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Vom Balkon geht's auch. Nur der Fang ist nicht so lecker Foto: privat
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Fliegenfischen, Songs produzieren, Haute Cuisine Wir haben versucht etwas zu lernen, womit man nach Corona angeben kann

Fünf Autoren, fünf Fähigkeiten - eine Woche Zeit. Ein Experiment zum Nachmachen in Zeiten des Shutdowns. Nicht alle sind daran gescheitert.

1. Fliegenfischen: Auch auf dem Balkon kommt es auf Technik an

Am Anfang jeder Liebhaberei steht das Klischee. Und das hat mir Robert Redford ins Hirn gebrannt. Mit seinem Fliegenfischer-Epos „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“. Für das Sentimentale hatte ich schon immer ein großes Herz. Und – seit als Kind an meiner selbst gebastelten Rute die erste Rotfeder zappelte – auch für das Angeln.

Nun sitze ich auf dem heimischen Sofa und sehe dem jungen Brad Pitt dabei zu, wie er vor der grandiosen Berglandschaft Montanas voller Hingabe seine Leine über das Wasser schwingt. Vielleicht bin ich für die Bilder umso empfänglicher, weil ich mich derzeit dem Rhythmus der Natur trotz Frühlingserwachen nicht hingeben darf.

Angeblich sind Fliegenfischer unter den Anglern das, was die Golfer unter den Sportlern sind: Snobs mit Stecken in der Hand.

Höchste Zeit, den Mythos des Elitären in der Neuköllner Quarantäne zu entzaubern. Wie schwer kann das schon sein? Die Rute steht bereits länger in der Ecke. Einst ein spontaner Kauf, bewährt es sich nun, dass die Wahl auf ein kurzes Modell fiel.

Wenn ich mich hinsetze, ist die Zimmerdecke selbst im Altbau gerade noch hoch genug, um die Spitze nicht abzubrechen.

Es existieren viele Missverständnisse rund um das Fliegenfischen: Es werden dabei keine Fliegenden Fische gefangen. Ebenso wenig müssen Stubenfliegen befürchten, am Haken zu landen. Für gewöhnlich wird stattdessen ein kunstvoll gebundener Köder verwendet, der ein Insekt imitiert. Der ist aber so leicht, dass man eine komplexe Wurftechnik braucht.

So wird das Gewicht der Schnur genutzt, um die Fliege auf die Wasseroberfläche zu befördern. Für den Selbstversuch in den eigenen vier Wänden lässt man den Haken lieber weg. Es sei denn, man ist des Augenlichts ohnehin überdrüssig.

Fliegenfischen ist das Golfen der Angler. Sau teuer, aber macht Spaß. Auch in der Wohnung. Foto: privat Vergrößern
Fliegenfischen ist das Golfen der Angler. Sau teuer, aber macht Spaß. Auch in der Wohnung. © privat

Wie für eigentlich alles im Leben gibt es auch für das Fliegenfischen Abertausende Tutorials im Netz. Regelrechte Lehrpläne existieren für Techniken mit Namen wie „Tecnica Di Lancio Totale“ oder „Gebetsroither Stil“. Vorerst reicht mir aber das Schlagwort „Anfänger“.

Im Video steht ein mittelalter, untersetzter Typ in Anglermontur an einem Forellensee und erklärt in holprigem Moderatorendeutsch, dass das alles ganz einfach sei. Wie beim Werfen eines Stockes. Ausholen und vorschnellen. Nur nicht loslassen. Der Arm, der die Rute hält, soll zunächst angewinkelt bleiben, die Spitze nach vorne zeigen.

Dann in einer fließenden Bewegung anheben und vor- und zurückbewegen. Das Handgelenk bleibt steif. Wäre mein Arm ein Zeiger auf einem Ziffernblatt, müsste ich hinten bei 1 Uhr stoppen. Vorne bei 11 Uhr. Im besten Falle schwingt dabei die Schnur in der Luft auf einer Höhe.

