Proteste, wie hier in Münster, soll es am kommenden Donnerstag auch in Berlin geben. Foto: dpa
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Kirchenstreik "Maria 2.0." Katholische Frauen wollen auf dem Bebelplatz für Reformen protestieren

Bundesweit protestieren Katholikinnen gegen Diskriminierung. Doch in Berlin fehlt die breite Unterstützung. Am Donnerstag ist ein Gottesdienst geplant.

Vielleicht greifen sie ja auch noch zum Heftpflaster, das überlegen sie gerade. Fotos mit Heftpflastern, die über Mündern kleben, wirken ja immer. „Seht her, wir haben nichts zu sagen“, das ist dann die Botschaft. Die versteht jeder. Auf jeden Fall aber tragen beim Gottesdienst alle Frauen weiße Gewänder und legen auf der Erde Tücher aus, weiße natürlich.

„Weiß ist die Farbe der Hoffnung“, sagt Angelika Streich. „Wir hoffen, dass sich etwas verändert.“ Deshalb treffen sie sich am Donnerstag um 18 Uhr auf dem Bebelplatz vor der St. Hedwigs-Kathedrale, der Hauptkirche des Erzbistums Berlin-Brandenburg, zum Gottesdienst.

Es ist eine Art feministisch-theologische Protestveranstaltung für alle Interessierten, mit Bibel-Lesung, liturgischer Eröffnung, aber ohne Eucharistiefeier und Wandlung. Angelika Streich von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD) und ihre Mitstreiterinnen haben diesen Gottesdienst organisiert. Er ist Teil der bundesweiten Aktion „Maria 2.0“, die in dieser Woche stattfindet. Eine Woche lang wollen katholische Frauen ihre ehrenamtliche Tätigkeit ruhen lassen. Es ist ein spektakulärer Protest gegen die Diskriminierung von Frauen in der katholischen Kirche.

Entstanden ist der Plan im Januar in Münster vor dem Hintergrund der Missbrauchsfälle in der Kirche. Die Forderungen von Maria 2.0: Täter sollen nie mehr ein Amt ausüben und Gerichten überstellt werden, Frauen sollen Zugang zu allen Kirchenämtern besitzen. Auch verlangen die Frauen ein Ende des Pflichtzölibats und eine Anpassung der kirchlichen Moral an die Lebenswirklichkeit.

In vielen Kirchengemeinden in Deutschland wird der Protestplan weitgehend umgesetzt. In Berlin nicht. Es fehlt an der breiten Unterstützung, deshalb beschränkt sich der Protest auf den Gottesdienst – allerdings vor einem symbolträchtigen Gebäude.

„Die Hedwigs-Kathedrale ist wegen Renovierung geschlossen. Das passt ins Bild. So können wir sagen, dass die Kirchen bald leer sind, wenn sich nichts ändert“, sagt die Theologin Anne Borucki-Voß, eine der Organisatorinnen der Aktion auf dem Bebelplatz.

Mit Postkarten und Mails hatten Frauen wie Anne Borucki-Voß die Aktion in den Gemeinden bekannt gemacht, sie führten auch persönliche Gespräche. Doch die Reaktionen waren enttäuschend. „Viele haben gesagt, sie könnten nicht mitmachen, weil sie gerade in dieser Woche einen wichtigen Termin in der Kirche hätten“, sagt Anne Borucki-Voß. Die 55-Jährige engagiert sich in der Kirchengemeinde St. Georg in Pankow, sie verzichtet auf den einzigen ehrenamtlichen Termin, den sie in dieser Woche gehabt hätte, eine Vorbereitung auf die Firmung.

„Früher war ich brav, jetzt bin ich rebellisch.“

Auch Angelika Streich registrierte geringes Interesse. „Frauen trauen sich nicht, offen Widerstand zu leisten“, sagt die 65-Jährige. „Wir sind eine andere Generation, wir sind den leidvollen Weg unserer Kirche mitgegangen. Die jüngeren Frauen gehen stattdessen seltener in die Kirche.“

In ihrer Kirchengemeinde in Biesdorf hätte sie zwar auch Frauen, die Maria 2.0 gut fänden, aber die, sagt Angelika Streich, übten leider keine Ehrenämter aus. Mehr als 50 Personen, denkt die 65-Jährige, werden am Donnerstag wohl nicht kommen. „Die Aktion bleibt wohl ohne Konsequenzen auf höherer Ebene.“

Aber die höhere Ebene hört durchaus zu. Generalvikar Pater Manfred Kollig erklärte dem Tagesspiegel, dass er Maria 2.0 ernst nehme. „Vom Umgang mit diesem Thema hängt auch die Glaubwürdigkeit der Kirche ab. Die Deutsche Bischofskonferenz hat auf ihrer letzten Vollversammlung in Lingen beschlossen, einen synodalen Weg als Kirche in Deutschland zu gehen.

Hierbei sollen unter anderem die Fragen thematisiert werden, die auch die Initiative Maria 2.0 stellt: Macht, Partizipation und Gewaltenteilung in der Kirche, die Sexualmoral der Kirche und die priesterliche Lebensform. An diesem synodalen Weg beteiligen wir uns auch als Erzbistum Berlin.“ Noch ist unklar, ob ein Vertreter des Erzbistums am Gottesdienst teilnimmt. Noch liege keine Einladung vor, teilte Kollig mit.

Auch wenn nur 50 Besucher kommen sollten, Angelika Streich gibt jetzt keine Ruhe mehr. „Früher war ich brav, jetzt bin ich rebellisch.“

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