Seit dem 1. April 1975 arbeitet Marina König als Erzieherin in derselben Kita in Kreuzberg. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Kita in Berlin-Kreuzberg Mein Leben als Erzieherin

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232.000 Windeln hat sie gewechselt: Seit 43 Jahren arbeitet Marina König in derselben Kita in Kreuzberg. Doch um sie herum hat sich alles verändert. Ein Protokoll.

Manchmal kommen Eltern mit Handy am Ohr in die Kita und machen nur so eine Handbewegung Richtung Kind, dass es mitkommen soll. Wenn ich sowas sehe, sage ich extra laut Hallo oder Tschüss. Ich habe auch schonmal einer telefonierenden Mutter ein Blatt Papier unter die Nase gehalten und gesagt: „Dein Kind hat heute seinen ersten Kringel gemalt. Freu dich.“

In 43 Jahren habe ich für jedes Kind jedes Jahr ein Fotoalbum gebastelt, als Erinnerung. Ich gucke mir die selber so gern an, und dann staune ich. Früher sind wir hier auf kleinen Plastikeimern an Bändern balanciert, die liegen immer noch im Schuppen, aber die nutzt keiner mehr, weil die Kinder gar nicht wissen, was man damit macht. Ich muss lachen, wenn ich die Karohemden aus den Siebzigern sehe und unsere Haarschnitte aus den Achtzigern. Ich habe noch fast jeden Namen parat. Auf den Sommeraufnahmen aus den Neunzigern sind die Kinder nackig, jetzt sollen immer alle eine Unterhose anhaben, egal wie heiß es ist. Bevor ich Bilder machen kann, muss ich mir von jeder Familie eine schriftliche Genehmigung geben lassen. Mit dem Handy darf ich gar nicht fotografieren.

Mein erster Arbeitstag war der 1. April 1975. Eine Kinderpflegerin hat mir gezeigt, wie man eine Stoffwindel anlegt. Erst müssen die Pofalten richtig trocken sein, das Ganze ist ordentlich festzuziehen, aber nicht zu fest – gerade so, dass ein Finger am Bund dazwischen passt. Seit diesem Tag habe ich 232.000 Windeln gewechselt. Mindestens. 24 am Tag, bei durchschnittlich acht zu betreuenden Kindern, fünf Tage die Woche, 46 Wochen im Jahr. Den Urlaub rausgerechnet.

Ende der Siebziger war Kreuzberg ein Arbeiterviertel

Marina König, leuchtend rote, schulterlange Haare, großes freundliches Gesicht, will lieber schlicht „Marina“ genannt werden oder „Ina“. Weil diese, ihre Welt, eine Welt der Vornamen ist. Seit 43 Jahren ist sie Erzieherin in derselben Kreuzberger Kindertagesstätte, Solmsstraße 1. Ist selber in Kreuzberg aufgewachsen, Franz-Künstler-Straße, in der Alexandrinenstraße zur Schule gegangen.

Weit ist sie nicht gekommen – so könnte man es sehen. Aber während sie in dem flachen Zweckbau an exakt derselben Stelle die immer gleichen Handgriffe tat, hat der Kiez um sie herum sich verändert. Die Stadt hat sich verändert. Die Eltern. Die Kinder. Wenn diese Veränderungen beginnen, spürt Marina das vor allen anderen.

Wenn Marina spricht, dann schier grenzenlos geduldig. Da ist ein Schaukeln in ihrer Stimme, dass es scheint, als wöge sie einen damit wie auf dem Schoß. Marina sagt: „Ich gebe seit 43 Jahren mein Bestes.“ Die Sache ist: Die Eltern auch. Ihre Kinder sind das Wertvollste. Daran hat sich nichts geändert. Bloß die Auffassungen darüber, was das Beste für ein Kind ist, lagen noch nie so weit auseinander wie heute.

Ende der Siebzigerjahre ist Kreuzberg ein Arbeiterviertel. Die Bevölkerung setzt sich vornehmlich aus drei Gruppen zusammen: Berliner, häufig mit Wurzeln in Schlesien und Pommern, Gastarbeiter, überwiegend Türken, Jugoslawen, Griechen und Italiener. Schließlich junge Leute mit antiautoritärem Lebensgefühl – Studenten, Künstler, Abenteurer. Ein Recht auf Elternzeit oder gar Elterngeld gibt es nicht.

