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Die Krankheit hat ihre Welt kleiner gemacht

Migräne, Erschöpfungszustände, unstete Belastbarkeit: Sabrina, 34, ist Rentnerin, seit sie vor zwölf Jahren von der Krebskrankheit geheilt wurde. Foto: Mike Wolff
Krebs und die Folgen Das neue Tabu heißt Armut, nicht Tod

Sabrinas heutige Rolle in der Gesellschaft ist paradox. Im sozialen Umfeld ist sie das gute Beispiel, das Mut macht. Die, deren Telefonnummer weitergegeben wird, wenn die Cousine der Freundin einer Freundin in Barcelona auch einen Hirntumor hat. Sie ist die, die Schlaganfallpatienten, die Lähmungserscheinungen haben, zeigt, was das Gehirn nach einer ernsthaften Verletzung alles wieder lernen kann – wenn man die Hoffnung nicht aufgibt, wenn man dran bleibt und trainiert. Falls sie mal ein Pseudonym suche, solle sie sich doch „Sabrina Lebensmut“ nennen, hat ihr eine Freundin aus dem Selbsthilfeverein „Leben nach Krebs!“ mal gesagt. Sabrina hat den Verein mitbegründet, er richtet sich speziell an junge Krebsüberlebende.

Sie hat wieder gelernt, sich zu freuen, das will sie weitergeben

Sie kennt die Momente, in denen alles zusammenkracht und Nichtwiederaufwachen einfacher scheint. Aber sie kann auch erzählen, wie sie in den Tagen nach der OP in der Wohnung des Freundes in Friedrichshain saß, wie sie nicht hinauskonnte, sah wie Sonne auf eine Orchidee scheint und sich dachte, „da steckt Leben drin.“ Heute stehen viele Orchideen in ihrer Wohnung, weiß und violett. Sabrina hat gelernt zurückzuschauen, wenn jemand in der Straßenbahn blöd guckt, und gleichzeitig dankbar zu sein, wenn ihr ältere Damen einen Sitzplatz anbieten. Sie teilt ihre Lebenserfahrung, aber ihr Wissen und ihre Kompetenzen sind kaum noch was wert, nur weil sie nicht vollständig funktioniert. „Ich möchte gefordert werden, ich möchte Dinge tun“, sagt Sabrina.

Die Krankheit hat ihre Welt kleiner gemacht. Zwei Mal pro Woche Krankengymnastik, zwei Mal pro Woche Ergotherapie. Ihre Woche ist geprägt von Essen mit der Familie und Arztterminen. Sie, bei der früher immer alle angerufen haben, um zu wissen, was die Clique am Samstagabend unternimmt, wo es hingehen soll. Die Freunde haben sich dezimiert, viele wussten nicht wie sie mit ihr umgehen sollen. „Natürliche Auslese“, kommentiert Sabrina. Letztens hat sich eine der Freundinnen von damals, die den Kontakt abgebrochen hatte, über Facebook gemeldet. Sie sind Kaffee trinken gegangen. Soll ich Sabrina erzählen, wenn ich tanzen war, hat sich die Freundin irgendwann gefragt. Soll ich erzählen, wenn ich einen attraktiven Mann kennengelernt habe? Die Freundin war den Tränen nahe bei dem Treffen.

Eine Freundin im Café treffen, kostet sie oft 25 Euro

Ab und zu kann sich Sabrina leisten, dass sie mit einer der guten Freundinnen, die geblieben sind, einen Kaffee trinken geht. Und ab und zu leistet sie sich, unabhängig davon zu sein, dass das Café für sie günstig liegt. Dann fährt sie öffentlich und geht von der Haltestelle zum Café langsam zu Fuß und plant für den Weg aus Pankow gut eine Stunde ein. Dann nach dem Kaffee, wenn sie erschöpft ist, fährt sie mit dem Taxi nachhause. Insgesamt circa 25 Euro kostet sie das.

Für Sabrinas Lebensqualität spielt ihre Familie eine zentrale Rolle: Die Freunde des Bruders haben die Wohnung hergerichtet. Die Eltern helfen schwere Sachen die Treppe hochzutragen und beim Putzen bei bestimmten Handgriffen. Ihre Eltern schießen ihr Geld zu, so kann sie sich auch mal ein Oberteil kaufen, alle paar Monate. So sieht man ihr ihr Leben unter dem Existenzminimum nicht an. Sabrina will kein Mitleid, sie will auch nicht, dass alte Schulkollegen wissen, wie es ihr finanziell geht. „Wo ich mit 16 angefangen habe zu arbeiten“, sagt sie.

Wie wird Sabrinas Zukunft aussehen? Wenn sie auf ihren Schwerbehindertenausweis sieht, steht dort, dass sie bis 2020 schwerbehindert ist. Die Erwerbsminderungsrente, von der sie nicht leben kann, wird bis 2048 gezahlt.

Der einzige Satz mit zitternder Stimme: „Meinen Eltern darf nichts passieren“

Ab dann ist sie regulär Rentnerin. Sabrinas Mutter hört nächstes Jahr auf zu arbeiten, ihr Vater ist schon Rentner, arbeitet aber noch alle zwei Wochen. Sie hat eine Freundin, auf die sie sich absolut verlassen kann, sagt Sabrina. Die Freundin lebt in Aachen, deren zweites Kind ist gerade 21 Monate alt. Sabrinas Bruder ist in Berlin. Sie weiß, dass er davon träumt, an der Küste zu leben.

Für den Selbsthilfeverein ist sie seit Februar 2015 als Kassenwartin tätig. „Accounting“, sagt Sabrina, da kennt sie sich aus. Vielleicht kann der Verein durch Spenden Stellen schaffen, das wäre eine Perspektive. Dann hätte sie eine sinnvolle Tätigkeit, ein Arbeitsumfeld, das ihre Situation versteht und könnte sich bis zu 450 Euro dazuverdienen. Wird das für die Zukunft reichen? Für das, was später mal kommt? „Meinen Eltern darf nichts passieren“, sagt Sabrina. Es ist ihr einziger Satz mit zitternder Stimme.

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