Bereits seit dem 3. Jahrhundert gibt es in christlichen Kirchen die Form des Gesangs, die auch Grundlage des NoonSongs ist. Thilo Rückeis
© Thilo Rückeis

Jubiläum von Kirchenkonzertreihe in Wilmersdorf Der NoonSong zieht die Menschen in die Kirche

Der NoonSong feiert sein Jubiläum: Gesänge aus früheren Jahrhunderten locken zum 500sten Mal Besucher in die Kirche am Hohenzollernplatz.

Die Szene hat fast etwas Dörfliches – mitten in Berlin. Neben der Kirche am Hohenzollernplatz werden auf dem Markt Eier, Gemüse und Honig verkauft. Davon unbeeindruckt eilen von allen Seiten her Menschen die Treppen hoch zu dem expressionistischen Backsteinbau aus den frühen 30er Jahren.

Es ist Samstagmittag, Zeit für den NoonSong, der für viele hier längst zum lieb gewordenen Ritual geworden ist. Die Kirchenbänke sind schon zehn Minuten vor Beginn gut gefüllt, die Programme gerade ausgegangen. Egal, es wird eh nur ein Lied mitgesungen, und zwar mit dem Text des „Vater unser“, der dem hier anwesenden Publikum dem Augenschein nach bekannt sein dürfte. Mucksmäuschenstill ist es, unmittelbar bevor die Sänger in ihren roten Roben einziehen.

Jeden Samstag singen hier acht professionelle Sänger des Ensembles Sirventes Berlin alte A-cappella-Musik. Das dauert etwa 30 bis 40 Minuten. Diese Form des Gesangs gibt es seit dem 3. Jahrhundert in christlichen Kirchen, die alten Psalmtexte schlagen außerdem eine Brücke zum Judentum. Rund 10 000 Zuhörer kommen jährlich. Eintritt wird nicht verlangt, aber man darf am Ende eine Spende in den Klingelbeutel am Ausgang werfen.

Zum Jubiläum singen besonders renommierte Chöre

Im November 2008 wurde hier die alte Tradition des gesungenen Gottesdienstes wiederbelebt. Was als kreativer Versuch, mehr Leute in die Kirche zu locken, hätte floppen können, entwickelte sich bald zu einer Erfolgsgeschichte. Die soll nun anlässlich des 500. NoonSongs an vier Wochenenden mit renommierten Chören groß gefeiert werden.

Den Anfang macht am Samstag, den 25. Januar der „Choir of Trinity College, Cambridge“, der zusätzlich um 16 Uhr ein Konzert gibt unter der Leitung von Stephen Layton. Am 1. Februar wird der Staats- und Domchor Berlin zu hören sein, eine Woche später der Kölner Domchor unter der Leitung von Eberhard Metternich.

Den 500. NoonSong am 15. Februar bestreitet Sirventes Berlin unter der Leitung von Stefan Schuck mit Daniel Clark an der Orgel und dem früheren Bischof Wolfgang Huber als Liturgen. Um 18 Uhr gibt es die erste vollständige Wiederaufführung der Marienvesper von Johann Friedrich Fasch und um 22 Uhr als Abschluss gregorianische Choräle in Form eines feierlichen klösterlichen Nachtgebets als musikalische Reise vom 9. ins 15. Jahrhundert.

Eine künstlerische Lichtkonzeption soll Bilderwelten alter Zeiten zurückrufen, in denen man sich die Nacht voller Dämonen vorstellte. Die strenge Liturgie, angesiedelt zwischen dem klösterlichen Stundengebet und dem anglikanischen Evensong, verbietet sogar Applaus am Ende der Gesänge. Zwischendrin gibt es auch eine Lesung aus der Bibel. Wenn das Licht an den Seitenwänden angeht, ist das ein deutliches Signal. Jetzt sollen gleich alle gemeinsam singen.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Immer noch großes Interesse am NoonSong

Die Organisatoren sind stolz darauf, dass sich über die Jahre eine Fan-Gemeinde formiert hat, die aus den verschiedensten Konfessionen besteht, es gibt katholische und jüdische Besucher, aber auch muslimische und konfessionslose. Dabei hat die Atmosphäre fast mehr von einem besonders streng regulierten Gottesdienst als von einem einfachen Konzert, wozu die genauen Regieanleitungen fürs Publikum beitragen.

Nur wer wirklich nicht stehen kann, soll während der entsprechenden Passagen sitzen bleiben. Für unruhige Kinder werden Nebenräume bereitgestellt, Fotos sind während der Zeremonie nicht erlaubt, anerkennende Worte nach Abschluss der musikalischen Andacht immerhin gestattet.

Das Interesse ist groß. Im Frühjahr erst übertrug die Deutsche Welle eine Dokumentation über den NoonSong in die ganze Welt. Finanziert wird die Reihe allein durch Spenden. Es gibt einen Förderverein und ehrenamtliche Helfer.

Nach dem Konzert breitet sich ein herzhafter Erbsensuppenduft aus. Das gemeinsame Essen gehört vor allem für ältere Besucher offensichtlich ebenfalls zum Ritual. Und das geschieht gleich hinten in der Kirche selbst, wo die Besucher miteinander ins Gespräch kommen. Danach über den Markt gehen, und das Wochenende in der Stadt hat begonnen – ganz so, wie man es auch vor einigen Hundert Jahren schon hätte haben können.

Mehr Infos: www.noonsong.de. Teilweise muss für die Konzerte ein Ticket erworben werden: Telefon 030 68 40 04 55 oder ticket.noonsong.de.

Zur Startseite