Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Die duale Ausbildung - wie hier im Friseurhandwerk - gilt als der Königsweg in viele Berufe. Doch Ausbildungsplätze sind in der Corona-Zeit knapp. Foto: Oliver Berg/dpa
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Kaum Ausbildungsplätze in Berlin Jugendliche der Corona-Generation und ihre Eltern suchen Hilfe

Die Pandemie erschwert jungen Berlinerinnen und Berlinern den Einstieg in die Berufsausbildung. Die Verzweiflung ist oftmals groß. Die Nachfrage nach Hilfsangeboten ist riesig.

Knapp dreißig Bewerbungen in zwei Monaten – und noch immer nichts in Sicht. „Teilweise bekommt man nicht mal eine Antwort“, sagt Jana Z., die nicht unter ihrem vollen Namen Auskunft geben möchte. Auch bei ihr liegen die Nerven blank. Mitten in der Pandemie bemüht sich die zweifache Mutter um einen Ausbildungsplatz für ihren 16-jährigen Sohn. Der Zehntklässler steht kurz vor seinem mittleren Schulabschluss. Doch für das, was danach kommen soll, scheint sich einfach keine Perspektive aufzutun.

Wie Janas Sohn geht es gerade vielen jungen Menschen in Deutschland, die vor dem Berufseinstieg stehen. Wie das Statistische Bundesamt vor Kurzem mitteilte, ist die Zahl der Ausbildungsverträge im vergangenen Corona-Jahr deutlich eingebrochen: Insgesamt 465 200 neu besetzte Plätze wurden 2020 registriert – das waren 9,4 Prozent weniger als noch 2019. Verantwortlich für die Flaute ist laut Bundesamt die Pandemie.

Zu erkennen ist der Negativtrend in allen 16 Bundesländern, am stärksten in Hamburg ( minus 13,5 Prozent) und dem Saarland ( minus 12,4). Direkt dahinter folgt, mit einen Minus von 12,3 Prozent, die Hauptstadt. Glaubt man hingegen den Zahlen, die das Bundesinstitut für Berufsbildung bereits im vergangenen Dezember veröffentlichte, steht Berlin sogar an der Spitze. Ihnen zufolge hat das Bundesland 2020 ganze 14,2 Prozent seiner Ausbildungsverträge eingebüßt.

So oder so: „Der Rückgang in Berlin ist extrem“, bestätigt Cornelia Schwarz, Geschäftsführerin operativ der Agentur für Arbeit Berlin Süd. Ein wichtiger Grund hierfür sei Berlins große wirtschaftliche Abhängigkeit vom Bereich Tourismus und Kultur – also jenen Wirtschaftssektoren, die besonders stark von den Infektionsschutzmaßnahmen betroffen sind.

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In Berlin, sagt Schwarz, habe es noch nie einen besonders starken Ausbildungsmarkt gegeben: „Wir haben hier keine größeren produzierenden Unternehmen wie in Bayern oder in NRW.“ Bereits vor der Pandemie sei zu beobachten gewesen, dass die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge gleich bleibe, während die der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten zunehme. Mit den jüngsten Entwicklungen spitze sich die Lage noch weiter zu.

„Es ist die Unsicherheit, die einem Angst macht“, sagt Jana Z., die Mutter des 16-Jährigen. Die Pandemie erschwere ihrem Sohn nicht nur die Suche nach einem Ausbildungsplatz, sondern wirke sich zugleich auf seine Leistung im letzten, dem entscheidenden Schuljahr aus. Sowohl bei ihrem Sohn als auch bei ihrer achtjährigen Tochter beobachte sie, dass die Motivation in Zeiten von Homeschooling nachlässt. „Es fehlt einfach das Unmittelbare, die Struktur und der Austausch mit anderen Kindern.“

Der 16-Jährige möchte in die Gaming-Branche

Während es für Z.’s Sohn in Fächern wie Deutsch und Englisch nicht sonderlich gut läuft, zeigt er laut seiner Mutter vor allem gute Leistungen in Mathe. Am liebsten würde er Geld mit seiner Leidenschaft, dem Gaming, verdienen. Seine Mutter hält das allerdings für nicht allzu realistisch. Gemeinsam habe man beschlossen, sich erst einmal in Richtung Programmieren und Informatik zu orientieren, sagt sie.

