt problemlos Kontakt mit dem Gutachter auf, verhält sich durchgängig höflich, zurückhaltend und situationsadäquat. Es finden sich keine Tendenzen zur theatralischen Überzeichnung.“

20 Jahre lang leitete Kröber das Institut für Forensische Psychiatrie der Charité, wozu auch die Ambulanz gehört, die Rolf Beier und andere Hochrisikotäter nach ihrer Entlassung betreut. Für eine verminderte Schuldfähigkeit findet er bei Rolf Beier Indizien – allerdings nicht in erheblichem Maß. Beier wusste, was er tat. Und er wusste, dass es unrecht ist.

„Der Angeklagte leidet an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, die Folge seiner lebensgeschichtlich bedingten emotionalen Verwahrlosung ist. Das wirkt sich so aus, daß er nur eine gering ausgeprägte Frustrationstoleranz besitzt.“

Die Sicherungsverwahrung gilt als das schärfste Instrument des Strafrechts. Rund 500 Häftlinge sitzen in Deutschland derzeit in SV, 44 in Berlin. 70 Prozent davon sind Sexualstraftäter, der Rest schwere Gewaltverbrecher.

Während Beier vorm Landgericht sitzt, kippt draußen die Stimmung. Die Menschen wollen von den gescheiterten Täterbiografien und Resozialisierung nichts mehr hören, sie verlangen Sicherheit. Angeheizt wird das Bedürfnis durch ein Interview des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder im Jahr 2001, in welchem Schröder für Sexualstraftäter fordert: wegschließen – und zwar für immer! Nun wurden die Anforderungen für die Verhängung der SV durch eine Vielzahl von Gesetzesänderungen schrittweise gesenkt.

"Hier hat sie gewohnt. Caro, sie war mein Untergang"

Bahnhof Spandau. Es geht weiter mit dem Bus, Beier setzt sich, stellt seinen Rucksack auf den Schoß – und springt gleich wieder auf. Seegefelder Straße. Beier geht in einen Hof, schaut die Fassaden hinauf und sagt: „Hier hat sie gewohnt: Caro, sie war mein Untergang.“ 20 Jahre alt ist er, als er sich in die Ex seines Bruders Lothar verliebt: 17 Jahre alt, braune Haare, „ein bisschen wie Catherine Zeta-Jones“, sagt Beier. Sie lernt Schneiderin im Ullsteinhaus.

„Der Liebesbeziehung kommt besondere Bedeutung zu. Sie war die erste und einzige Frau, die seine große emotionale Bedürftigkeit – zumindest für eine Zeitlang – zu stillen vermochte. Er geriet in völlige emotionale Abhängigkeit zu ihr, aus der er sich bis heute noch nicht hat lösen können.“

In der Altstadt Spandau, vorm damaligen Hertie-Kaufhaus, verlobt er sich 1977 mit Caro. „Wat is Mäuschen, willste mich heiraten?“, fragt er, zieht Caro in den Goldladen, kauft zwei Ringe, am Wochenende drauf feiern sie mit der Familie. Zwei Jahre geht es gut, bis Caro beginnt im Ku’dorf, Joachimsthaler Straße, zu arbeiten und ins Milieu abrutscht. In Deutschlands erstem „Bierdorf“ gibt es 18 Kneipen, einen Brunnenplatz, einen Jazzclub, eine Weinstube mit Livemusik – und Männer, die bereit sind, für Sex Geld zu geben. Dass seine Puppe, wie er sagt, anschaffen geht, habe er erst später und eher durch Zufall mitbekommen.

Sie streiten – und versöhnen sich. Sie machen Schluss – und kommen wieder zusammen. Er droht ihr – sie zeigt ihn an. Sie hassen sich – und landen im Bett. Viermal versucht er sich umzubringen, mal mit Tabletten, dann mit einem Messer.

Beier besteht nur noch aus Wut, als er am 10. März 1981 über das Dach und ein geöffnetes Fenster in Caros Wohnung steigt. Er zieht sein Messer, schleicht ins Wohnzimmer, wo er seine Ex-Freundin, die auf der Couch liegt, überrascht. Caro hat Angst, sie lässt sich fesseln, vergewaltigen. Als sie am Abend die Wohnung verlässt, um zur Polizei zu gehen, sticht sich Beier mit einem Messer in den Hals. Lebensgefahr besteht nicht.

Beim Prozess, sagt Beier, haben „die Kerle Stielaugen“ bekommen, als Caro in den Zeugenstand tritt: in weißem Kleid, „mit schwarzem BH und schwarzem Schlüpper“. Er selbst sitzt da und weint. Hemmungslos. „Aus Sehnsucht. Und weil ich wusste: Jetzt habe ich sie verloren. Für immer.“ Das Gericht verurteilt Rolf Beier am 21. Mai 1981 wegen Vergewaltigung zu einem Jahr und acht Monaten Haft.