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Der erste Beifang ist eine Zimmerpflanze. Der zweite die Deckenlampe. Schließlich erwischt es auch noch die Kleiderstange. Immer wieder gilt es, Schnurgirlanden zu entwirren. Der untersetzte Mann rät, dass sich auf beengtem Raum besonders der sogenannte Rollwurf anbieten würde. Für Distanzen von drei bis sechs Metern. 25 Quadratmeter Schlafzimmer könnte ich damit locker abdecken. Doch vorerst streikt der von der Quarantäne geschwächte Arm.

Als es dunkel wird, traue ich mich das erste Mal raus auf den Balkon. Die belustigten Blicke der Nachbarn gilt es schließlich zu vermeiden. Meine Würfe durchschneiden die kühle Frühlingsluft. „Tight lines“ wünschen sich die Fliegenfischer rund um die Welt. Im besten Falle, weil man eine kapitale Forelle überlistet hat.

Und tatsächlich! In der Neuköllner Straßenschlucht vor dem Balkon strafft sich die Schnur: Eine majestätische Linde konnte dem Köder nicht widerstehen.

Diesen Fang zu landen, verlangt alles ab. Endlich greift der Kescher. Petri Heil! Mein Straßenzug applaudiert. Kurz durchfährt mich der Stolz. Dann wird mir klar, dass mein Anglerglück wohl eher nicht systemrelevant ist.

Anfang Juni ist Maifliegenschlupf. Das wenige Tage andauernde Naturschauspiel gilt auch im Brandenburger Umland als Höhepunkt der Fliegenfischersaison. Forellen geraten in einen regelrechten Fressrausch. Auch Anfänger haben dann gute Chancen – wenn sie bis dahin das Haus wieder verlassen dürfen. Derweil stelle ich das Ästchen in eine Vase. Trophäe ist Trophäe.

2. Songs komponieren: Elektromusik kann süchtig machen

Tanzbar? Zumindest unser Autor verliert beim Song-Basteln das Zeitgefühl. Foto: privat Vergrößern
Tanzbar? Zumindest unser Autor verliert beim Song-Basteln das Zeitgefühl. © privat

Als wäre man süchtig: Der Track läuft – und schreit nach Veränderung! Hier zu fett, da nicht dicht genug. Und fehlt nicht die Verbindung zwischen den beiden Themen? Aus einer Idee und einer netten Erinnerung ist ein Gefummel geworden, das einen zu lange wach hält, bis morgens um eins oder zwei, fünf Nächte in Folge.

Aber genauso: eine große Freude, eine Erfüllung. Fünf Abende in und mit der Garageband, dem Umsonst-Programm von Apple, mit dem man Musik auf dem iPad oder dem Smartphone machen kann.

Das Corona-Zeitgeschenk machte ein Projekt möglich, das im Konjunktiv meines Lebens gelegen hatte: ein Elektro-Track, erstellt mit Garageband und einer großen Zeitressource, projektiert auf rund eine Woche. Bekomme ich das hin, mit diesem nicht schlechten Programm einen Track zu – ja, was? zusammenzubauen, der einigermaßen läuft und transportiert, was ich an der Elektromusik so mag? Tempo? Krude Sounds? Gefühl und Härte?

Tempo ja, das geht leicht. Krude Sounds? Nein, oder jedenfalls zu wenig im Vergleich zu den Techno-Größen, die ich hochachte. Gefühl und Härte? Ansatzweise. Was am Trial-and-Error-Prinzip liegt.

Also: machen und hören. Unkompliziert anfangen. Gelesen hatte ich: Du brauchst ein Thema. Was auch immer: eine Melodie, einen Rhythmus. Damit spielst du.

Ich bin im klanglichen Schatten von „Kraftwerk“ aufgewachsen. Synthesizer haben mich fasziniert, sie machen die donnernden, wummernden, schürfenden, schrammenden, metallisch über Stein, über Berge und durch Höhlen rumpelnden Sounds, die ich am Techno mag.

