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Gemeinsam Sport treiben, backen oder Ausflüge machen - die Polizei von nebenan gehört im Soldiner Kiez dazu. Foto: KbnA
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Fußball mit den „Bullen“ Ein Projekt bringt im Soldiner Kiez Polizisten und Jugendliche zusammen

Früher kam es bei Einsätzen im Kiez ständig zu Schlägereien und Angriffen. Ein Sozialarbeiter wollte das ändern – mit Toleranz und gegenseitiger Anerkennung.

„Unsere Gemeinschaft wird von vielen Händen getragen, deswegen haben wir so viel Erfolg“, sagt Yousef Ayoub. Viele Hände, die in den vergangenen zwölf Jahren ein Netz geknüpft haben im Soldiner Kiez in Gesundbrunnen.

Ein starkes Netz, getragen von Respekt und Toleranz und gegenseitiger Anerkennung. Die Initiative hat den Kiez verändert, der zuvor so spannungsgeladen war, dass die Polizei immer nur mit doppelter Personalstärke zu Einsätzen kam; wo es ständig zu Schlägereien, Provokationen und Angriffen auf Polizeibeamte kam und die Beamten entsprechend hart reagierten.

Yousef Ayoub, der mit seiner Familie 1995 in den Kiez zog, hat das selbst erlebt und erlitten, weil Jugendliche ihn abziehen und verprügeln wollten. „Panische Angst“ habe er gehabt, erinnert sich der heute 37-jährige Sozialarbeiter, der inzwischen Vater von drei Kindern ist. „Vor 15 Jahren konnten Polizisten im Kiez nicht allein unterwegs sein, ohne angepöbelt oder angegriffen zu werden – heute werden sie gegrüßt“, erzählt er.

„Mir wurde klar, dass es mit dem Kiez nicht so weitergehen kann“, erzählt Yousef Ayoub, „denn wenn die Polizei gerufen wurde, weil es Stress gab, trug das nicht zur Beruhigung bei – im Gegenteil“.

Er ist stolz darauf, dass sich dies geändert hat. Die Kriminalität ist gesunken, das Sicherheitsgefühl ist gewachsen, und die Eltern machen sich weniger Sorgen um ihre Kinder, wenn die auf den Straßen unterwegs sind.

Die Jugendlichen fühlten sich schikaniert, die Polizisten grundlos beschimpft

Es brauchte dazu eine gute Idee, Offenheit für Neues, unendliche Geduld und viele Menschen, die an dieser Veränderung mit langem Atem mitgearbeitet haben. Ayoub erinnert sich noch gut, wie er dem damaligen Leiter des Polizeiabschnitts vorschlug, gemeinsam Angebote zu schaffen, damit sich die Jugendlichen und die Polizisten besser kennenlernen und erfahren, wie die jeweils andere Seite tickt.

Denn so wie sich Jugendliche bei Kontrollen zu Unrecht schikaniert und respektlos behandelt sahen, so fühlten sich die Beamten provoziert und grundlos beschimpft.

Der Revierleiter war sofort dabei, erzählt Ayoub, was ihn damals selber erstaunte. Ayoub, der 2009 noch in der Ausbildung war, trommelte Jugendliche zusammen zum gemeinsamen Fußballspielen gegen die Polizisten.

Ganz komisch war das am Anfang; schließlich waren die „Bullen“ der Feind. Dass die Beamten in Uniform kamen, sei aber ganz wichtig gewesen. Abgeholt werden die Kinder übrigens immer mit Polizei-Fahrzeugen.

Auch das trägt dazu bei, dass Bild des bösen Polizisten aufzuweichen. Beim Kicken werden Vorurteile abgebaut, man lernte sich gegenseitig besser kennen – ohne Fouls, ohne Beleidigungen, mit Fairplay. Heute gibt es neben Fußball auch Aerobic, Boxkurse, Selbstbehauptungs-Kurse, gemeinsame Kiez-Spaziergänge und auch Aufklärungskurse.

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Einander kennenlernen durch gemeinsame Aktivitäten und dabei Toleranz entwickeln und Akzeptanz aufbauen, so simpel kann es sein. Und so schwer war es, das Netz der Unterstützer aufzubauen.

Ayoub arbeitet vormittags in einer Grundschule und ist jeden Nachmittag und immer, wenn es nötig ist, für den "Kiezbezogener Netzwerkaufbau" (KbNa) da. Das steht für „Kiezbezogener Netzwerkaufbau“, was ziemlich sperrig und soziologisch klingt, wie der Sozialarbeiter zugesteht.

