Fabrikcharme. Früher saß im „Haus 1“ mal eine Heizungsfirma. Foto: Michele Galassi
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Kunstszene in Berlin-Charlottenburg Genossenschaftliche Ateliers für 30 Künstler

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Eine Genossenschaft setzt dem Atelier-Sterben etwas entgegen: Sie hat ein ganzes Gebäude für Kreative hergerichtet. Wer dabei sein will, braucht aber zunächst Kapital.

Katrin Bremermann ist in den vergangenen vier Jahren vier Mal umgezogen. Für die Künstlerin, die zuvor in Paris gearbeitet hat, war es nicht leicht, ein passendes Atelier in Berlin zu finden. Ihre bisherigen waren zu klein oder zu laut, oder der Vermieter wollte plötzlich keine Ateliers mehr im Haus. Doch nun hat sie ihr „Traumatelier“ gefunden, wie sie freudestrahlend erzählt. Im Stieffring 7, tief im Charlottenburger Gewerbegebiet, hat sich die „Atelierhaus-Genossenschaft- Berlin“ gegründet. 30 Künstlerinnen und Künstler haben hier vor zwei Jahren ein Fabrikgebäude gekauft und zu einem Atelierhaus umgebaut. Es stand lange leer, früher war hier mal eine Heizungsbaufirma beheimatet. Nun wird Kunst gemacht. „Platz, Licht, Ruhe, gute Gesellschaft, und ein Holzmarkt direkt um die Ecke – hier passt alles. Endlich.“, sagt Bremermann, die „manipulative Räume“ entwickelt. Ihre Bilder und Zeichnungen sind immer unterschiedlich groß. „Kleine Änderungen an der Form können das ganze Bild verändern“, beschreibt sie ihre Kunst.

Und das Beste an ihrem neuen Atelier sei, dass es für die nächsten Jahre gesichert sei, denn das Haus gehört ja der Genossenschaft. Um dabei sein zu können, musste sie einen Genossenschaftsanteil hinterlegen, denn das Haus wurde durch einen Kredit finanziert, der nun gemeinschaftlich abbezahlt werden muss. Die 26.000 Euro konnte die Künstlerin aus eigener Tasche bezahlen, dazu kommen noch 530 Euro Miete für das 70 Quadratmeter große Atelier. Andere in dem Haus haben einen Kredit aufgenommen oder ihre Eltern gefragt. Weitere Künstler, die mitmachen wollten, waren nicht bereit, so viel Geld zu bezahlen. Wenn Bremermann ausziehen sollte, bekomme sie die 26.000 Euro zurück, erläutert Astrid Köppe, die von Anfang an dabei war. Bei einer Genossenschaft könne niemand seinen Raum gewinnbringend weitervermieten oder verkaufen. „Wir haben das Haus dem Spekulationsmarkt entzogen.“ Die Beiträge errechnen sich aus der Größe der Ateliers, die acht Euro Warmmiete pro Quadratmeter sind für alle gleich.

Künstler haben häufig prekäre Lebenslage

Im Erdgeschoss gibt es einen großen gemeinschaftlichen Projektraum für die rund 50 Mitglieder der Genossenschaft. Projektleiter ist der Architekt Christian Hamm, der als Einziger aus den Mitteln der Genossenschaft bezahlt wird. Mieter für das Haus in Charlottenburg waren schnell gefunden. „Wenn ein Haus da ist, findet man sofort Interessenten“, meint Köppe. Die Genossenschaft plant nun, weitere Häuser in Berlin zu kaufen. „Künstler brauchen einen bezahlbaren und auf Dauer sicheren Arbeitsplatz“, so Köppe, die Emaillearbeiten fertigt. Auch Ulf Heitmann, Vorstandsmitglied der Wohnungsbaugenossenschaft „Bremer Höhe“ e.G., ist dabei. Die Genossenschaft will „den Ateliernotstand in Berlin durch Eigeninitiative kontern“, heißt es in einer Eigenbeschreibung.

Katrin Bremermann gehört zu den Kreativen, die im neuen Haus 1 ein Atelier gefunden haben. Foto: Michele Galassi
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Nach Aussage des Berliner Atelierbeauftragten Martin Schwegmann fallen pro Jahr etwa 350 bezahlbare Ateliers weg, und die Maßnahmen, mit denen der Senat der Misere begegnen will, greifen viel zu langsam. Eine Umfrage des Instituts für Strategieentwicklung IFSE zeigt, dass nur zehn Prozent der Künstlerinnen und Künstler allein vom Ertrag ihrer künstlerischen Arbeit leben, wobei sich generell das Einkommen aus der Kunst im Jahresdurchschnitt auf 9600 Euro beläuft. „Die Künstler der Stadt sind nicht nur doppelt betroffen von steigenden Mieten für Wohn- und Arbeitsraum“, schreibt die Genossenschaft. „Sie sind durch ihre oft prekäre Lebenslage nicht in der Lage, diese Mehrkosten zu tragen und verlieren so ihren Arbeitsplatz.“

Die Räume der Genossenschaft sollen nicht nur den jetzigen Mietern, sondern auch folgenden Künstlergenerationen bezahlbare Ateliers sichern. Immer vorausgesetzt, diese können mindestens 8000 Euro Einlage für die Genossenschaft hinlegen. Denn so viel kostet das kleinste Atelier im Haus, derzeit belegt von Astrid Köppe. „Viele Künstler haben dieses Kapital nicht“, weiß auch die Genossenschaft. „Aber die, die es aufbringen können, machen mit ihrer Gründung deutlich, wie wichtig ihnen die Erhaltung des Standortfaktors Kultur ist.“

Zur Eröffnung von „Haus 1“ gibt es am Freitag, 14. September, ab 16 Uhr ein Fest der offenen Atelier.

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