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Das Gemälde von Walter Petersen zeigt den Paul von Hindenburg als Generalfeldmarschall. Foto: akg-images
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Keine Ehrenbürgerwürde mehr für Hindenburg Wie wollen wir uns erinnern?

Viele Straßen und Plätze in Berlin tragen Namen historischer Persönlichkeiten – auch von fragwürdigen. Nun wird diskutiert, ob das so bleiben kann.

Theoretisch haben sie alle Anspruch auf eine Jahreskarte der BVG: die 131 Ehrenbürger, die die Stadt Berlin seit 1813 berufen hat. Tatsächlich sind die meisten tot, in dem Fall stünde ihnen immerhin ein Ehrengrab zu, so sie denn hier bestattet sind. Viele Staatsbeamte stehen auf dieser Liste, hochrangige Politiker, Militärs, Forscher, Künstler. Ziemlich weit oben in der Chronologie kommt zum Beispiel Feldmarschall Gerhard Leberecht von Blücher, einer der Sieger von Waterloo, mittendrin die Mediziner Robert Koch und Rudolf Virchow sowie Paul Lincke, Komponist von der „Berliner Luft“. Weiter hinten steht Michail Gorbatschow.

Aber nichts währt wirklich ewig. 19 Mal wurde die Ehre bislang wieder aberkannt, Adolf Hitler, Hermann Göring und Joseph Goebbels waren solche Fälle, Walter Ulbricht und Erich Honecker sowie zehn Sowjets, darunter einige Generäle, die bei der Eroberung Berlins am Ende des Zweiten Weltkriegs mitwirkten, die immerhin halfen, diesen Krieg zu beenden. Und demnächst werden es 20 Fälle sein: Das Berliner Abgeordnetenhaus hat am Donnerstag entschieden, Paul von Hindenburg die Ehrenbürgerwürde zu entziehen.

Wer war Paul von Hindenburg?

Als Hindenburg am 20. April 1933 die Ehrenbürgerwürde verliehen wurde, war er Reichspräsident. Zweimal wurde er in dieses Amt gewählt, auch mit den Stimmen der SPD, wie seine Verteidiger jetzt im Abgeordnetenhaus zu bedenken gaben. In dieser Eigenschaft allerdings berief er Hitler zum Reichskanzler. Er habe dazu beigetragen, die Demokratie in Deutschland zu zerstören und der Diktatur den Weg zu ebnen, warfen ihm seine Gegner vor. Tatsächlich war der 20. April Hitlers Geburtstag, Hitler wurde am selben Tag wie Hindenburg als Ehrenbürger ausgezeichnet.

Die Nazis knüpften an eine Tradition an, die Hindenburg zum Helden stilisiert hatte. Der Sieger von Tannenberg habe im Ersten Weltkrieg Ostpreußen gegen die anstürmenden Russen verteidigt, hieß es schon in den Weimarer Jahren von konservativer Seite. Grund genug, ihn zum Namenspatron für zahlreiche Kasernen und Straßen in Deutschland zu machen, viele tragen seinen Namen heute noch.

Wer nach Sylt reist, tut das auf dem Hindenburgdamm, wer von Steglitz nach Lichterfelde fährt, nimmt oft ebenfalls den Hindenburgdamm. Doch auch der war immer wieder Auslöser für eine Debatte, ob diese Straße nicht längst umbenannt werden müsste.

Tatsächlich gibt es eine Reihe Vorwürfe mehr, die man Hindenburg machen kann und gemacht hat. Aber ähnlich wie bei den Hohenzollern – immerhin ist der Beitrag von Wilhelm II. zum Ersten Weltkrieg zumindest kritikwürdig – wird die Schuldfrage oft auf die Rolle im Nationalsozialismus verengt.

Hindenburgs Wirken und das seines Kollegen Erich Ludendorff entsprach im Ersten Weltkrieg nach Auffassung einer Reihe namhafter Historiker dem eines Militärdiktators. Er hatte maßgeblichen Anteil am uneingeschränkten U-Boot-Krieg, der zur Versenkung diverser Passagierschiffe führte und den Amerikanern einen wichtigen Grund zum Kriegseintritt lieferte. Er lehnte jeden Ansatz zum Verständigungsfrieden ab und stand für die Fortsetzung des Krieges noch in aussichtsloser Lage bis hin zur Verbreitung der Dolchstoßlegende, nach der nicht die Militärführung, sondern Revolutionäre und Sozialdemokraten schuld an der Niederlage im Ersten Weltkrieg seien.

Worüber wird jetzt diskutiert?

Zuletzt war es ein Abgeordneter der Linken, der die Umbenennung des Hindenburgdamms forderte, weil damit auch eine Ehrerbietung des Militaristen Hindenburg verbunden sei. Doch die Diskussion ist sehr viel älter und umfasst eine Vielzahl von Straßen. So forderten die Grünen vor gut einem Jahr, in Friedrichshain-Kreuzberg den öffentlichen Raum zu entmilitarisieren.

