Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Passanten auf dem Ku'damm in Berlin. Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch
© REUTERS/Fabrizio Bensch

Große Inzidenz-Unterschiede in Berlins Bezirken Pankow dürfte shoppen, Neukölln müsste dichtmachen

Die Neuinfektionen schwanken und unterscheiden sich stark zwischen den Bezirken. Wie kommt das? Und muss es Folgen haben?

Die Zahl ist eine Weissagung für die Stadt, jeden Tag aufs Neue: Die Sieben- Tage-Inzidenz entscheidet seit einem Jahr über Öffnungen und Schließungen, Lockerungen und Verschärfungen. Berlins Amtsärzt:innen kritisieren, der Wert, der sich an der Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner orientiert, eigne sich allein nicht für Bewertung der Lage – und dennoch steht und fällt mit ihm noch immer das öffentliche Leben.

Entsprechend eifrig werden Analysen bemüht, um Einflüsse auf die Pandemieentwicklung zu entschlüsseln, und hitzig fallen Debatten unter den Berliner:innen aus, wenn die Unterschiede, etwa zwischen den Werten einzelner Bezirken, groß sind. Dabei steht stets die Frage im Raum, ob es fair ist, Menschen in einem Bezirk mit niedrigem Wert in Sippenhaft zu nehmen für die hohen Werte andernorts? Und ist das epidemiologisch notwendig?

Die Diskussion erwacht aktuell zu neuem Leben, denn die Inzidenzen der Bezirke liegen jüngst an vielen Tagen weit auseinander. Etwa in Pankow sank die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner:innen innerhalb von sieben Tagen in der vergangenen Woche auf ein Rekordtief von 28, während der Wert von 92 in Tempelhof-Schöneberg mehr als dreimal so hoch lag.

Dabei sind starke Schwankungen zu erkennen, bereits am Folgetag vermeldete Pankow wieder eine Inzidenz von 36,6. Anfang der Woche hatte Neukölln als erster Bezirk mit 107,3 die 100er-Marke wieder überschritten, am Donnerstag wies der Lagebericht nur noch 77,6 aus.

In Tempelhof-Schöneberg, wo die Zahl mit 80,9 am Donnerstag am höchsten lag, hat man keine stichhaltige Erklärung dafür. „Wir hatten keine massenhaften Ausbrüche“, sagt Gesundheitsstadtrat Oliver Schworck (SPD). „Ein besonderes Infektionsgeschehen konnte ich jedenfalls nicht feststellen.“

Eher sei sein Eindruck, dass sich Tempelhof-Schöneberg im gleichen Rahmen bewege wie jene Bezirke, bei denen tendenziell eher höhere Zahlen vorliegen – eben mal mehr und mal weniger.
Lange Zeit wies die Innenstadt – grob vereinfacht – oft etwas mehr Neuinfektionen auf als der Stadtrand. In Pankow etwa liegt das Infektionsgeschehen meist unter dem Berliner Durchschnitt.

Torsten Kühne (CDU), Gesundheitsstadtrat von Pankow. Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Torsten Kühne (CDU), Gesundheitsstadtrat von Pankow. © Kai-Uwe Heinrich

Doch auch Pankows Gesundheitsstadtrat Torsten Kühne (CDU) bleibt reserviert. „Die aktuellen Inzidenzwerte in Pankow machen hoffnungsvoll, aber aufgrund der unvorhersehbaren Entwicklung des Infektionsgeschehens sind sie auch mit Vorsicht zu betrachten“, sagt er.

Menschen stecken sich vor allem im privaten Umfeld an

Vor ein paar Wochen sei etwa Steglitz-Zehlendorf auch schon sehr nah am Inzidenzwert 35 gewesen und lag in der vergangenen Woche nun wieder bei über 50. „Auch in Pankow waren wir zwischenzeitlich kurz über dem Berliner Durchschnitt.“

Derzeit sei das statistische Infektionsgeschehen in Pankow vergleichbar mit Städten wie Rostock oder Landkreisen wie Tübingen. „Hierfür eine Erklärung im Detail und im Unterschied zu anderen Bezirken zu geben, ist äußerst schwierig“, sagt Kühne. „Die hauptsächliche Übertragungsquelle ist nach unseren Erfahrungen auch weiterhin das privat-familiäre Umfeld.“ Lokal eingrenzbare Ausbrüche seien in Pankow nach wie vor sehr selten.

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Solche massenhaften Anfälle von Infektionen beeinflussten die Zahlen etwa im Winter bei den großen Ausbrüchen in Pflegeheimen oder in beengten Wohnsiedlungen wie dem Gebiet am Falkenhagener Feld in Spandau. Dort hatte sich das Coronavirus Ende November rasant verbreitet und den Bezirk, dessen Infektionszahlen zuvor stets im Mittelfeld rangierten, zum Sars-Cov-2-Hotspot der Hauptstadt gemacht.

Gesundheitsstadtrat Kühne betont dennoch, die Faktoren, die eine Rolle spielten, seien vielfältig: Ausbreitung der Mutationen in der Stadt, Impfquoten in den Bezirken, Einhalten und Akzeptanz der Hygieneregeln, das Mobilitätsverhalten innerhalb der Stadt ebenso wie etwa das von Reiserückkehrern.

