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Durch Verkehrsberuhigungen wie Kiezblocks sollen Straßen wieder zum Aufenthalt einladen. (Archiv) Foto: Jörg Carstensen/dpa/picture alliance
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Keine Autos in Wohngebieten Berlin hat Bock auf Kiezblocks – das Vorbild ist Barcelona

Mit Kiezblocks sollen Autos aus den Quartieren gehalten und die Lebensqualität erhöht werden. Auch der Bezirk Mitte zeigt sich nun offen dafür.

„Autos raus aus den Kiezen“ – diese Forderung erheben immer mehr Anwohner:innen in den Berliner Stadtquartieren. Dafür wollen sie „Kiezblocks“ genannte Zonen in ihren Vierteln einrichten. Statt für parkende oder fahrende Autos soll der öffentliche Raum in ihrer Nachbarschaft neu genutzt werden. Kinder sollen hier spielen und neue Orte des Zusammentreffens entstehen.

Nun bekommen die Initiativen auch in Mitte Rückenwind aus der Politik. Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) macht sich stark für die Einführung der verkehrsberuhigten Gebiete in seinem Bezirk. „Als Prinzip für Kieze ist das klasse“, sagte er. Die Straßen innerhalb der Wohngebiete wolle man vom Durchgangsverkehr und parkenden Autos befreien. Dafür sollten insbesondere die zentralen Kreuzungen innerhalb der Viertel verkehrsberuhigend umgestaltet werden.

Dort sollten Spielplätze und Freiflächen für die Anwohner entstehen, „um mehr Aufenthaltsqualität in der Straße zu erzeugen“, sagte Gothe. Initiativen unter anderem aus dem Sprengelkiez und dem Brüsseler Kiez in Wedding sowie aus der Spandauer Vorstadt hätten das Anliegen an den Bezirk herangetragen. Mit ihnen solle nun gesprochen werden, wie die Ideen umgesetzt werden können.

Der Baustadtrat will das Thema auch am Freitagnachmittag bei einer Online-Veranstaltung mit Verkehrsstadträtin Sabine Weißler (Grüne) und den Bewohnern des Bezirks diskutieren.

Vorangetrieben wird die Idee in Berlin von der Initiative #Kiezblocks. Ihr Ziel: 180 Quartiersgruppen in Berlin bis zur Wahl im Herbst, die sich in ihrem Viertel für mehr Freiräume einsetzen. Davon sind sie noch ein gutes Stück entfernt. Bislang hätten sich 50 Anwohnerinitiativen gebildet. Antje Heinrich, Sprecherin der #Kiezblock-Initiative ist dennoch zufrieden. „Es gibt immer mehr Menschen, die sich für Verkehrsberuhigung interessieren.“

Ephraim Gothe (SPD) will Kiezblocks im Bezirk Mitte einführen. Foto: imago images/Political-Moments Vergrößern
Ephraim Gothe (SPD) will Kiezblocks im Bezirk Mitte einführen. © imago images/Political-Moments

Sie hält das Thema nicht nur aus Mobilitätsgründen für wichtig. „Der Kiez wird den Anwohnern zurückgegeben und nicht mehr als Durchgangsstraßen genutzt.“ Dadurch entstehe mehr Platz im öffentlichen Raum, die Lebensqualität steige. „Durch die Kiezblocks wollen wir die Straßen den Menschen zurückgeben.“

Barcelona hat die Zahl der Autos in Wohngebieten halbiert

Vorbild der Berliner Initiativen ist Barcelona. Autos können dort viele Kreuzungen in Wohnvierteln nicht mehr queren, sondern müssen schmalen Einbahnstraßen folgen. Der Durchgangsverkehr wird dadurch herausgehalten. Auf den freigewordenen Flächen sind begrünte Stadtplätze entstanden.

„Da gab es ganz unterschiedliche, positive Effekte“, sagt Franziska Schreiber. Die Stadtforscherin vom Städtebau-Institut in Stuttgart hat sich intensiv mit den „Superblocks“ in der katalonischen Metropole beschäftigt und wird auch bei der Diskussionsrunde mit Stadtrat Gothe dabei sein.

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In Barcelona seien die Viertel für die Menschen deutlich attraktiver geworden, sagt sie. Die Zahl der Autos habe um 50 Prozent abgenommen, Fußgänger dafür 80 Prozent mehr Flächen im Straßenraum erhalten. „Es ist jetzt deutlich kinderfreundlicher.“ Auch aus wirtschaftlicher Sicht habe sich der Umbau gelohnt. „Weil die Aufenthaltsqualität verbessert wurde, halten die Menschen sich länger auf“, sagte Schreiber. Cafés und Einzelhändler würden stärker frequentiert.

