Debatte um den Zugang: Kunden mit Tüten voller Lebensmittel bei der Tafel in Düsseldorf Foto: dpa/Caroline Seidel
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Kritik an Essener Tafel "Die Not steht im Vordergrund, auf keinen Fall die Herkunft"

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Die Essener Tafel will vorerst nur noch Bedürftige mit deutschem Pass neu in ihre Kartei aufnehmen. Der Dachverband sowie Kollegen in Berlin und Thüringen distanzieren sich entschieden davon.

Die Vorsitzende der Berliner Tafel, Sabine Werth, hat sich von der Entscheidung der Essener Tafel distanziert, vorerst keine Migranten in ihre Kartei mehr aufnehmen zu wollen. In einem schriftlichem Statement, das die Organisation am Donnerstag auf ihrer Webseite veröffentlichte, stellte Werth klar, dass ähnliche Schritte für die Berliner Tafel nicht infrage kommen: "Wir in Berlin haben wie alle anderen Tafeln in Deutschland die Grundsätze des Bundesverbandes unterschrieben, darunter auch dieser Satz: Die Tafeln helfen allen Menschen, die der Hilfe bedürfen", hieß es darin.

Auch der Chef des Dachverbands Tafel Deutschland, Jochen Brühl, kritisierte die Entscheidung in Essen. "Wir sagen ganz klar: Die Not steht im Vordergrund, auf keinen Fall die Herkunft", sagte er am Freitag im ARD-Morgenmagazin.

Den Stellungnahmen vorangegangen war die Entscheidung der Essener Tafel, vorerst nur noch Bedürftige mit deutschem Pass neu in ihre Kartei aufzunehmen. Grund sei, dass der Anteil der Migranten zuletzt auf drei Viertel gestiegen sei, sagte am Donnerstag der Vereinsvorsitzende Jörg Sartor. Die Hilfsorganisation bewahrt Lebensmittel vor der Vernichtung und verteilt sie an Bedürftige. Die Empfänger müssen Hartz IV, Grundsicherung oder Wohngeld beziehen und dies der Tafel nachweisen.

Auch beim Thüringer Landesverband der Hilfsorganisation sorgte die Essener Entscheidung für Unverständnis. „Wir sind für alle Bedürftigen da, egal welche Hautfarbe oder Nationalität sie haben“, sagte der Thüringer Landesvorsitzende Nico Schäfer der dpa am Freitag.

Auch bei den Thüringer Tafeln gebe es Zugangsbeschränkungen, räumte Schäfer ein. Dabei handele es sich aber um neutrale Wartelisten. Im Freistaat schwanke der Anteil von Migranten, die zu den Tafel kommen, von Ausgabestelle zu Ausgabestelle, sagte Schäfer. „Für die spezielle Situation in Essen ist sicherlich eine Lösung nötig, aber die getroffene Entscheidung verfolgt einen vollkommen falschen Ansatz.“

In den mehr als 30 Thüringer Tafeln sind etwa 1000 Ehrenamtliche engagiert. Nach Vereinsschätzungen werden so wöchentlich bis zu 25 000 Bedürftige erreicht.

Essen: Nur noch Kunden mit deutschem Personalausweis

Zuerst hatte die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) über die Beschränkung berichtet. Auf der Internetseite des Vereins heißt es dazu: „Da aufgrund der Flüchtlingszunahme in den letzten Jahren der Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75 Prozent angestiegen ist, sehen wir uns gezwungen, um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen.“

Der Vorsitzende Sartor sagte der „WAZ“: „Wir wollen, dass auch die deutsche Oma weiter zu uns kommt.“ In den vergangenen zwei Jahren hätten sich gerade ältere Tafel-Nutzerinnen sowie alleinerziehende Mütter von den vielen fremdsprachigen jungen Männern in der Wartschlange abgeschreckt gefühlt, bei denen er teilweise auch „mangelnden Respekt gegenüber Frauen“ beobachtet habe. „Wenn wir morgens die Tür aufgeschlossen haben, gab es Geschubse und Gedrängel ohne Rücksicht auf die Oma in der Schlange“, sagte Sartor dem Blatt.

Berlin: Hilfe unabhängig von der Nationalität

Auch die Berliner Tafel habe belastende Situationen während der Essensausgabe erlebt, kommentierte Sabine Werth Sartors Aussage. Anders als in Essen habe man das Problem jedoch durch eine Veränderung des Wartesystems gelöst. Viele Ausgabestellen hätten ein Losverfahren für die Wartenden eingerichtet, einige sogar ein ausgeklügeltes System, das mit wechselnden Farbzuordnungen feste Zeitfenster für die Abholung regelt. "Die Kund*innen wissen, dass sie Bestandteil eines fairen Ablaufs sind", schrieb Werth.

Für den Fall, dass einzelne Ausgabestellen in Berlin zu viele Kunden haben, würde dort ein Ausgabestopp verhängt - allerdings für alle, unabhängig von der Nationalität. "Für die Berliner Tafel gibt es keine Bedürftigen erster oder zweiter Klasse", betonte Werth. (mit dpa)

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