Mareike Homann hat noch viele Pläne – zum Beispiel könnte in dem wilden Paradies auch ein Barfußpfad entstehen. Foto: Gerd Nowakowski
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Gemeinsame Sache in Prenzlauer Berg Berliner Gärtner verwandeln einen Friedhof in ein grünes Klassenzimmer

Tomate sucht Gießkanne: Zwischen alten Grabsteinen ist ein Naturerlebnisraum für die ganze Familie gewachsen. Auch Umweltbildung findet hier statt.

Nur das Summen der Bienen, die zwischen den überwucherten Grabsteinen von Blüte zu Blüte fliegen, unterbricht die Stille. Ein Ort der Ruhe, direkt hinter der Mauer, die eine Trennlinie zu einer anderen Welt zu sein scheint. Dabei liegt das geschäftig-unruhige Prenzlauer Berg direkt dahinter. Wer hierher auf die entwidmete Fläche des Georgen-Parochial-Friedhofs nahe der vielbefahrenen Greifswalder Straße kommt, entdeckt einen ganz besonderen Naturraum und zugleich viel Geschichte. Seit 2015, als die Grüne Liga das zweitausend Quadratmeter große Gelände pachtete, ist hier ein Garten der Begegnung, der Biodiversität und der Umweltbildung entstanden.

Schmale Wege schlängeln sich unter alten Bäumen hindurch, gesäumt von umgestürzten Grabsteinen und totem Holz, das den zahlreichen Insektenarten einen Lebens- und Schutzraum bieten. Immer wieder trifft man auf erklärende Schilder zu den hier siedelnden Pflanzen und Bäumen und hier lebenden Tieren. So lernt man, wie es im Bienenstock zugeht, und dass der Rotfuchs, ein „Kulturfolger“, im Unterholz seinen Bau hat. Erfahren können die Besucher vieles über die „Baum-Apotheke“. Ob Saft und Harze, Blätter oder Blüten, Rinde oder Wurzeln – die Bäume sind dem Menschen in vielfacher Weise ein Helfer gegen Krankheiten und Lieferant von vielen Tee-Spezialitäten. Und in schlechten Zeiten wurde die Eichel gar zum Kaffee-Ersatz.

Vor allem aber bieten die Bäume den Lebensraum für viele Vögel oder Käfer - ein zunehmend bedrohter Lebensraum, weiß Mareike Homann. Die Mitarbeiterin der Grünen Liga kümmert sich seit 2016 um dieses wilde Paradies, dass auch für viele Menschen im Kiez zu einer Herzensangelegenheit geworden ist.

Jeden Montag finden sich Gärtnerinnen und Gärtner unter dem Motto „Tomate sucht Gießkanne“ ein, um auf dem Gelände zu wässern und zu pflegen, Schaubeete anzulegen und Wildwuchs zu entfernen. Sie kümmern sich auch darum, das Gelände „verkehrssicher“ zu halten, wie es bürokratisch heißt – nämlich dafür zu sorgen, dass die sehr alten Bäume auf dem 1814 vor den Toren des damaligen Berlin angelegten Friedhofs nicht zu einer Gefährdung für Besucher werden.

Jeder ist hier willkommen. Familien kommen mit ihren Kindern und haben Hochbeete angelegt. In einigen Beeten steht jetzt der Lavendel hochgeschossen neben würzigem Oregano, in anderen hölzernen Hochbeeten warten Mangold und Tomaten auf die Ernte. Auch Kita-Kinder kommen regelmäßig zur Gartenarbeit. Neben Kunstaktionen finden regelmäßig Aktionstage, Workshops und Seminare zu Umweltthemen statt. Auch Nistkästen wurden gebaut. Die Freiwilligentage sind eine gute Gelegenheit, Harke und Schippe in die Hand zu nehmen und das Gelände kennenzulernen.

Das verwilderte Friedshofsgelände ist zum Naturerlebnis geworden. Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Das verwilderte Friedshofsgelände ist zum Naturerlebnis geworden. © Doris Spiekermann-Klaas

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Mit der „Naturerfahrungskiste“ das Gelände erforschen

Wegen des „wilden Charmes“ liebt Homann das Gelände. Sie kümmert sich um Umweltbildung und möchte den ehemaligen Friedhof noch stärker zu einem „Grünen Klassenzimmer“ machen. Derzeit entwickelt sie eine „Naturerfahrungskiste“ – mit Lernmaterialien, Lupen zur Artenbestimmung und einem Handmikroskop. Auch ein Stethoskop, mit dem ansonsten Ärzte Herz und Lunge abhören, soll es in der Kiste geben, erzählt sie – und erntet fragende Blicke. Mit einem Stethoskop könne man die Bäume belauschen, und hören, wie das von den Wurzeln aus dem Boden gezogene Wasser durch die Stämme in die Kronen gesaugt wird. Wieder was gelernt.

Zu tun ist immer etwas. Das Insektenhotel, in dessen feinen Hohlräumen viele Arten Unterschlupf finden, müsste mal wieder neu gestaltet werden. Und ob 22 Bienenstöcke nicht zu viele seien, damit auch den Wildbienen noch genügend Nahrung bleibt, ist auch zu überlegen. Dann wird noch das Projekt „Barfußpfad“ diskutiert und Erklärungstafeln zum Thema „Lebensraum Totholz“, erzählt Mareike Homann, während hinter ihr im halb verfallenen Grabmal ein steinerner Engel den Deckel eines Sarges aufstemmt. Das Leben findet sich hier eben in allen Formen.

Kennenlernen kann man das Projekt am Montag, 14. September 2020, 16-18 Uhr, Eingang: Heinrich-Roller-Straße, Prenzlauer Berg.

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