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Mit der Charité als Leuchtturm will Berlin Pharmafirmen, Pflegewissenschaftler oder Medizintechniker anlocken.  Foto: Imago
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Gesundheitswirtschaft in der Hauptstadtregion Auf dem Weg zur „Health Capital“ steht Berlin vor einigen Herausforderungen

Fachkräftemangel, Tierversuche und schleppende Digitalisierung fordern die Stadt heraus. Am Mittwoch findet das 6. Tagesspiegel Fachforum Gesundheitswirtschaft statt.

Nachholende Digitalisierung, bessere Synergien, internationale Strahlkraft – ja, auch der Senat von Franziska Giffey (SPD) will wirtschafts- und forschungspolitisch auf Berlins größte Branche setzen: das Gesundheitswesen. Und vielleicht wird das auch durch zwei, drei Nebensätze der Gesundheitssenatorin deutlich.

Als Ulrike Gote (Grüne) vor einigen Tagen von Forschern auf notwendige Tierversuche angesprochen wurde, reagierte die Gesundheitssenatorin sinngemäß so: Sie wisse gar nicht, warum man ihr latent unterstelle, es Labormedizinern schwer zu machen. Auch als Grüne, signalisierte Gote, verfolge sie mit Blick auf die absehbar nötigen Tierversuche einen pragmatischen Ansatz.

Der rot-grün-rote Senat orientiert sich mindestens theoretisch an dem vom ehemaligen Regierungschef Michael Müller skizzierten Weg zur „Gesundheitsstadt 2030“: Mit der Charité als Nukleus soll Berlin international Pharmafirmen, Pflegewissenschaftler, Medizintechniker anlocken.

Senatorin Gote leitet das dazu passende Superressort, denn nach der Wahl 2021 wurden Gesundheit und Wissenschaft in einer Verwaltung zusammengelegt. Nun werden alle Pflegeheime, die bezirklichen Gesundheitsämter, die Krankenhäuser und die Hochschulen, darunter die Charité als Europas größte Universitätsklinik, aus einem Haus geführt.

Doch der „2030er Weg“ bleibt steinig, wie die vor wenigen Tagen im Abgeordnetenhaus diskutierte Frage der CDU zu Laborexperimenten mit Tieren zeigt: Obwohl nur circa fünf Prozent der Tierversuchsanträge als unsachgemäß abgelehnt werden, erteilt das zuständige Landesamt bis zu 20 Prozent der zustehenden Genehmigungen nicht in der gesetzlichen Frist: Es gebe so viele Prüfvorschriften, heißt es zur Begründung, dass das Amtspersonal dafür nicht reiche. Das politische Bekenntnis Giffeys und Gotes kann den Mangel an Fachleuten also nicht vergessen machen.

"Nur eine konsequente Digitalisierung könnte die Fachkräftenot mildern"

Personal fehlt auch in Pflegeheimen, Kliniken und den großen Firmen der Branche. Der Senat kennt die Lage und will in diesem Jahr endlich den Grundstein für die Ausbildungsakademie von Charité und den ebenfalls landeseigenen Vivantes-Kliniken legen – eigentlich war das schon 2021 geplant.

Weil nicht nur in Krankenhäusern und Gesundheitsämtern massenhaft Stellen unbesetzt bleiben, verweist Charité-Chef Heyo Kroemer stets darauf, dass nur ein massiver IT-Schub, eine konsequente Digitalisierung die Folgen der sich verschärfenden Fachkräftenot mildern könne.

[Unter dem Motto "Die Gesundheitswirtschaft in Berlin-Brandenburg: grün, stark, innovativ - geht das wirklich?" steht das 6. Tagesspiegel Fachforum Gesundheitswirtschaft am Mittwoch, 18. Mai, von 15 bis 18 Uhr. Hier können Sie sich online registrieren und teilnehmen.]

Im Koalitionsvertrag heißt es dazu: „Die Möglichkeiten der Digitalisierung werden in allen Bereichen aktiv genutzt.“ Derzeit aber bitten Klinikleiter den Senat, die ohnehin schleppende Digitalisierung, also die elektronische Verarbeitung der Patientendaten, nicht noch zu verkomplizieren.

Berlins Krankenhausgesetz schreibt vor, dass Patientendaten nur in Ausnahmefällen außerhalb der jeweiligen Klinik verarbeitet werden dürfen. Dabei, so ein Argument aus den Kliniken, wären sensible Daten zu Diagnosen, Versicherung, Behandlungen von externen IT-Spezialisten besser zu schützen.

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Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey unterzeichnete Ende April mit Stefan Oelrich (Bayer AG) ein Memorandum zur Errichtung eines Zentrum für Gen- und Zelltherapie. Foto: Davids/Sven Darmer Vergrößern
Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey unterzeichnete Ende April mit Stefan Oelrich (Bayer AG) ein Memorandum zur Errichtung eines Zentrum für Gen- und Zelltherapie. © Davids/Sven Darmer

Bürgermeisterin Giffey gelobte, anderswo die Abläufe im zulässigen Maß zu beschleunigen. Als Charité und Bayer im April vereinbarten, ein gemeinsames Zentrum für Gen- und Zelltherapie am Nordhafen zu errichten, damit Forschungsergebnisse zügiger als bislang im Klinikalltag umgesetzt werden, sagte die Senatschefin zu, das Land wolle die Bauherren während der unausweichlichen Behördengängen „mit sehr hoher Priorität“ unterstützen.

Immerhin, nicht nur Großkonzerne bauen ihre Berlin-Filialen aus. Erst kürzlich bezogen die Life-Science-Firmen Avi Medical, Atai und T-knife in bester Lage in Berlin-Mitte neue Räume. T-knife ist eine längst international bekannte Biotech-Firma aus Berlin, die sich auf die Tumorbekämpfung durch T-Zell-Therapien fokussiert.

Medizin-Start-ups siedeln sich inzwischen auch im Umland an. Der Senat und die Landesregierung in Potsdam sprechen ohnehin gern von einer Region, dem sogenannten Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg. Wird dieser länderübergreifende Cluster betrachtet, dann setzen darin 383 000 Beschäftigte 28 Milliarden Euro im Jahr um. Unter der Marke „HealthCapital“ wurde schon 2010 ein länderübergreifendes, vom Senat unterstütztes Clustermanagement eingerichtet.

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Es schreibt: „Alle Akteure profitieren von den besonderen Vorteilen der Hauptstadtregion wie den kurzen Wegen zur Bundespolitik, zu Krankenkassen und Verbänden sowie universitärer Spitzenmedizin und Forschung.“

Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Brandenburg die niedrigste Dichte an Ärzten bundesweit aufweist: Auf 100 000 Einwohner kommen weniger als 190 Mediziner, während es in den Stadtstaaten wie Berlin bis zu 290 Ärzte für die gleiche Einwohnerzahl sind. Die Konkurrenz um Fachkräfte wird sich nicht nur zwischen einzelnen Forschungseinrichtungen, Firmen und Verbänden verschärfen, sondern trotz aller Zusammenarbeit auch zwischen Berlin und Brandenburg.

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