„Die Hälfte unserer Doppeldecker ist Schrott", sagte ein Fahrer neulich zu einem Fahrgast. Jörn Hasselmann
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Update Fahrzeugmangel bei der BVG Fast jeder zweite Doppeldeckerbus ist kaputt

Die Flotte ist überaltert, die noch vorhandenen Doppeldecker über zehn Jahre alt. Besserung ist erst ab Mitte kommenden Jahres in Sicht.

Die Lage im Berliner Nahverkehr wird immer schwieriger. Nach den dramatischen Ausfällen in diesem Jahr durch fehlende Fahrzeuge bei der U-Bahn schwächelt nun das weltweit bekannte Gesicht Berlins: der Doppeldecker.

Von 352 Berliner Doppeldeckerbussen sind nur noch 204 einsatzbereit. Der Rest steht mit Defekten in der Werkstatt. Auf vielen stark frequentierten Innenstadtlinien wie dem M29 fahren deswegen zum Teil Eindecker, die nur die Hälfte an Fahrgästen fassen können.

BVG-Sprecherin Petra Nelken bestätigte dem Tagesspiegel, dass derzeit nur 204 Doppelstockbusse in Fahrt seien. In der Langfristplanung der BVG, vorgestellt noch zu Jahresbeginn, waren für die Jahre 2019 bis 2023 eigentlich jeweils gut 400 dieser Fahrzeuge vorgesehen – diese Planung ist bereits Makulatur. Gut 60 Doppeldecker wurden 2018 und 2019 sogar ganz verschrottet oder verkauft. Die Zahl der Fahrgäste der BVG wird dagegen auch in diesem Jahr einen neuen Rekord erreichen. 2018 waren es 1,1 Milliarden.

Die Doppeldecker-Flotte sei schlicht überaltert, sagte Nelken dem Tagesspiegel. Die noch im Einsatz befindlichen Doppeldecker wurden zwischen 2005 und 2009 gebaut, sind also mindestens zehn Jahre alt. Nelken sagte, dass viele Verkehrsunternehmen Doppeldecker nach acht Jahren verkaufen, weil sie dann zu störanfällig werden. Durchschnittlich fahre ein Doppeldecker bis zu 400 Kilometer pro Tag. Leichte Besserung soll es erst ab Mitte nächsten Jahres geben. Die BVG will jetzt externe Werkstätten beauftragen, um den Reparaturstau zu verkürzen.

Doppeldecker sind häufig beschmiert und beschädigt. Hier ein Bus der Linie M29. Jörn Hasselmann Vergrößern
Doppeldecker sind häufig beschmiert und beschädigt. Hier ein Bus der Linie M29. © Jörn Hasselmann

Mehrere wichtige Linien sind zuletzt von den für das Stadtbild markanten Doppeldeckern auf Gelenkbusse umgestellt worden, darunter die Linien nach Spandau, der X10 und der M46. Die Strecke des M29 kann aber nicht mit langen Gelenkbussen befahren werden, weil an den Endhaltestellen zu wenig Platz für sie ist.

Eine grundlegende Besserung tritt erst 2021 und 2022 ein. Beim schottischen Unternehmen „Alexander Dennis“ hat die BVG 200 Doppeldecker bestellt, allerdings mit Dieselantrieb. Den Vorwurf, zu lange mit einer Neubestellung gewartet zu haben, wies die BVG zurück. Man habe zunächst keinen Anbieter gefunden, sagte Nelken. Zwischen 2014 und 2018 hat die BVG 152 Millionen Euro in neue Busse investiert. Die Summe soll sich im nächsten Fünfjahresplan auf 284 Millionen Euro fast verdoppeln.

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Im kommenden Sommer sollen die ersten beiden Prototypen der schottischen Busse eintreffen. 2021 soll dann die Serienlieferung beginnen. Der Austritt Großbritanniens aus der EU gefährde das Projekt nicht, das Geschäft sei mit einer deutschen Tochter von „Alexander Dennis“ abgeschlossen worden, hieß es.

Großen Fahrzeugmangel gibt es auch bei der U-Bahn. Jahrelang wollte das Land kein Geld geben, dann musste überraschend eine ganze Serie wegen irreparabler Schäden auf den Schrott. Inder Not hat die BVG bereits die Taktzeiten im Großprofilnetz leicht verlängert. Die Bestellung von 1500 neuen Wagen verzögerte sich, da ein unterlegener Konkurrent gegen die Ausschreibung geklagt hatte. Eine Entscheidung hat das Kammergericht noch nicht gefällt.

Auch bei der S-Bahn, die zur Bahn gehört, hat sich der Fahrzeugmangel vor wenigen Wochen wieder verschärft, weil Risse in einer Baureihe entdeckt worden sind. Viele Bahnen und Busse sind regelmäßig überfüllt.

Unterdessen verlässt BVG-Chefin Sigrid Nikutta das Unternehmen Ende Dezember, sie wechselt zur Bahn. Eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger gibt es frühestens im Sommer.

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