„Auch die Rückfallgeschwindigkeit ist immer kürzer geworden. Zwischen der ersten Haftentlassung und der nächsten Inhaftierung lagen neun Monate, zwischen der zweiten Haftentlassung und der erneuten Inhaftierung drei Wochen, die jetzt vorgeworfene Tat hat der Angeklagte sechs Monate vor Endstrafentermin begangen.“

Beiers nächstes Ziel ist die Siegener Straße. Vor einem schmucklosen Acht-Geschosser aus der Nachkriegszeit bleibt er stehen, zeigt auf einen Balkon im Erdgeschoss und sagt grinsend: „Da sind wir als Kinder immer rein und raus.“

Seine Kindheit vergeht ohne Vorlesen, Geburtstagsfeiern und Geschenke

Er und seine Geschwister Moni, Manfred, Lothar, Christel und Tina. Rolf ist der Vierte in einer Reihe von Sieben, nur Renate, die Älteste, die habe nie bei ihnen gelebt. Der Vater ist ein Uhrmacher, der als Warenhausdetektiv arbeitet. 54 Jahre alt ist der Vater bei Rolfs Geburt, die Mutter 27 und mit der Erziehung der Kinder überfordert.

Du Penner!, so geht das von morgens bis abends, wenn Rolf mal zu Hause wohnt. Gorilla! Geh mir aus den Augen!

Die Eltern versuchen, ihn zur Adoption freizugeben. Das Kind lernt früh, was es heißt, unerwünscht zu sein, wird im Alter von drei Jahren das erste Mal weggegeben. Eine Kindheit, die ohne Zärtlichkeit, Spiele und Vorlesen vergeht, ohne Geburtstagsfeiern und Geschenke. Fotos seiner Mutter? Vom Vater? Den Geschwistern? Gibt es nicht. Dafür erinnert sich Beier an einen Streit, da ist er vielleicht sieben, der durch die Schlafzimmertür der Eltern dringt. Die Mutter, die brüllt: „Ich kann den Anblick von diesem Penner nicht ertragen!“ Der Vater, der sagt: „Dann muss er wieder weg.“

Rolf zieht von Heim zu Heim, erst in Berlin, das Paul-Gerhard-Stift, später kommt er nach Scheidegg in Bayern, dann nach Braunschweig, schließlich nach Alsenz.

„Der Angeklagte wurde in seiner Kindheit zweimal von Bekannten der Familie sexuell missbraucht. In der Folgezeit begann er damals ein Küchenmesser bei sich zu tragen.“

Jetzt steht er da, gescheitert, wie es die Mutter prophezeite, schaut auf das Haus seiner Kindheit und lässt auf sie kein böses Wort kommen. Was diese Gutachter alles über seine Mutter geschrieben haben, sagt Beier, Lügen, Halbwahrheiten. Einen gab’s, der behauptete, dass ihn seine Mutter mit einem Kuhfuß auf den Kopf geschlagen habe. „Da wär ick doch tot gewesen! Nee, hat se nich’ jeschafft, hat se nur versucht!“

Polizist zu werden war sein Traum. Die Realität sein Albtraum

Dafür war sie da, wenn er sie brauchte, sagt Beier. Damals, als er aus Liebeskummer 90 Tabletten schluckte. Wer habe ihn da zum Mittagessen wecken wollen? Die Mutter! Am liebsten denkt Rolf Beier an die Stille. Wenn es dunkel wurde, der Vater zu Bett gegangen war und die fünf Geschwister schliefen, da sei die Mutter wie ausgewechselt gewesen, habe ganz normal mit ihm geredet, auch liebevoll.

Nur dass sie ihn, Moni und Lothar auf die Sonderschule steckte, verzeiht er ihr nicht. Polizist, Krankenpfleger – das war sein Traum, die Realität ein Albtraum: Fleischerlehre – abgebrochen. Fliesenlegerlehre – abgebrochen. Er arbeitet als Lagerarbeiter bei Edeka, als Bauhelfer, Möbelspediteur, Gerüstbauer und schleppt bei „Standard-Fleisch“ Schweinehälften.

„Die sozialen Kontakte des Angeklagten sind von einem tiefen Bedürfnis nach Anerkennung und Zuwendung geprägt, worin sich sein unbewusster Wunsch verbirgt, die erlittenen erheblichen emotionalen Defizite auszugleichen. Der starke Wunsch nach Anerkennung macht ihn überdurchschnittlich abhängig von anderen.“

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