Auch heute liegt das monatliche Einkommen der Kreuzberger mit 1225 Euro im Schnitt am unteren Ende in Berlin. Doch in die einst besetzten, inzwischen teuer sanierten Häuser ziehen gut situierte Paare aus aller Welt, der Akademikeranteil steigt. Kreuzberger mit Migrationshintergrund verfügen mit 800 Euro pro Kopf nur über gut halb so viel Geld im Monat wie Kreuzberger ohne Migrationshintergrund (1500 Euro). Damals wie heute ist Kreuzberg mit 13.790 Einwohnern je Quadratkilometer der am dichtesten besiedelte Ortsteil Berlins.

Ihre Hochzeit 1975. Damals kam die Kindergartengruppe traditionell mit zum Standesamt. Foto: privat
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Alkoholiker vergaßen, ihre Kinder abzuholen

Anfangs waren die Eltern hier Handwerker, Verkäuferinnen, Fließbandarbeiter. Harte Jobs, für die es wenig Geld gab. Wo jetzt der Raum der Sonnenblumengruppe ist, standen zwei große weiße Badewannen. Jeden Morgen haben wir jedes Kind gebadet, aus heutiger Sicht ein Wahnsinn, aber die Eltern waren dankbar dafür. Ich erinnere mich, manche hatten noch nicht einmal Warmwasser. Nach dem Waschen bekamen die Kleinen Einheitskleidung an, die der Kita gehörte. Braune oder rote Cordhosen und weiße Hemdchen.

Damals war die Hälfte der Kinder gerade mal acht Wochen alt, wenn sie zu uns kam. Die Mütter mussten arbeiten gehen, um die Miete zahlen zu können. Sie waren heilfroh, dass es uns gab, haben oft um Rat gefragt, wie sie ihr Kind beruhigen können, wie heiß die Milch sein sollte, sowas. Sie haben uns als Experten gesehen und geschätzt. Das hat sich allmählich gewandelt.

Wir hatten auch Alkoholikereltern, die in den Eckkneipen gesessen und vergessen haben, ihre Kinder abzuholen. Oder sie waren so betrunken, dass wir ihnen die Kinder lieber nicht mitgegeben haben. Da mussten wir manchmal die Kinder in eine Notunterkunft für die Nacht bringen.

In den Achtzigern standen häufiger Eltern vor mir, um sich zu verabschieden. Sagten, sie hätten gespart, damit sie wegziehen und ihre Kinder in einem „besseren Umfeld“ einschulen können.

Nach der Wiedervereinigung hatten wir eine enorm gemischte Klientel. Für viele hat alles neu begonnen. Einige Eltern waren ein bisschen hippiemäßig, zogen ihren Kindern nur gebrauchte Klamotten an oder ließen sie gleich nackt herumlaufen. Viele machten sich selbstständig. Manche notgedrungen, weil ihre Firmen im Osten dicht gemacht hatten. Anderen ging es um die Selbstverwirklichung, das war so ein neues Wort. Väter gründeten ihren eigenen Malerbetrieb oder so.

Heute sind die Eltern Kunden, die Erwartungen haben

Danach hat sich das wieder total gedreht. Bei den Elternabenden saßen auf einmal Psychologen, Wissenschaftler, eine Mutter arbeitete im Ministerium. In einer Gruppe waren allein drei Väter Regisseure. Das war um die Jahrtausendwende. Diese Eltern haben vielmehr hinterfragt. Bis vor knapp zehn Jahren war die Atmosphäre sehr familiär. Ich wurde zu Familien nach Hause eingeladen, und hatte am Wochenende neben meinen eigenen Söhnen häufig Kita-Kinder bei mir.

Sie hat kistenweise Briefe von Kindern, die ihr nach der Kindergartenzeit geschrieben haben. Foto: privat
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Von den jetzigen Eltern im Viertel arbeiten viele freiberuflich oder in Teilzeit. Dass jemand zur Frühschicht muss, ist die Ausnahme. Statt von sechs bis 18 Uhr öffnen wir jetzt um sieben und schließen um 17 Uhr. Früher hatten ja auch alle den gleichen Betreuungsanspruch, nun wird der nach der Arbeitssituation der Eltern festgelegt. Die meisten haben Verträge über fünf bis sieben Stunden und holen ihre Kinder trotzdem später ab.

