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Regionale Pioniere: Schon seit Jahren erzeugt der Versorger Enertrag in seinem Hybridkraftwerk in Prenzlau Wasserstoff. Das Foto zeigt Projektleiter Peter Agoston, Referent Matthias Philippi und Anlagenleiter Nico Vollack. Foto: Christoph M. Kluge
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Heiß begehrter Energieträger Berlin und Brandenburg gründen Partnerbörse für Wasserstoff-Händler

Aus Grünstrom erzeugter Wasserstoff soll die Energiewende ermöglichen: Die Politik will die Akteure der Hauptstadtregion jetzt verkuppeln.

Vor gar nicht so langer Zeit musste man mindestens einen Physik- oder Chemie-Leistungskurs in der Schule belegt haben, um erotische Gefühle zu empfinden, sobald chemische Elemente wie Wasserstoff (H) und Sauerstoff (O) eine Verbindung eingehen, um zu Wasser (H2O) zu werden. Neuerdings können sich auch Politiker, Ökonomen und sogar Kaufleute dafür begeistern. Was sie am meisten anmacht, ist der Gedanke an die Spaltung von Wasser in seine Bestandteile. Dies gelingt mit dem Verfahren der Elektrolyse.

Um diesen Prozess in industriellem Maßstab und ganz großem Stil voranzutreiben, finanzieren die Wirtschaftsverwaltungen von Berlin und Brandenburg jetzt eine Online-Plattform, die möglichst viele Erzeuger und Verbraucher von Wasserstoff ohne Reibungsverluste und Umwege zusammenbringen soll.

„Unser Marktplatz ist wie eine Mischung aus Partnerbörse und eBay-Kleinanzeigen“, erklärte Oliver Arnhold, Geschäftsführer der Localiser RLI GmbH, die das Projekt umsetzt, am Montagnachmittag in Berlin bei der Online-Vorstellung mit Berlins Wirtschaftssenator Stephan Schwarz (parteilos) und Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD).

Dass sich Politiker dieser Tage besonders für naturwissenschaftliche Vorgänge interessieren, ist im Falle von Steinbach zwar wenig überraschend, weil er als habilitierter Chemieingenieur über Jahre sein Wissen darüber an einer Hochschule vermittelt. Doch spätestens seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine träumen viele Standortpolitiker - nicht nur hierzulande - von einem zügigen Aufbau einer "Wasserstoffwirtschaft". Das Konzept steht für einen technologischen Ausweg aus der wirtschaftspolitisch brisanten Abhängigkeit von (russischem) Erdgas.

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Kurz zurück zum Knistern der Moleküle: Mit Hilfe von elektrischer Energie, die man sinnvollerweise regenerativ erzeugt hat, lässt sich Wasser (H2O) in gasförmigen Wasserstoff (H2) und Sauerstoff (O2) zerlegen. Den Sauerstoff kann man in die Atemluft entlassen oder für spezielle industrielle Anwendungen verwenden. Das Augenmerk liegt auf dem Wasserstoff: Den kann man als Energieträger unter Druck in Behältern speichern oder in Pipelines transportieren.

Was Industrie und Rohstoffhandel besonders begeistert: Sie können dafür zum Teil die bestehende Infrastruktur nutzen, die sie einst zum Transport und Verstromung von Erdgas (Hauptbestandteil Methan) aufgebaut haben. So könnte Wasserstoff – wenn mit erneuerbaren Energien erzeugt – eine gute Brücke zwischen klimaschädlicher und klimaschonender Wirtschaft werden. Und er könnte Deutschland deutlich unabhängiger machen von Energieimporten.

Flüchtiger Anblick: Darstellung von Wasserstoffmolekülen. H2 lässt sich mit Energie produzieren - und vertanken. Foto: imago images/Alexander Limbach Vergrößern
Flüchtiger Anblick: Darstellung von Wasserstoffmolekülen. H2 lässt sich mit Energie produzieren - und vertanken. © imago images/Alexander Limbach

Man muss kein Experte sein, um sich in dem neuen Portal und auf einer ebenfalls vorgestellte Adressdatenbank unter www.h2-bb.de zurechtzufinden. Nach einer kostenlosen Registrierung findet man eine Karte, in die man Zusatzinformationen ein- und ausblenden kann – und sein Projekt selbst eintragen kann: Man findet dort schon heute erste Solar- und Windparks mit deren Strom man Wasserstoff erzeugen könnte. Und man findet künftige Wasserstoffabnehmer.

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So haben die Betreiber eines noch im Bau befindlichen Zementwerkes und die des Kraftwerkes Reuter in Berlin schon ihre Inserate hinterlegt. Das Portal zeigt auch Bahnstrecken an, versehen mit dem Hinweis ob sie bereits elektrifiziert sind oder nicht. Letztgenannte Info ist interessant für die Wasserstoffanbieter, denn erst vor wenigen Tagen wurde verkündet, dass ab spätestens 2037 keine Diesellok mehr auf Trassen im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) rollen soll.

Züge sollen künftig emissionsfrei und klimaneutral – mit Strom – fahren. Der kommt dann aus der Oberleitung, der Batterie oder dem Wasserstofftank an Bord.

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„Der gemeinsame Wasserstoffmarktplatz ist ein weiterer Schritt auf dem Weg, unsere Energieversorgung nachhaltiger und unabhängiger zu machen“, sagte Wirtschaftssenator Schwarz. „Die Initiative unterstreiche dabei das große Potenzial, das aus der Zusammenarbeit von Berlin und Brandenburg erwache. „Die Chancen der Wasserstofftechnologie für die regionale Energieversorgung, für die Wettbewerbsfähigkeit der Energiewirtschaft und für die Dekarbonisierung unserer Energieregion lassen sich am besten im Verbund beider Länder sinnvoll nutzen.

Das Angebot, das mit Geld der Europäischen Union unterstützt wird, richtet sich nicht nur an Unternehmen aus dem Energiesektor. Auch Logistik- und Verkehrsunternehmen, die Wasserstoff benötigen, finden dort passende H2-Angebote oder Transportmöglichkeiten. Weitere Anwendungsbeispiele liegen im Flug- und Schiffsverkehr, dem Mobilitäts- oder Wärmesektor sowie in der Speicherung von Gas.

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