Die Synthies, die das schaffen, sind mit viel suchender Spielerei zu finden.

Aber dann geht es erst los. Ein Thema ist ein Thema. Eine Melodie ist eine Melodie. Der Fünf-Nächte-Track hat drei Melodien. Die eine ist ein dunkler, aber schneller Synthiesound. Dunkel, ein bisschen bedrohlich, zugleich schnell, das rumpelt durch die erste Hälfte. Die helle, leichte, kinderliedartige Melodie ist ein Versatzstück aus Garageband, ein Bauteil.

[Schon so gespannt? Hier können Sie den Song hören]

Das hat mir gezeigt, dass die elektronische Tanzmusik mit einer Reihe von Bauteilen funktioniert – und du musst entscheiden, wann und wie oft dieses eine Bauteil verwendet wird.

Melodie Nummer drei legt sich dann mit viel Hall und Drama über das verklingende Getänzel und Gerumpel und nimmt den Hörer ein bisschen in die Arme: warmer, schmelzender Synthiesound.

Ein Gewinn dieser bedrückenden Zeit sind die „United we stream“-Abende aus Berliner Clubs. Man hört wunderbare Elektro- und Techno-Sets – und man sieht, wie sie entstehen. Man sieht Frauen und Männer, die Effekte beherrschen.

Und man versteht: Das ganze Zeug auf den zehn Spuren auf deinem iPad – das musst du zerlegen, verschlanken, versetzen, verdichten und dann wieder ausdünnen, beschleunigen und wieder verlangsamen. Elektromusik ist Bau-Arbeit.

Dabei kommt das iPad an seine Grenzen. Immer wieder muss es mit Glasreiniger und einem Tuch erfrischt werden, damit es Befehle empfängt. Zwischendurch beklagt es den Mangel an Speicherplatz und verbringt viel Zeit mit angeblicher Optimierung der Rechenprozesse. Gelegentlich verzeiht es eine Berührung nicht – dann sind zwei Stunden des musikalischen Such- und Findungsprozesses einfach weg.

Aber man entwickelt sich, man lernt. Längst verwende ich bloß noch das Instrumentarium, von dem ich weiß, wie es funktioniert; würde ich alles ausprobieren – ich könnte mit dem ersten Track das Altersheim beschallen, in dem ich längst untergebracht wäre.

Professionell ist das nicht, was hier läuft. Professionell ist das, was die Frauen und Männer auf „United we stream“ machen. Sie schaffen Klangwelten, in denen man Stunden verbringen kann.

Mal sind es harte, spröde, steinige, trotzdem schöne Welten, mal ist es Südsee – und immer sind sie von ihnen einzeln gemacht und doch so, dass man sie in ihrer Einzigartigkeit wiedererkennen würde.

Immerhin: Die Garageband-Spielerei macht in der Art Freude, dass man über Stunden vergisst, wie die Stunden vergehen.

Das Endergebnis, 9:43 Minuten lang, ist tanzbar, der große Sohn hat eine Art von Okay gegeben. Eine herzenswarme Kollegin komplimentierte, das sei der Sound von Cabriofahren nach Corona. Und ich glaube, etwas gelernt zu haben, womit ich weitermachen kann. Und dieses Gefühl beim Hören … das kann nur Musik.

3. Gourmet-Koch werden: Matsch mit Soße

Versuchsobjekte. Dieses Gemüse wurde den „Kochkünsten“ unseres Autors geopfert. Foto: privat Vergrößern
Versuchsobjekte. Dieses Gemüse wurde den „Kochkünsten“ unseres Autors geopfert. © privat

Meine Kochkünste sind bei Freunden legendär – so schlecht sind sie. Einmal habe ich zum Dinner eingeladen und ein aufgebackenes Sellerieschnitzel aus dem Kühlregal serviert. Diese Anekdote führt regelmäßig zu Lachern bei bestimmten Menschen. Ich habe eine andere Art von Humor.

