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Die Mutter liegt im Sterben, die Genehmigung für einen Freigang kommt zu spät

Immer wieder JVA Tegel. Er sitzt, als er seinen Hauptschulabschluss macht. Er sitzt, als er Claudi heiratet. Und als seine Mutter stirbt. Foto: IMAGO
Leben nach der Haft in Berlin Die letzte Chance eines Serientäters

Als Rolf Beiers Mutter im Jahr 1987 stirbt, sitzt ihr Sohn gerade wegen Totschlags, die Genehmigung für einen Freigang kommt zu spät. „Sie hat nicht lange gelitten, Streukrebs“, sagt Beier, stockt, und dass er jetzt fast zu weinen beginnt, scheint ihn selbst am allermeisten zu überraschen. Er zieht die Hand vors Gesicht, drückt mit Daumen und Zeigefinger seine Tränen zurück. Zur Beerdigung führen ihn zwei Justizvollzugsbeamte in Handschellen. Seinen Vater, 84 und im Rollstuhl, wird er dort zum letzten Mal sehen. Die Geschwister behandeln ihn wie einen Fremden.

Noch einmal geht Rolf Beier an diesem Septembertag seinen Schulweg, die Siegener Straße entlang, an den Büschen vorbei, die zu Bäumen geworden sind, über die Gleise, durch den Park, der damals noch eine Kiesgrube war. Mit einem hellen Pling meldet sein Handy eine neue Nachricht, sein Freund Jörg Riese, will wissen, wie der Tag so läuft.

„BRÜDERCHEN, ist alles ruhig bei dir?“

Beier lächelt. „Der macht sich immer Sorgen.“ Mit dem Smartphone kommt er gut zurecht, telefonieren, Whatsapp, SMS – mehr brauche er nicht. Ins Internet geht er lieber nicht, ein falscher Klick, schon hat man Schulden. Ist sicherer ohne.

Nach 20 Jahren liest er sein Urteil. Zum ersten Mal

Beier zeigt auf ein steinernes, braunes Etwas, das aussieht wie ein gigantischer Hinkelstein. „Dit Denkmal is och neu. Keene Ahnung, wofür das steht.“

Das ist ein Kletterfelsen, Herr Beier. „Ein wat?“ Da üben die Leute klettern – wie in den Bergen. Beier sagt: Aha. Es klingt wie: Macke.

Das linke Knie macht ihm zu schaffen, er setzt sich auf eine Mauer. Die Schmerzen in den Beinen seien Schuld, dass er bis heute keinen Job gefunden hat. Drei, vier Stunden könne er sitzen, höchstens. „Dann krieg ick solche Beene“, sagt Beier und was er mit den Händen zeigt, entspricht den Fesseln eines Elefanten. Mit seinem Betreuer hat er beim Jobcenter jetzt eine Untersuchung beim Amtsarzt beantragt, die ihn vom ersten Arbeitsmarkt befreit. Halbtags könnte er dann bei einem freien Träger in der Fahrradwerkstatt anfangen, „Der Chef will mich haben“, am liebsten heute. Oder morgen.

Ende Oktober 2017, Alexanderplatz. Rolf Beier geht vor dem Kino auf und ab, er ist zu früh, wie immer, trägt eine Regenjacke, beigefarbene Hose, auch wie immer, seinen Rucksack um die Schultern geschnallt. Über Beiers Kopf kräuselt sich der Rauch seines Zigarillos, kaum ausgedrückt, zündet er sich den nächsten an. Kette kann er sich nicht leisten, aber er ist nervös heute, will erst mal reden. Über diese 56 eng bedruckten Seiten Papier, die in seinem Rucksack stecken: Es sind seine beiden letzten Urteile, der Rückblick auf seine Kindheit, sein Leben hinter Gittern, die Straftaten. Er hatte sich angeboten, sie von seiner Bewährungshelferin mitzubringen – und hat sie dann selbst gelesen. Nach 20 Jahren. Zum ersten Mal.

Es ist ihm nicht bekommen. „Beim Lesen habe ich voll die Krise gekriegt“, sagt Beier. Erst habe er sich über die Fehler, die die Richter machten, geärgert, über die Lügen, Halbwahrheiten – und immer zu seinen Ungunsten. Zu Hause greift Beier zum Leuchtstift, markiert mit wütenden Strichen halbe Sätze, Seite für Seite:

„... nicht geliebt, da sie ihn fortlaufend kritisierte ...“

„... log und bestahl seine Mitschüler, seine Eltern und Geschwister ...“

„... versorgte ihn täglich auf ihre Kosten mit Essen ...“

Strich. Strich. Strich! „Abends habe ick mich erst mal mit Tabletten wegjeklinkt“, sagt Beier. Aber am nächsten Morgen haut ihn ein Gedanke wie eine gut platzierte Rechte um: Dass das Meiste eben nicht unterstrichen ist. Also stimmt. Was er allein der Doris, seinem letzten Opfer angetan habe, sagt Beier. „Da habe ich erst mal ’nen Heulkrampf gekriegt.“

„Seit der Tat hat die Zeugin keinen neuen Lebensgefährten mehr, da sie Kontakt zu Männern meidet. Sie hatte sich nach dem Vorfall in psychologische Behandlung begeben, hat das Geschehen aber bis heute nicht verarbeitet.“

Und jetzt – soll er diesen Umschlag übergeben? Wer wird dann noch glauben, dass er kein Monster ist? Dass er sich ändern kann, oder besser: schon ein anderer ist? Von der Schweigepflicht hat er die Therapeuten vor zwei Monaten entbunden, dazu die Freigabe für das Gutachten erteilt.

Warum eigentlich?

Beier sagt, weil er es beweisen will. Sich selbst. Allen, die nie an ihn geglaubt haben. Zeigen, dass er es schaffen kann. Dass man die da drinnen nicht alle abschreiben soll. „Wat soll’s“, seufzt Beier schließlich und überreicht den Umschlag.

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