Doch es gebe auch noch ungeklärte Punkte. „Die Frage ist, was mit dem Verkehr passiert, der verdrängt wird.“ In den Hauptstraßen könnte es voller werden. „Die umliegenden Quartiere, die nicht davon profitieren, sind da erstmal nicht so erfreut.“ Genaue Untersuchungen dazu fehlten aber noch. Auch brauche man ein vernünftiges Konzept für die Neugestaltung. Es reiche nicht, wenn man „da einfach ein paar Blumentöpfe hinstellt und die Straße sperrt“, sagte Schreiber.

Noch sind bei den Kiezblocks einige Fragen ungeklärt

Kritisch sieht der ADAC Berlin-Brandenburg die Kiezblocks. Mit dem Konzept werde „das Problem der Durchgangsverkehre falsch angegangen“, sagt Sprecherin Sandra Hass. Verkehrsteilnehmer wollten schnellstmöglich von A nach B kommen.

„Wenn das über die Hauptstraßen nicht mehr funktioniert, werden sie sich alternative Routen suchen, auch wenn diese durch Wohngebiete führen.“ Sperre man einen Kiez ab, würden die Autofahrer durch den nächstgelegenen brausen. Das Problem werde nur an andere Stelle verlagert. „Deshalb kann man nicht nur im Mikrokosmos Bezirk denken, sondern muss Berlin als Metropolregion im Ganzen betrachten“, sagt Hass. Zunächst müssten die Alternativen zum Auto, vor allem der öffentliche Nahverkehr, gestärkt werden.

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Auch Stadtrat Gothe sieht Probleme – vor allem beim Personal. „Es gibt Projekte, die sind ausgearbeitet und müssen nur noch umgesetzt werden, aber uns fehlt das Personal.“ Ein fertiges Konzept für die Lübecker Straße in Moabit warte etwa nur darauf, eingeführt zu werden.

Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg gehen vor

Andere Bezirke sind da schon weiter. In Pankow gibt es Pläne für 19 Kiezblocks. Die ersten beiden im Komponistenviertel in Weißensee und im Arnimkiez in Prenzlauer Berg bereitet der Bezirk gerade vor. „Der Start der Verkehrsversuche ist im Sommer geplant“, sagt Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne). Der Bezirk versucht dort mit Diagonalsperren auf den Kreuzungen, gegenläufigen Einbahnstraßen und Fahrradstraßen den Autoverkehr draußen zu halten. Begleitet werden die Projekte durch Forscher der TU Dresden und TU Berlin. „Ziel ist es, die aus dieser Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse auf andere Kieze zu übertragen“, so Kuhn.

In Friedrichshain-Kreuzberg gibt es bereits Diagonalsperren gegen den Durchfahrtsverkehr im Samariter- und Wrangelkiez. Insbesondere im Samariterkiez in Friedrichshain gab es zunächst viel Gegenwind für die Sperren. „Gerade läuft die Auswertung“, sagt Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne). „Wir gucken uns jetzt an, ob man noch für die anderen Straßen nachbessern muss.“

Friedrichshain-Kreuzbergs Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) ist ein Fan von Kiezblocks. Foto: picture alliance/dpa Vergrößern
Friedrichshain-Kreuzbergs Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) ist ein Fan von Kiezblocks. © picture alliance/dpa

Sie selbst sei ein „sehr großer Fan von Kiezblocks“. Die Menschen wollen die Lebensqualität in den Quartieren zurückhaben. Aber wer durch Berlin fahre, durchquere fast automatisch ihren Innenstadtbezirk. Viel Durchgangsverkehr sei die Folge. Doch nur die Kieze dicht zu machen, verlagere das Problem. „Das würde nur dazu führen, dass sich der Verkehr auf den Hauptstraßen wiederfindet“, sagt Herrmann. Gerade dort, wohnten eher finanziell schwächere Menschen. „Wir müssen daher auch für die Hauptstraßen gucken, wie wir dort eine Entlastung hinbekommen.“ Schon in den Außenbezirken brauche es daher bessere Alternativen zum Auto.

Derweil beginnt der Bezirk, den Bergmannkiez dicht zu machen. Ab kommender Woche stellt der Bezirk Schilder auf, die Autos die Durchfahrt im Quartier verbieten. Zugleich sind Einbahnstraßen vorgesehen. Bis 2025 sollen die Bergmannstraße und Chamissoplatz für Autos ganz gesperrt werden. Der aufwendige Umbau der Straße dauere länger, sagt Herrmann. Anderswo im Bezirk könnte es zügiger gehen. Kiezblocks mit Diagonalsperren und Durchfahrverboten könnten „sicherlich etwas schneller kommen“, so die Bezirksbürgermeisterin.

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