Allerdings im Moment auch Zeit, um nach den Sternen in der Küche zu greifen, Gerichte aufzutischen wie ein prämierter Küchenchef. Ich beginne in meinem Bücherschrank. Dorthin hat es tatsächlich ein Band von Tim Raue geschafft, der darin seine besten Rezepte versammelt. Nach einer Stunde verzweifle ich. Was ist Sambal Manis? Will ich wirklich „entdarmte“ Garnelen? Wie vakuumiere ich?

Also rufe ich zwei Bekannte an. Der erste erklärt mir sofort, warum ich mir das Nachkochen sparen kann. Die Köche würden für sie produzierte Zutaten verwenden, teilweise exklusiv hergestellt. „Kommst du an in Bienenwachs eingelegtes Rinderfilet ran?“ Oder sie würden auf besondere Frischeprodukte zurückgreifen. Handgefangene Abalone aus dem Ärmelkanal. Ich weiß nicht, ob ich einmal durch die halbe Stadt fahren möchte, um Meeresschnecken zu beschaffen, während andere Leute verzweifelt nach Mehl suchen.

[Aktuelle Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Die Entwicklungen speziell in Berlin an dieser Stelle.]

Der zweite Bekannte, eine echte Rezeptmaschine, zerpflückt mein gerade angeeignetes Halbwissen über Gourmetküche. Ich habe gelesen, dass der italienische Starkoch Massimo Bottura relativ einfache Gerichte zubereitet.

„Vergiss es! Dafür brauchst du ein Foodlab.“ Pacojet, Thermomix, irgendwelche Spezialöfen, die bei 55 Grad anfangen zu schnurren. Ein Maschinenpark, so teuer wie ein Auto. Ich möchte keinen Ratenkredit aufnehmen, ich will nur kochen.

Ping! Die Rezeptmaschine hat eine Whatsapp geschickt, auf dem Handy erscheint das Foto eines akkurat servierten Risottos von Claudio del Principe, einem Schweizer, der sich auf seiner Website als „Kochbuchautor, Texter, Storyteller“ vorstellt. Die Kochanleitung für das frühlingshafte Zucchini-Reisgericht heißt: von Sanftheit umgeben.

Von zwölf Zutaten habe ich zehn nicht vorrätig. Sechs kleine Zucchini sind im Supermarkt nicht auffindbar, ich nehme drei große. Meersalz, Muskatnuss, Parmesan. Gibt es alles. Nur am Reisregal muss ich die Rezeptmaschine anrufen. Durch das Regal hat ein Hurrikan gefegt. Riso Carnaroli steht nicht da, vereinzelt grinst noch Uncle Ben’s von der Packung. „Bloß nicht!“, schreit es durch die Leitung. „Im Biomarkt probieren!“ Der hat den Reis.

Er sagt, es schmecke besser, als es aussieht. Wir glauben ihm. Foto: privat Vergrößern
Er sagt, es schmecke besser, als es aussieht. Wir glauben ihm. © privat

Einen Tag später. Mit Bedacht schneide ich eineinhalb Zucchini in Würfel, ich soll das Gemüse in einem Topf knapp mit Wasser bedecken und dämpfen. Am Herd rätsle ich. Ist das noch eingetauchtes oder schon ertrunkenes Gemüse? Großzügig lasse ich sechs anstatt der geforderten fünf Minuten verstreichen, bevor ich die Zucchini in eine Schüssel gebe und auf Höchststufe mixe. Grüner Matsch fliegt an weiße Wand, formt langsam ein Pollock-Gemälde.

Jetzt muss ich die Gemüsebrühe ansetzen, ich lasse sie eine Stunde lang köcheln und lese mir in der Zwischenzeit das Rezept drei Mal durch. Lange war ich nicht mehr so nervös wie in jenem Moment, als ich schließlich die Reiskörner in die zerlassene Butter gebe. Vorsichtig gieße ich Gemüsebrühe dazu. Es zischt, dampft und knistert in der Pfanne.