Als die ersten Absagen eintrudelten und man sich nach Alternativen umsehen musste, stieß Z. jedoch an ihre persönlichen Grenzen: „Alleine ist es schwierig, sich mit allem auseinanderzusetzen.“ Etwas Unterstützung gab es an der Schule in Neukölln. Diese vermittelte einen Berufsberater für den Sohn und gab einige Tipps für das Erstellen von Bewerbungsunterlagen. Zusätzlich entschied sich Jana Z., ein neues Angebot der Agentur für Arbeit Berlin Süd zu nutzen.

Seit Mitte März veranstaltet diese digitale Elternabende, auf denen sich interessierte Eltern weiterbilden können. Während einer Videokonferenz informieren Expertinnen und Experten der Agentur über die Möglichkeiten, die jungen Menschen am Anfang der Karriere zur Verfügung stehen. Das Programm läuft sowohl für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I als auch der Sekundarstufe II.

Ein Auszubildender der Elektrotechnik montiert in einer Werkstatt einen Sicherungskasten. Foto: Christoph Schmidt/dpa Vergrößern
Ein Auszubildender der Elektrotechnik montiert in einer Werkstatt einen Sicherungskasten. © Christoph Schmidt/dpa

Bisher stoße das Angebot auf großes Interesse, sagt Cornelia Schwarz. Besonders Elternabende für die Sekundarstufe I seien stark nachgefragt. Aufgrund der positiven Rückmeldung wolle man das Programm intensiv weiterlaufen lassen. Dabei handelt es sich bei Veranstaltungen wie den neuen Elternabenden um so etwas wie eine Ausnahme: Auch Optionen wie der Besuch weiterführender Bildungsgänge an den Oberstufenzentren stehen auf dem Themenplan.

Der für die Arbeitsagentur ideale Weg: Von der Schule direkt in die Ausbildung

Aus Sicht der Arbeitsagentur führt der Weg für Absolventinnen und Absolventen der Sekundarstufe I nach der Schule direkt in die Ausbildung, sagte Schwarz. „Jetzt Ausbildungsalternativen zu nutzen, ist jedoch deutlich besser, als wenn die jungen Leute zu Hause auf der Couch sitzen.“ In dieser böten nicht nur Branchen, die als Verlierer der Pandemie gelten, weniger Ausbildungsstellen an – auch die Jugendlichen und deren Eltern schreckten zunehmend vor vermeintlich unsicheren Plätzen zurück.

Dass sich zunehmend Sorgen bei den jungen Menschen breitmachen, bestätigt eine jüngst erschienene Umfrage des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft (GDV). Demnach glaubt die Hälfte der zwischen 18- und 30-Jährigen, schlechteren Chancen auf eine gute Ausbildung gegenüberzustehen als vor der Pandemie. Die Gesamtsituation auf dem Markt schätzten jedoch immerhin 55 Prozent noch als „gut“ oder „sehr gut“ ein.

Damit das so bleibt, hatte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im März das laufende Jahr zum „Jahr der Ausbildung“ erklärt. Ein paar Tage darauf kündigte die Bundesregierung an, die betriebliche Ausbildung in der Pandemie mit etwa 700 Millionen Euro unterstützen zu wollen. So könnten Unternehmen, die keine Ausbildungsplätze abbauen, eine Prämie von 4000 Euro erhalten, bei zusätzlichen Stellen sollen gar 6000 Euro winken. Auch ein neuer Lockdown-Sonderzuschuss von 1000 Euro für Kleinstbetriebe ist vorgesehen.

Jana Z. zumindest hat nach dem Programm der Arbeitsagentur ein wenig Mut geschöpft. In vielen Bereichen scheine die Nachfrage doch höher zu sein, als sie dachte, sagt sie. Nun hofft sie auf den kommenden Beratungstermin, den sie nach dem digitalen Elternabend vereinbart hat. Es sei gut, wenn jemand mit ihrem Sohn spreche, der berufliche Expertise mit ins Gespräch bringt. Jana Z. glaubt: „Hopfen und Malz sind noch nicht verloren.“

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