Polizisten führen einen verdächtigen Mann nach einer Razzia gegen kriminelle Mitglieder arabischer Großfamilien Ende August ab. Foto: Paul Zinken/dpa
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Kriminalität in der Hauptstadt Berliner Clans rüsten auf

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Nach dem Mord an Nidal R. bereitet sich die Polizei mit einem Großaufgebot auf seine Beerdigung vor. Sie warnt vor einer Eskalation im kriminellen Milieu.

Nach dem Mord an Nidal R. am vergangenen Sonntag bereitet sich die Berliner Polizei mit einem Großaufgebot auf seine Beisetzung vor. Die soll nach Tagesspiegel-Informationen am Donnerstag auf dem Zwölf-Apostel-Friedhof in Berlin-Schöneberg stattfinden. Am Dienstag ist der Leichnam des 36-Jährigen von der Rechtsmedizin freigegeben worden und sollte an die Familie übergeben werden. Das erklärte die Polizei auf Tagesspiegel-Anfrage.

Die Berliner Polizei warnt nach den tödlichen Schüssen vor einer Eskalation der Lage im kriminellen Milieu. Sebastian Laudan, Chef der Abteilung für Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt (LKA), sagte am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses: „Wir versuchen mit allen Mitteln, Gegenreaktionen zu verhindern.“ Die Polizei sende „deutliche Signale“ in die Szene – die Behörden hätten die einschlägig bekannten Angehörigen deutsch-arabischer Großfamilien im Blick. Mit Sorge beobachte man eine „Tendenz zur Bewaffnung“ im Milieu. Man habe es zunehmend mit „multifunktionalen Tätern“ zu tun.

Am Sonntag war in Neukölln der bekannte Intensivstraftäter Nidal R. mit mehreren Schüssen getötet worden. Ein Polizeisprecher sagte, Beamte hätten R. vor einigen Tagen vor einem möglichen Attentat auf ihn gewarnt. Vorige Woche wurden in Süd-Neukölln zudem zwei Deutsch-Libanesen niedergeschossen – womöglich, weil die Täter sie dem Umfeld von R. zurechneten.

Angespannte Lage

Dutzende Passanten wurden am Sonntag offenbar Zeugen der Tat – Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) sagte dem Tagesspiegel, man könne von einer neuen Qualität der Gewalt sprechen, schon weil durch die Schüsse so viele Unbeteiligte hätten getroffen werden können. Der italienische Mafiaexperte Federico Varese, der sich auf Einladung des Vereins „Mafia? Nein danke!“ in Berlin aufhält, sagte: Bei einigen Clans sehe er durchaus Parallelen zur klassischen Mafia. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter in Berlin teilte mit, bestimmte Clans seien eben mehr als Gangster-Folklore. Im Milieu werde „buchstäblich über Leichen“ gegangen.

Die Lage sei angespannt, heißt es polizeiintern, auch weil Angehörige und Bekannte des getöteten R. auf Rache sinnen könnten. Zudem hatte es diesen Sommer schon wiederholt Massenschlägereien verfeindeter Familien gegeben. Die Polizei geht seit Wochen mit Razzien und Festnahmen gegen kriminelle Angehörige bestimmter Clans vor. Dabei ging es um Waffenbesitz, Rauschgifthandel und Geldwäsche. Kürzlich waren 77 Immobilien einer bekannten Neuköllner Familie vorläufig beschlagnahmt worden, weil der Verdacht besteht, sie seien mit illegalen Gewinnen finanziert.

Schlägerei um Parkplatz

Vermehrt kommt es laut LKA-Ermittler Laudan wegen nichtiger Anlässe zu Gewalttaten im Milieu. Wie berichtet hatte jüngst ein Streit um einen Parkplatz eine Schlägerei ausgelöst. Probleme ergäben sich auch durch die beabsichtigte Nähe konkurrierender Familien zu erfolgreichen Rap-Musikern. Von deren Einnahmen könnten auch kriminelle Clanmänner profitieren.

Der Polizei zufolge wird dann von „arabischstämmig“ gesprochen, wenn die Verdächtigen aus Staaten der arabischen Liga stammen. Das trifft demnach auf fast 140000 Einwohner Berlins zu, ein Drittel davon sind deutsche Staatsangehörige. Nur eine Minderheit ist regelmäßig durch Straftaten aufgefallen. Allerdings werden 22 Prozent der Tatverdächtigen im Bereich der Organisierten Kriminalität deutsch-arabischen Familien zugerechnet, in 14 von 68 entsprechenden Verfahren wird gegen Angehörige bekannter Clans ermittelt.

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