Heute geben die Eltern ihre Kinder in die Kita, weil sie es wollen. Ich fühle mich eher als Dienstleisterin. Die Eltern sind die Kunden, die Erwartungen haben. Neulich hat mir eine Mutter erklärt, ihr Sohn solle nicht mit den anderen im Garten planschen, überhaupt besser gar nicht rausgehen, weil er schmutzig sei danach und sich oft erkälte. Ich sage gerne: Wer als Kind herummantscht, ist später ein besserer Liebhaber. Aber mit solchen Bemerkungen muss man jetzt vorsichtig sein. Die Mutter findet es auch nicht gut, dass ihr Sohn sich hier mittags ausruht, weil er dann abends nicht erschöpft genug ist. Auf dem Elternabend hat ein Vater vorgeschlagen, dass ich mit den Kindern mehr Zählen und das Alphabet übe, damit sie in der Schule einen Vorteil gegenüber den anderen haben.

Auch die Eltern haben Druck, das sehen wir. Viele sind zerrissen. Einige möchten am liebsten, dass wir ihnen täglich ausführlich berichten, was das Kind gegessen und erlebt hat. Aber kaum einer nimmt sich die Zeit, den Speiseplan zu lesen, oder registriert die Einladung zum Sommerfest am Schwarzen Brett.

Werden 1975 in Westdeutschland 15 von 100 bestehenden Ehen geschieden, sind es 1990 schon doppelt so viele – seit 2004 bundesweit fast jede zweite.

Ans Töpfchen gebunden, bis sie hineingemacht hatten

Seit 15 Jahren haben wir viel mehr Scheidungskinder. Manchmal schreien sich Väter und Mütter hier über die kleinen Garderoben hinweg an, und ich stehe mit einem Kind dazwischen. Für uns bedeutet jede Trennung mehr Ansprechpartner. Man kann nicht sicher sein, dass eine Info, die wir dem Vater geben, auch die Mutter erreicht.

„Die Schlafzeiten sind unbedingt einzuhalten. Das Kind hat ruhig im Bett zu liegen“, hieß es einst in den Statuten staatlicher Einrichtungen. Heute gibt es in den meisten Kitas Ruhephasen, die individuell gestaltet werden können. „Kinder sollen erfahren, dass das Ausruhen etwas Schönes ist, kein Zwang, aber eine Möglichkeit, geschützt neue Kraft zu tanken“, heißt die Devise nach der Berliner Kleinkindpädagogin Susanne Mierau.

Gab es 1975 nur vereinzelt Einrichtungen in freier Trägerschaft, werden heute lediglich 276 von 2500 Berliner Kitas von der Stadt verwaltet. Verbände wie die Arbeiterwohlfahrt und der Paritätische Wohlfahrtsverband, Vereine wie Fröbel, Unternehmen wie Klax oder die Montessori-Stiftung sowie eine zunehmende Anzahl an Elterninitiativen werben mit individuellen Konzepten und eigenen pädagogischen Schwerpunkten.

Körperliche Züchtigungen sind in Schule und Kindergarten seit den Siebzigerjahren untersagt. Seit 2000 sind in Deutschland jegliche Körperstrafen in der Erziehung grundsätzlich verboten. In der Kita in der Solmsstraße werden die Kinder halbjährlich nach der Leuwener Engagiertheitsskala beobachtet. Die Bögen fragen nicht danach, was ein Kind tut oder kann, sondern wie wohl es sich dabei fühlt.

Mit den älteren Kolleginnen hatte sie es schwer. Sie fanden Marina "zu weich", "keine Hilfe". Foto: privat
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Früher hat mir hier vieles nicht gefallen, aber ich habe mich nur selten getraut, etwas zu sagen. Die alten Kolleginnen machten alles Zackzack, füttern, wickeln, dann das Kind in den Laufstall, damit es aus den Füßen war. Die Gruppenleiterin band den Kindern das Lätzchen um, legte den unteren Teil auf den Tisch und stellte den Teller darauf, sodass die Kinder sich kaum bewegen konnten, ohne alles runterzuziehen. So sollten sie lernen, konzentriert zu essen und nicht zu hampeln. Mancherorts wurden Kinder solange ans Töpfchen gebunden, bis sie hineingemacht hatten. In unserem Haus habe ich das aber nicht erlebt.

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