Friedhof I der Elisabeth-Gemeinde in der Ackerstraße 37 in Berlin-Mitte. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Ingeborg Henning (Geb. 1929) Ein schönes Kleid ist ein Versprechen

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„Du musst mir keine billigen Klunker schenken!“ Ihr Stil gab Ingeborg Henning auch in Notzeiten Halt. Ein Nachruf.

Was macht eine feine Dame zu einer feinen Dame? Keinesfalls die Herkunft. Denn Ingeborg kam aus ärmlichen Verhältnissen. Der Vater starb früh, die Mutter arbeitete hart, um die drei Kinder durchzubringen. Ingeborg besaß wenig mehr als den Wunsch, etwas darzustellen in der Welt, und eine klare Vorstellung, wer ihr diesen Wunsch erfüllen konnte: Sie selbst. Da keine gute Fee ihr ein Ballkleid zauberte, musste sie es eigenhändig nähen, also lernte sie Schneiderin.

Ein schönes Kleid ist ein Versprechen, aber es braucht keinen Märchenprinzen, das zu erkennen. Eine feine Dame heiratet nicht romantisch, sondern klug. Das muss kein schöner Mann sein und kein Königssohn, aber einer, der was zu bieten hat. Kurt war kein Beau. Ein guter Tänzer war er mit einem ordentlichen Auskommen. Also heiratete sie ihn und zog in den Westteil der Stadt.

In der Treptower Straße richtete sie eine großzügige Wohnung ein, wo alles picobello zu sein hatte. Nichts wurde unter den Teppich gekehrt. Bei der Arbeit im Haushalt trug sie immer einen weißen Kittel, der Hygiene wegen. Hilfe wollte sie nicht. Keine Putzfrau fand bei ihr je Gnade. „Hören Sie, Sie können alles, aber nicht putzen. Lassen Sie es gut sein.“ Sie hielt streng auf das Äußere, auch auf ihr eigenes: Der wöchentliche Gang zum Frisör war Pflicht, denn Stetigkeit allein bürgt für ein gepflegtes Aussehen.

Eine solche Frau trifft man nur einmal im Leben

Als Kurt krank wurde, schickte sie ihn weg in die Kur. Sie selbst war noch viel kränker – hatten ihr die Ärzte zumindest eingeredet. Sie ließ sich die Brust entfernen. Ein halbes Jahr später sah ein anderer Arzt ihre Papiere noch einmal durch und stellte fest: „Das war kein Brustkrebs.“ Sie hat darüber nicht geklagt, sondern fortan strikt alle Ärzte gemieden.

In der Silvesternacht 1978 starb Kurt in ihren Armen. Sie trauerte, aber sie ließ sich von der Trauer nicht übermannen. Und schon gar nicht ließ sie sich übertölpeln, als ein junger Mann ihr Kurts nagelneuen Ford Taunus weit unter Wert abluchsen wollte: „Hören Sie mal, ich habe meinen Mann verloren, aber nicht meinen Verstand!“

Den nächsten Galan lernte sie über eine Anzeige kennen. Günter stellte sich vor, sie wehrte ab: „Junger Mann, vergessen Sie mich. Sie sind zu jung!“ Aber Günter warb beharrlich um sie, weil er wusste, dass man eine solche Frau nur einmal im Leben trifft. So wurden sie ein Paar.

„Krank bist du und der. Ich nicht.“

Eine feine Dame ist sich niemals für etwas zu fein. Günter besaß einen kleinen Transportbetrieb, Umzüge, Wohnungsauflösungen, alles, was auf die Knochen geht. Da half sie gelegentlich aus, wenn Not am Mann war, und trug in Pumps die kleineren Kisten treppauf und treppab. Es war ihr ein Bedürfnis zu helfen. Und es war ihr ein Bedürfnis, für sich zu sein. Zu Günter kam sie immer nur am Wochenende, oder er zu ihr, das war klar geregelt. Einmal hat er gefragt, ob sie ihn heiraten würde, da hat sie gesagt: „Ich war ein Mal verheiratet. Das reicht.“

Es hat auch so gut gehalten, denn sie bevormundete ihn nicht. Er konnte nicht tanzen, also ließen sie es sein. Sie liebte klassische Musik, aber Konzertbesuche hat sie ihm nicht zumuten wollen. Sie saß gern vor dem Radio und hörte Deutschlandfunk. Sie las die Tageszeitung und sah sich im Fernsehen Sendungen mit Qualität an. Auf Reisen mochte sie nicht mehr gehen, das war ihr zu unhygienisch. „Verreis du mal! Ich freue mich, dass ich zu Hause bleiben kann!“ Da gab es genug zu tun. Im eigenen Haushalt und im Haushalt all der Freundinnen, denen sie mit Besorgungen zur Hand ging. Trotz ihrer kaputten Knie, aber Schmerzmittel, so was gab’s nicht bei ihr: „Krank bist du und der. Ich nicht.“ Sie lebte gesund, war immer in Bewegung, hielt sich anfangs einen kleinen, später einen großen Terrier, den sie auf Trab brachte.

Entweder ins Heim oder nach Heiligensee

Frau Henning wusste immer, was sie wollte: entweder das Beste oder gar nichts. Wenn Günter ihr ein Parfum mitbrachte, dann war es „Chanel Nº 5“. Billigeres hätte sie ihm gleich ins Kreuz geschmissen. Ihr Schmuck war gut und gediegen, mehr wollte sie nicht. „Du musst mir keine billigen Klunker schenken!“ Dieser Stil gab ihr auch in Notzeiten Halt. All die Jahre hatte sie Ärzte gemieden. Nun war es zu spät. Erst der Befund Parkinson, dann die Diagnose Magenkrebs, unheilbar. Andere wären von der Trage gefallen. Aber mit der Nachricht konnten die Doktoren sie nicht mehr erschrecken. „Meine Großmutter ist mit 59 an Magenkrebs gestorben“, merkte sie nur an.

„Entscheide dich“, bat Günter sie, „entweder ins Heim oder zu mir nach Heiligensee. Fängt beides mit H an.“ Sie wusste, dass Günter gut für sie war, also ging sie zu ihm. Obwohl sie ungern ihre Wohnung aufgab und in das kleine Häuschen zog. „Oh, schrecklich“, wäre ihr nie über die Lippen gekommen, lieber bemerkte sie spitz: „Dein Essen schmeckt nicht.“

Über ihre wahren Empfindungen hat sie nie gesprochen. Sie wusch sich selbst, so lange sie konnte, und sie gab Günter Unterweisung, wie er die Wäsche zu waschen hatte. Eine feine Dame fällt niemandem zur Last, schon gar nicht durch ihre Gebrechen. Sie saß in einem kleinen Rollstuhl, sehr schmal, nur noch Haut und Knochen war sie, was Günter das Heben leicht machte. Wenn sich ein Gast anmeldete, bat sie Günter, ins Bad gebracht zu werden. Dort blieb sie bis der Besuch weg war. Sie fand sich nicht mehr präsentabel. Sie konnte kaum noch schlucken zuletzt, weniger als ein Vögelchen aß und trank sie, aber die Augen strahlten, bis sie den letzten Atemzug in Günters Armen tat.

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