Tatsächlich erinnert in Kreuzberg bis rüber nach Schöneberg der gesamte sogenannte Generalszug aus Gneisenau- und Yorckstraße an Offiziere aus den sogenannten Befreiungskriegen Preußens gegen das napoleonische Frankreich. Dazu kommen noch etliche Straßen, die an Schlachtfelder jener Jahre erinnern – von Großgörschen über Katzbach nach Möckern und Hagelberg.

In letzter Konsequenz gilt das aber auch für den Bezirksnamen selbst. Der geht zurück auf das Schinkeldenkmal mit seinen Eisernen Kreuzen auf dem Hügel, der da noch Tempelhofer Berg hieß. Und klingt Friedrichshain nicht auch irgendwie belastet? Immerhin geht der Name auf den Volkspark Friedrichshain zurück, benannt zu Ehren Friedrichs II., der gleich drei schlesische Kriege führte.

Es blieb zunächst bei der Diskussion und auch im Falle Hindenburgs wurde zugunsten einer Light-Version entschieden. Danach solle in Zukunft der Name sichtbar erklärt werden.

Taugt Geschichte als Namensgeber?

Auch hier gilt: Nichts währt ewig. Und selbstverständlich haben Verbrecher, deren Taten so maßlos und so eindeutig sind wie die der Protagonisten des Naziregimes, im Stadtbild nichts zu suchen. Doch selbst scheinbar unverfänglichere Kandidaten wurden in der Vergangenheit immer wieder einer Revision unterzogen – oft wenn die Auffassungen und Einschätzungen wechselten.

Kaum jemand dürfte sich heute noch daran erinnern, dass die Moabiter Turmstraße 1945 für ein paar Monate nach dem im KZ ermordeten KPD-Führer Ernst-Thälmann-Straße hieß. In Ost-Berlin hingegen waren Widerstandskämpfer und Kommunistenführer als Paten für Straßennamen bis 1990 allgegenwärtig. Die Grundlage war in vielen Fällen eine DDR-Ministerratsverordnung vom 30. März 1950 „zur Beseitigung nicht mehr tragbarer Benennungen von Straßen, Wegen und Plätzen“, die „militaristischen, faschistischen oder antidemokratischen“ Charakter hatten. Neubenennungen sollten in enger „Verbindung mit der antifaschistisch-demokratischen Ordnung“ stehen.

Manches ging daneben, die Stalinallee wurde schon 1957 in Karl-Marx-Allee umbenannt. Nach der Wende ging es wieder schnell. Im November 1990 lag eine Liste von 230 umzubenennenden Straßen vor. Und selbst Namen wie Wilhelm Külz, Mitbegründer der Liberaldemokratischen Partei in der DDR, mussten verschwinden, die Straße heißt wieder Markgrafenstraße.

Wer darf bleiben, wer muss gehen?

Auch in der DDR behielten Namen wie Gneisenau und Yorck ihren Klang. Der eine tat sich als Heeresreformer hervor und war der DDR sogar eine Sonderbriefmarke wert, der andere verbündete sich gegen Frankreich mit den Russen, ohne dafür vom König bevollmächtigt zu sein. Außerdem hatte er einen Ururenkel, der dem Kreisauer Kreis angehörte und im Widerstand gegen Hitler stand.

Doch natürlich haben all diese vermeintlichen Helden ihre Schattenseiten, wie der Historiker Hanno Hochmuth vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam gegenüber der „Taz“ erklärte. Weshalb er nichts davon halte, die Maßstäbe von heute retrospektiv auf die Vergangenheit zu legen. Natürlich hat der deutsche Nationalismus seine Wurzel in den Befreiungskriegen, natürlich forderten die Hunderttausende Opfer, allein die Völkerschlacht in Leipzig war die verlustreichste des 19. Jahrhunderts. Aber es ist nun einmal heute schwierig zu beurteilen, ob die napoleonischen Kriege, ob die Besetzung Preußens hätte auf dem Verhandlungsweg beseitigt werden können.

Und die Konsequenzen?

Die vorgenannten Beispiele zeigen, dass eine Revision bei Straßennamen nichts Ungewöhnliches ist, die dazugehörige Diskussion kann sogar erhellend sein. Allerdings zeigt das Beispiel Ost-Berlin auch, wie sehr solche Eingriffe die persönliche Landkarte verändern können. Und Werner Heck, der den Entmilitarisierungsantrag im Februar vergangenen Jahres in die BVV Friedrichshain-Kreuzberg einbrachte, gestand ein, dass mit den Straßennamen persönliche Geschichten verbunden seien, die mit der Umbenennung ihren Bezug verlieren – schließlich trügen auch das Yorck-Kino und das Yorck- Schlösschen den Namen des preußischen Feldmarschalls.

Zwei Vorschläge stünden also zur Verfügung. Entweder verzichtet man künftig grundsätzlich auf Straßennamen mit historischem Bezug, um jeder Diskussion von vornherein aus dem Weg zu gehen. Oder man akzeptiert die Geschichte eines Stadtplans mit ihren Widersprüchen, damit er auch in Zukunft zur Diskussion anregt, die gern auf erklärenden Tafeln dokumentiert sein sollte. Denn die endgültig Tilgung birgt auch die Gefahr des Vergessens.

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