20 Minuten lang rühre ich mit einem Kochlöffel, gieße Brühe nach und freue mich, als ich die ersten Schlieren sehe. So müssen sich Matrosen nach monatelanger Seefahrt gefühlt haben: Land am Horizont, Ende in Sicht!

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Zum Schluss brate ich die restlichen eineinhalb Zucchini an, die sollen auf das Risotto kommen, ich will nach drei Stunden nur, dass es vorbeigeht. Die drei Schichten drapiere ich auf den Teller: Zucchinimatsch als Spiegel, darüber Risotto, darauf Zucchiniwürfel. Schöner hätte es die Schulspeisung auch nicht hingekriegt.

Es schmeckt, doch. Obwohl ich länger als die erforderliche Zeit gerührt habe, beiße ich aber manchmal auf krosse Körner. Vielleicht hat Schweizer Wasser einen anderen Härtegrad. Nun gut, ich kann nicht kochen, nicht singen, aber eine Motivationshymne zu summen, das bringe ich noch zustande. In Abwandelung eines alten Hits heißt sie: I believe I can cook.

4. Nähen: Das kann doch nicht so schwer sein!

Konfliktstoff. Die Anleitung im Netz ist schnell gefunden. Aber dann braucht man ein Wörterbuch für den Fachjargon. Foto: privat Vergrößern
Konfliktstoff. Die Anleitung im Netz ist schnell gefunden. Aber dann braucht man ein Wörterbuch für den Fachjargon. © privat

Der Schock kommt, als ich bereit bin, loszulegen: Wo ist die Spulenkapsel? Dieses winzige metallene Dings, das da unten hinter der Klappe meiner Nähmaschine sitzen sollte. Darin eine Spule mit Garn, der sogenannte Unterfaden. Ohne Unterfaden kein Nähen. Die Spulenkapsel, das wird mir beim hektischen Googeln klar, ist Herz und Niere einer Nähmaschine – und meine ohne sie leb- und funktionslos.

Drei Jahre hat diese Nähmaschine ganz hinten unten in meinem Kleiderschrank gestanden. Unberührt, seitdem meine Mutter sie mir vermacht hat, weil ich so gern nähen lernen wollte. Ich stellte es mir wunderbar vor: Mützen für meinen Sohn, vielleicht irgendwann sogar mal ein Shirt für mich selbst. In drei Jahren habe ich die Maschine oft mit schlechtem Gewissen mal vor-, mal zurückgeschoben. Herausgeholt, gar ausgepackt habe ich sie nie. Keine Zeit, keine Geduld, keine Lust.

Jetzt habe ich endlich die nötige Ruhe. Ich schreibe E-Mails an zwei nähende Nachbarinnen: Habt ihr eine Spulenkapsel für mich? Ich möchte Atemschutzmasken nähen, was auch sonst in diesen Zeiten.

Bei Youtube braucht man derzeit nur „Atem“ eingeben, schon ist der dritte Vorschlag „Atemschutzmaske selber nähen“. Es gibt unendlich viele Anleitungen. Ich entscheide mich für eine, bei der mir die Frau im Video, dunkelhaarig und ein bisschen mollig, besonders sympathisch ist. Ihre Stimme klingt wie die einer lieben Bekannten. Allerdings spricht auch die nette Frau zunächst in Rätseln.

Ich googele das Vokabular des Nähens. Was ist ein Schrägband? Brauche ich ein Schnittmuster?

Betont die Augen: selbstgenähte Maske. Foto: privat Vergrößern
Betont die Augen: selbstgenähte Maske. © privat

Eine meiner Nachbarinnen legt mir ein Schächtelchen mit zwei Spulenkapseln auf die Fußmatte. Die andere schnürt mir ein Päckchen mit Garn und Ersatznadeln. Ich suche ein Youtube-Video: Nähmaschine einfädeln. Der Faden von oben muss zigmal um Haken und Ösen herumgewickelt werden. Dann soll der obere Haken den unteren aus der Spulenkapsel heraufziehen. Was meiner nicht tut. Ich bestelle ein Ersatzteil von der Firma, die meine Maschine hergestellt hat. Lieferzeit: drei Tage.