Der Spruch „KbnA – wir sind füreinander da“ reimt sich zumindest. Die Jugendlichen sprechen aber eher salopp nur vom „Polizeiprojekt“ – mit positivem Unterton. „Sich auf Augenhöhe zu begegnen öffnet Herzen und Türen“, hat Yousef Ayoub erfahren.

Die Polizei hat oft gezeigt, was möglich ist. Da rappen die Beamten vom Abschnitt 18 auch mal, wenn es der Sache dient. Vor zwei Jahren wurde ihr Musikvideo zum Thema Respekt und Toleranz auf Youtube zum Hit. Im Soldiner Kiez brachte es den Ordnungshütern in Uniform viel Anerkennung ein.

Sich näher kommen etwa beim Boxen oder der Selbstverteidigung baut Beziehungen auf, die sich auch im Alltag auf der Straße bewähren, wenn es Stress gibt. Denn der Bulle ist nicht mehr der Feind, sondern ein Sportkamerad – und ein Helfer, dem man vertraut.

Wenn es im Kiez doch mal Reibereien zwischen Polizei und Jugendlichen gibt, dann greift Ayoub schon mal zum Rollenspiel mit vertauschten Identitäten – damit beide Seiten besser verstehen, wie ihr Gegenüber tickt und warum sich der Andere missverstanden fühlte.

Das Projekt habe den Jugendlichen „gezeigt, dass es auch anders geht“

Über all diese Kontakte haben sich auch Beziehungen zu den Eltern und Verwandten aufgebaut, und inzwischen kommen Jugendliche und Erwachsene ins Revier, wenn sie bei Problemen Hilfe oder Rat benötigen.

Maurizio Mangaviti war einer der ersten Jugendlichen, die vor zwölf Jahren mitmachten. „Zuerst war es ein komisches Gefühl“, erzählt er. Als ein Kumpel ihm erzählt habe, dass man Fußball gegen Polizisten spielen werde, habe er es nicht geglaubt.

„Doch dann wurde daraus Freundschaft.“ Vorher habe auch er Vorurteile gegen Polizisten gehabt und ihnen damals vorgeworfen, Situationen ungerechtfertigt eskalieren zu lassen und gleich zuzuschlagen, erzählt er. Seine Sichtweise habe sich geändert durch die gemeinsamen Erlebnisse und Gespräche.

„Es gibt nette, gute Polizisten, die Gutes für die Menschen wollen“, habe er gelernt. Der 27-jährige arbeitet heute als Lkw-Fahrer und ist häufig auf den Autobahnen unterwegs, aber Kontakt halte er immer noch und sei ab und zu bei Veranstaltungen dabei.

Das Projekt habe den Jugendlichen „gezeigt, dass es auch anders geht“. Es sei gut für den Kiez, dass man miteinander redet. Dadurch sei es ruhiger im Soldiner Kiez geworden, findet Maurizio Mangaviti.

Das rein ehrenamtlich arbeitende KbnA-Team, das auch keine öffentlichen Gelder erhält, besteht aus Ayoub und sieben weiteren Mitstreitern. Sie halten Kontakt zu den inzwischen 35 Netzwerkpartnern – neben den Polizisten sind das Unternehmer, Organisationen, Moscheen, Schulen und Kitas.

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Die Partner unterstützen die Aktivitäten mit Material und Ressourcen, die Polizei stellt die Sporthalle, und Kiez-Anwohner:innen kochen Essen für die Veranstaltungen.

Inzwischen kommt schon die nächste Generation zum Fußball spielen und den anderen Angeboten. Einige, die vor zwölf Jahren als Kinder dabei waren, sind jetzt selber Polizisten oder auch Sozialarbeiter geworden, und nun als Trainer oder Coach dabei.

Weil sie aus dem selben Kiez kommen, seien sie besonders glaubwürdig, sagt Ayoub. Sie vermitteln den Kindern und Jugendlichen, was in einer Gesellschaft wirklich zählt und wichtig ist. Für sein Engagement wurde der Verein unter anderem mit dem Bundespreis „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ ausgezeichnet.

Die Pandemie hat auch den KbnA ausgebremst, aber Mitte August gibt es wieder ein Fußball-Turnier und Grillen. Auch bei der „Gemeinsamen Sache“ ist die Gesundbrunnener Kiez-Initiative dabei. Dann wollen die Jugendlichen und ihre Unterstützer:innen einen Kinderspielplatz wieder aufhübschen.

„Ich bin sehr froh, dass wir mit Prävention so viel mehr erreicht haben als mit Repression“, sagt Yousef Ayoub. Er wünscht sich, dass überall in Berlin solch ein Angebot geschaffen wird. Der Unterstützung der Politik ist er sich sicher. Eines aber weiß Yousef Ayoub: Wachsen muss so ein Projekt von unten – durch die Menschen, die bereit sind, mitzumachen.

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