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Der Weg durch die Berliner Behörden ist schon sonst oft ein Irrweg. In Zeiten von Corona wird es noch schwieriger (Symbolfoto). Foto: dpa
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Fremdenfeindlichkeit wegen Coronavirus „Sie haben mich wie Dreck behandelt” 

Weil er Italiener ist, wird ein Berliner Therapeut von der Therapeutenkammer seltsam behandelt. Dabei war er seit einem Jahr nicht in Italien.

Eigentlich sollte es ein Festtag werden. Als Vito Manduano am Freitag die Psychotherapeutenkammer Berlin betrat, war er bester Dinge. Als er die Kammer wieder verließ, fühlte er sich „gedemütigt und entmenschlicht”, wie er dem Tagesspiegel sagte. Der Besuch in der Psychotherapeutenkammer sollte den Abschluss einer dreijährigen Anstrengung bedeuten.

Manduano ist zwar schon seit 2016 in Italien als Psychotherapeut anerkannt und vor mehreren Jahren nach Berlin gezogen. Aber in diesem Beruf ist es schwer, aus einem anderen Land kommend in Deutschland regulär arbeiten zu dürfen.

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Sprachprüfungen waren nötig, alle Zeugnisse und Fortbildungsbescheinigungen mussten auf eigene Kosten übersetzt, zahlreiche Unterlagen zusammengetragen werden, Prüfungen neu geschrieben werden. Im Juli 2019 reichte er seine Unterlagen beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) ein. Doch Manduano hatte die Rechnung ohne die deutschen Behörden gemacht. Und deren faktenfernen Umgang mit dem Coronavirus.

Schon das Lageso brauchte sieben Monate

Erst im Februar 2020 kam die Approbationsurkunde bei ihm an. Schon das ist typisch Berlin. Denn das Dokument ist wichtig für Therapeuten. Erst dann können sie offiziell psychotherapeutische Dienste anbieten und sie auch von Krankenkassen erstattet bekommen. Doch damit war die Odyssee noch nicht vorbei. Kurz darauf bekam Manduano einen Brief von der Berliner Psychotherapeutenkammer mit der Aufforderung, sich dort binnen der nächsten vier Wochen anzumelden. Er entschied sich, die Unterlagen persönlich vorbeizubringen.

In der Kammer angekommen, verlief alles erst einmal ganz normal: Der Empfang schickte ihn zum richtigen Büro. Doch statt ihn ins Büro zu bitten, habe die Mitarbeiterin ihn plötzlich gebeten, auf dem Flur zu warten, erzählt Manduano. Kurz darauf sei eine andere Mitarbeiterin aus einem Büro auf ihn zugekommen und habe ihn gefragt, ob er Italiener sei. Er bejahte, fügte allerdings gleich hinzu, dass er schon seit einem Jahr nicht mehr in Italien war.

„Sie haben mich behandelt wie ein Corona-Verbrecher“

Statt es dabei bewenden zu lassen, habe die Mitarbeiterin weiter gefragt: Ob er denn mit Italienern Kontakt habe. Natürlich habe er das, sagte er. Im Rahmen der privaten psychologischen Beratung betreut Manduano jede Woche italienische Klienten. Aber auch hier versicherte er, dass er mit ihnen abgeklärt habe, ob sie in Gebieten mit hohem Coronavirus-Risiko aufgehalten hätten. „Ich habe mich gefühlt wie bei einem Verhör”, erzählt er.

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Es brachte nichts. Die Mitarbeiterin habe ihn stattdessen aufgefordert, die Kammer zu verlassen. Nach einigem Hin und Her wurde ihm angeboten, seinen Antrag auf dem Flur zu bearbeiten. Die Mitarbeiterin kam nun plötzlich mit Gummihandschuhen zurück, sagt Manduano. „Sie haben überhaupt nicht gehört, was ich gesagt habe”, sagt er. „Sie haben mich behandelt wie einen Corona-Verbrecher. Und das, obwohl das medizinisch völlig sinnlos war.”

Hintergrund-Informationen zum Coronavirus:

Außer der Tatsache, dass er Italiener war, gäbe es schließlich keinerlei Unterschied zwischen ihm und jedem anderen deutschen Psychologen. Dazu kommt, dass die Psychotherapeutenkammer offiziell eine Selbstverwaltung der Psychotherapeutinnen und -therapeuten ist, die obendrauf hohe Gebühren von ihren Mitgliedern verlangt. Vito Manduano ist sozusagen ein zahlender Kunde. Und der sagt: „Sie haben mich wie Dreck behandelt.”

„Deutsche Behörden behandeln einen aus einem anderen Land oft anders”

Das Trauerspiel nahm noch länger kein Ende, erzählt er. Mehrfach habe er die Mitarbeiterinnen darauf verwiesen, dass es diskriminierend ist, wie er behandelt werde. Doch statt echter Einsicht habe es immer wieder nur neue Kommentare zum Coronavirus und möglichen Vorsichtsmaßnahmen gegeben. „Nach all dem Warten habe ich mich eigentlich auf den Besuch in der Therapeutenkammer gefreut“, sagt Manduano.

Seit seinem Besuch macht Manduano sich viele Gedanken. Darüber, „was die Angst vor dem Virus mit den Menschen macht” und über die Gefahr, dass die Gesellschaft zwischen „infizierten” und „gesunden” Leute gespalten wird. Aber auch über Fremdenfeindlichkeit.  

Vito Manduano wohnt seit 2013 in Berlin. Er sagt: „Ich habe das Gefühl, dass man in deutschen Behörden oft nicht einfach normal behandelt wird, wenn man aus einem anderen Land kommt.” Dabei sollte ich für die Mitarbeiter dort in erster Linie Berliner sein, oder Therapeut: „Dass ich einen italienischen Pass besitze, sollte da keine Rolle spielen.”

Therapeutenkammer: „Große Unsicherheit bei allen Mitarbeiterinnen”

Einige Stunden nach Anfrage bei der Psychotherapeutenkammer Berlin durch den Tagesspiegel geht bei Herrn Manduano eine Mail von der Geschäftsführerin ein. Es tue ihr leid, dass er sich nicht angemessen behandelt gefühlt habe. „Zeitglich zu Ihrem Besuch gingen die ersten News zur Coronasituation in Italien durch die Nachrichtenkanäle”, schreibt die Geschäftsführerin Brigitte Kemper-Bürger. Sie hätten „große Unsicherheit bei allen Mitarbeiterinnen über das nun richtige Verhalten ausgelöst.”

Denkt man diese Aussage zu Ende, dann hat die Berliner Therapeutenkammer erst am 6. März, über einen Monat nach dem globalen Ausbruch, von der Gefährlichkeit des Virus mitbekommen. Und sich bis dahin nicht überlegt, wie man mit der Krise umgeht.

Zwischen Angst und Fremdenfeindlichkeit

In einer schriftlichen Stellungnahme an den Tagesspiegel schreibt die Geschäftsführerin weiter, dass es „keine allgemeinen Arbeitsanweisungen im Umfeld der Coronaerkrankungen zum Umgang mit Mitgliedern bestimmter Herkunft” gibt.

In der gleichen Mail schreibt sie: „Herr Manduano hat die Situation grob missverstanden. Aufgrund seiner Äußerung, 'aus Italien zu kommen', haben die Mitarbeiterinnen der PTK Berlin darauf bestanden, bestimmte Hygienestandards zu wahren.” Es tue der Kammer leid, dass er das persönlich genommen habe. Letztlich bedeutet diese Aussage: Manduano ist an allem auch noch selbst schuld.

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