Knappes Einkommen, dichte Bebauung, hohe Einwandererquote

Eine im Februar vom Senat veröffentlichte Studie nennt darüber hinaus geringere Haushaltseinkommen, dichte Bebauung, beengte Wohnverhältnisse und eine hohe Einwandererquote als wesentliche Faktoren dafür, dass ein Wohngebiet in Berlin zum Corona-Hotspot wird. Die Studie bezieht sich aber auf Daten vom 29. Oktober 2020 – also lange, bevor die gefährlichen Corona-Mutationen in der Stadt registriert wurden.

Der Osnabrücker Migrationsforscher Andreas Pott warnte damals davor, Menschen in Corona-Hotspots für ihr angeblich amoralisches Verhalten zu stigmatisieren. Wenn Menschen sich in Wohnblocks in großer Zahl mit dem Virus ansteckten, seien sie in erster Linie selbst die Leidtragenden.

Das passt zur Philosophie Berlins, sich bei der Betrachtung der Inzidenzen am Wert für ganz Berlin zu orientieren. Sinkt die Inzidenz etwa stadtweit unter 50, dürfen Läden mit Personenbeschränkungen wieder regulär öffnen. Übersteigt der Wert stadtweit die 100er-Marke, will der Senat das öffentliche Leben wieder stärker einschränken.

Das birgt das Risiko, dass das Virus in einem Bezirk bereits unkontrolliert um sich greift, während die Maßnahmen zur Eindämmung noch auf sich warten lassen, weil der Berliner Durchschnitt noch unter der Inzidenz von 100 liegt.

Regelung ist Sache des Bundes

Sich hingegen vermehrt an den Inzidenzen der Bezirke zu orientieren, „wäre praktisch nicht umsetzbar“, sagte Senatssprecherin Melanie Reinsch dem Tagesspiegel. „Ohnehin ist diese Regelung auch im Infektionsschutzgesetz des Bundes unter Paragraf 28a so festgeschrieben worden.“ Die Länder Berlin und Hamburg gelten als kreisfreie Städte, heißt es dort.

Im September führte Berlin die Debatte schon einmal. Einige Bundesländer hatten ein Beherbergungsverbot für Menschen mit Wohnsitz in besonders betroffenen Bezirken ausgesprochen, den Bewohner:innen anderer Bezirke aber den Aufenthalt erlaubt. Damals trieben vor allem Partys die Neuinfektionen in Neukölln, Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg in die Höhe, während die Inzidenz in Treptow-Köpenick noch bei acht lag.

Die Inzidenzwerte in den Berliner Bezirken unterscheiden sich zum Teil stark (Symbolbild). imago images/Christian Ohde Vergrößern
Die Inzidenzwerte in den Berliner Bezirken unterscheiden sich zum Teil stark (Symbolbild). © imago images/Christian Ohde

Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) akzeptierte damals nicht ohne Verärgerung, dass auch in seinem Bezirk die Regeln verschärft wurden. „Da steckt ein Stück Ungerechtigkeit drin, aber wir können in einer Stadt wie Berlin nicht unterschiedliche Maßnahmen treffen“, sagte er.

Selbst die Opposition im Abgeordnetenhaus spricht sich aktuell nicht dafür aus, Lockerungen in Bezirken mit niedrigen Inzidenzen zu gewähren. „Das bringt ja nichts, dann fahren Menschen aus Neukölln eben nach Pankow zum Shoppen“, sagt Florian Kluckert, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. Eher findet er es sinnvoll, in Bezirken mit vielen Neuinfektionen bestimmte Personengruppen durch gezielte Ansprache noch besser aufzuklären, etwa die Jugendlichen.

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Kluckert erwartet durch die neue Strategie von Schnell- und Selbsttests sowie durch die Öffnung von Schulen und Kitas allerdings kurzfristig einen Anstieg der Fallzahlen. „Das ist aber weniger problematisch als noch im Herbst“, sagt er. „Denn viele Risikopatienten sind geimpft.“ Selbst bei einer Inzidenz von 200 müsse Berlin die Regeln nicht wieder verschärfen, solange sie das Gesundheitssystem nicht überlaste.

Ähnlich argumentieren Berlins Amtsärzte. Es sei ein gewaltiger Unterschied, ob eine Sieben-Tages-Inzidenz von 50 herrsche, alle Infizierten symptomfreie Kinder seien und die über 80-Jährigen schon durchgeimpft wären, oder ob bei einer Inzidenz von 50 vor allem Risikogruppen betroffen seien.
Doch auch Menschen mittleren Alters erleben schwere Corona-Verläufe, auch Eltern von Schulkindern haben Vorerkrankungen. Andererseits berichtet Charité-Virologe Christian Drosten in seinem Podcast, das Risiko von Sars-Cov-2 gleicht für Menschen unter 45 Jahren etwa dem einer Grippe. Und auch der Lockdown kann krank machen. Die nächste Ministerpräsidentenkonferenz findet am 22. März statt. Sie soll vor allem um Lockerungen für die Tourismusbranche zu Ostern diskutieren.

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