Für drei Masken brauche ich jeweils zwei quadratische Stücke Stoff (18 x 18 cm), beide mindestens bei 60 Grad waschbar. Dazu Baumwollreste für das Schrägband, von dem ich jetzt weiß, dass es die Maskenränder einfasst. Ich zerschneide ein Kopfkissen, zwei Jutebeutel, ein Babybettlaken und ein Spucktuch – für das Innenfutter, das ja Speichel aufsaugen muss. Am Abend stecke ich die Stoffquadrate ab, mit je drei Falten, damit die Masken gut über Mund und Nase passen.

Tags darauf setze ich mich an die Maschine. Nichts funktioniert. Der Faden bleibt hängen, reißt. Dann bricht eine Nadel. Meine Nachbarinnen schicken E-Mails: Kommst du voran? Brauchst du Hilfe? Ja. Ich bräuchte einen Nähmaschinentechniker. Und eine verdammte Spulenkapsel, die richtig passt.

Die Nachbarin auf meinem Flur macht schließlich einen verwegenen Vorschlag: Eine Nähmaschine verleiht man nicht, schreibt sie, das ist wie eine Zahnbürste, aber ich leihe dir meine jetzt. Die Nachbarin, selbst über 70 und somit Teil der Risikogruppe, stellt einen Hocker ins Treppenhaus, nahe einer Steckdose. Darauf ihre uralte, sauschwere Maschine. Ich nähe ein paar Stiche, Anweisungen auf Zuruf mit Sicherheitsabstand. Dann packe ich das Ding ein.

Alles so schön bunt hier. Foto: privat Vergrößern
Alles so schön bunt hier. © privat

Ich nähe den ganzen Abend. Steppe in einer halbwegs geraden Linie den äußeren Stoff für die drei Masken ab und dann den inneren. Nähe beide zusammen und sende stolz Fotos an meine Mutter und meine Nachbarin. Ich kann nähen, wer hätte das gedacht? Ein bisschen ärgere ich mich fast, dass ich es nicht doch schon früher mal probiert habe.

Nähen liegt quasi bei uns in der Familie, nicht nur meine Mutter kann es prima. Mein Großvater war Schneidermeister und designte für uns alles, vom Karnevalskostüm bis zur perfekt sitzenden Jacke. Und nun weiß auch ich: Es ist keine Zauberei.

Samstagnacht ist die erste Maske fertig. Sonntagnacht die beiden anderen. Dienstag trifft die Spulenkapsel für meine Maschine ein. Wenig später ein Paket mit Stoff von meiner Mutter. Die will, dass ich ihr eine Maske nähe. Für das nächste Baby im Freundeskreis habe ich mir auch schon etwas ausgeguckt: ein weich gefütterter, bunter Spielwürfel.

5. Arabisch sprechen: Spaß ist was anderes

Wie bitte? Beim Anblick arabischer Schriftzeichen fühlt sich die Autorin wie im Kunstunterricht: hilflos. Foto: privat Vergrößern
Wie bitte? Beim Anblick arabischer Schriftzeichen fühlt sich die Autorin wie im Kunstunterricht: hilflos. © privat

Guten Tag, wie geht es Ihnen? Ich heiße Selina. Diese kurze Begrüßungsformel, habe ich mir gedacht, sollte in einer Woche machbar sein. Auf Arabisch. Ohne Lehrer oder Lehrerin. Ohne Plan. Außerdem die Zahlen bis 20, sprechen und schreiben. Ich kann ein bisschen Englisch, Spanisch, Französisch. Warum nicht mal eine richtig große Herausforderung?

Am ersten Tag klicke ich mich durch die Testversion eines Sprachlernprogramms. Guten Tag, as-salamu alaykum. Ich freue mich, wenn ich unter vier Antwortmöglichkeiten die richtige anklicke, weil ich mir die Aussprache gemerkt habe und mich das Programm dann lobt. 28 neue Vokabeln übe ich am ersten Tag. „Oben“ und „unten“, „alt“ und „jung“, danke, hallo, tschüss. Als ich das Programm ausmache, stelle ich fest, dass ich mir keine einzige gemerkt habe.

Mit dem Tagesspiegel zu Hause:

Am zweiten Tag wird es nicht besser. Noch dazu mischen sich unter die Bilder, die ich bisher anklicken konnte, arabische Schriftzeichen. Ohne Erklärung. Linien und Punkte, Punkte und Linien, wellenförmige Linien und noch mehr Punkte. Ich kann gesprochene Worte auswendig lernen, aber keine Punkte und Linien.

Ich merke: Mit diesem Programm komme ich nicht weiter.

Jedes Mal wenn ich meinen arabischsprachigen Kollegen anrufe, steigt meine Motivation. Langfristig wäre es für mich bestimmt sinnvoll, einen Tandempartner oder eine -partnerin zu suchen, der oder die Deutsch lernen möchte. In Coronazeiten muss man eben miteinander telefonieren, statt sich wirklich zu treffen.

Malen statt Zahlen. Foto: privat Vergrößern
Malen statt Zahlen. © privat

Tag drei: Vielleicht klappt es mit Youtube besser? Ich suche mir zwei Videos, mit denen ich die Zahlen von eins bis zehn üben möchte. Doch keine der Zahlen, die ich die letzten zwei Tage mit dem Programm geübt habe, erkenne ich hier wieder. Habe ich das falsche Arabisch gelernt? Gibt es zwei Arabisch?

Erst nach mehrmaligem Zuhören kann ich Gemeinsamkeiten feststellen. Ich versuche es trotzdem noch mit einem weiteren Video – und höre eine dritte Version der arabischen Zahlen. Mein Kollege sagt, das Sprachlernprogramm am Computer vermittle „Hocharabisch“, quasi Behördendeutsch, das man nicht mehr wirklich spricht. Die beiden Youtube-Versionen sind umgangssprachlich, jeweils mit einem anderen Akzent aus einer anderen Stadt.

Es war wohl keine gute Idee, mit dem nächstbesten Lernprogramm und spontan ausgewählten Videos anzufangen. Um die Motivation nicht zu verlieren, entscheide ich mich dazu, meine Ansprüche runterzuschrauben. Ich begnüge mich mit den Zahlen bis zehn, und die auch nur gesprochen und nicht geschrieben.

Stattdessen möchte ich meinen Namen schreiben. Ich übersetze ihn mit Google Translate und kopiere die Schriftzeichen, eine ganze Seite lang. Dabei fühle ich mich in den Kunstunterricht in der Schule zurückversetzt. Auch da habe ich mir immer viel Mühe gegeben. Und wusste von vornherein, dass es nichts wird.

Aber aufgeben will ich trotzdem nicht, die Aussprache von Zahlen und Wörtern lerne ich auswendig. Es funktioniert. Ich rufe meinen arabischsprachigen Kollegen an, begrüße ihn auf Arabisch, frage, wie es ihm geht.

Er sagt: „Gut, wie geht’s dir?“ Ich sage: „Manih, shukran (danke, gut)“. Er sagt: „Manih sagen nur Männer, du musst maniha sagen.“ Dafür habe ich fehlerfrei bis zehn gezählt. In meinem Kiez gibt es einige arabische Läden, in denen ich mich jetzt höflich vorstellen könnte. Nur haben die wegen Corona zu. Und bis die Quarantäne vorbei ist, habe ich meine schönen Sätze garantiert wieder vergessen.

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