Blick auf Potsdam Foto: imago/Westend61
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Essay zur Oberbürgermeisterwahl Was Potsdam und Berlin gemeinsam haben

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Diese Stadt ist Barock mit Charme - und doch für den Aufbruch gemacht. Nun wählt Potsdam einen neuen OB. Aus diesem Anlass: Gedanken aus Berliner Perspektive.

1025 Jahre Potsdam – und 16 Jahre davon: Jann Jakobs! Die Potsdamer werden ihren scheidenden Bürgermeister vermissen. Wenn er dann im nächsten Jahr Selfies in die Welt schickt, von der Reise mit seiner Frau durch Afrika... Ja, das hat er vor. Und die Potsdamer haben etwas vor sich: die Wahl eines Nachfolgers. Oder einer Nachfolgerin?

Das ist auch für Berlin interessant, die große Schwester. Auch wenn das Verhältnis schwierig ist, Bundeshauptstadt die eine, Landeshauptstadt die andere. Bei Jacobs war es auch so: Einer aus Berlin? Aus B wie Besserwisser? Nein, man kann ja Potsdamer werden. Wie man Berliner werden kann.

Jacobs ist doch eigentlich Ostfriese und wurde beides. Nach Thomas von Aquin, den Jacobs auch schon mal zitiert: „Wer tapfer ist, der ist auch geduldig.“

Die Potsdamer neuesten Nachrichten werden diese Tage bestimmen, die vor uns allen liegen. Sozusagen als Tagesspiegel. Denn B steht sowieso auch für Brandenburg. Und wenn alles Denken zugleich Fühlen ist, dann weiß auch der Berliner: Potsdam vermittelt doch allen Besuchern ein schönes Gefühl. Berlin ist bedeutend – Potsdam ist schön. Heißt es. Aber nicht nur.

Potsdam ist, was man so buchstabieren kann:

P für Preziosen. Und damit meine ich nicht den Uferweg am Griebnitzsee.

O für ostdeutsche Identität. Und damit meine ich keine alleinige Identifikation.

T für Tradition – in aller Transparenz.

S für Sendungsbewusstsein – das nicht nur dem rbb übertragen ist.

D für Digitalisierung – die nicht allein an Hasso Plattner hängt.

A für Aktion – die manchmal erst mit dem Anecken beginnt.

M für Magnetismus – der sich aus einem Muster an Mut zur Modernität speist.

Potsdam ist Barock mit Charme. Und Potsdam wird zum Schwarm, in jeder Hinsicht. Das muss man zu Schätzing wissen. Potsdam ist ein Hub. Ist Mobilität, von Menschen und Daten. Potsdam wird Station auf dem Weg in die Zukunft. SAPperlot.

Laboratorium der Einheit?

Ist Potsdam nicht eigentlich wie Berlin Laboratorium der Einheit? Jedenfalls ist es, gemeinsam mit Berlin, die deutsche Stadt mit dem höchsten Lerneffekt. Wo sonst gibt es auf so engem Raum, auf diesen paar Quadratmetern, so viel Historie? Wo treffen so unmittelbar Superreiche und Ureinwohner aufeinander? Wo ist so viel in Bewegung und zu gestalten? Wo hat sich so viel „gewendet“? Das sind Herausforderungen!

45.000 neue Potsdamer bis 2035 – dann sind es 220.000. Bald wird die letzte Parklücke bebaut sein. Das Wachstum macht vielen Sorge, auch Angst. Werde ich mir die Wohnung noch leisten können? Wie komme ich zur Arbeit auf vollen Straßen, in vollen Zügen? Wo werden die Kinder betreut? Wo gehen sie zur Schule? Bleibt Potsdam trotzdem – schön?

Wer auch immer Bürgermeister*in wird, kann sich darauf verlassen: Wo so viele Geistesgrößen zu Hause sind, pro Kopf mehr Wissenschaftler als in jeder anderen Stadt, verbietet sich Kleingeisterei. Jedenfalls eigentlich. So lässt sich Zukunft nicht gewinnen. Und das will doch jeder OB-Kandidat im gleichen Maß.

Jung und Alt. Ost und West. Arm und Reich – wenn es eine Stadt gibt, in der der Versuch immer wieder neu gelebt werden muss, zu versöhnen, nicht zu spalten, dann Potsdam. Dann ist es das erhoffte Muster an Modernität. Und das mit Tradition in aller Transparenz gemeint, vom alten Fritz über die sozialistische Bezirksstadt bis heute. Heute ist Potsdam Ostwestmetropole. Mit Spannungen, aber ohne Klassenkampf. Das Zusammenleben funktioniert, und zwar weitgehend unaufgeregt. Die Jauchs und Joops werden nicht auf der Straße angesprochen. Wahrscheinlich sind sie dem Potsdamer herzlich egal; es sei denn, er kauft ihr Haus. So gesehen hat Potsdam schon eine eigene Klasse.

Potsdam muss über sich hinauswachsen

Das wird umso wichtiger, als diese Stadt wachsen muss. Damit ist nicht die Havelspange gemeint. Nicht Krampnitz, nicht Golm, nicht Fahrland. Potsdam muss über sich hinauswachsen. Die Stadt darf sich nicht selbst genug sein. Potsdam ist keine Insel. Potsdam ist eine unvergleichliche kleine Großstadt. Ist Landeshauptstadt. Ist Brandenburg. So weit weg wie gefühlt ist die Prignitz nicht.

Potsdam ist die Stadt, in der Maß und Mitte ausgelotet werden können. Eine Modellstadt sozialverträglichen Miteinanders. Eine Mittelstadt als großes Modell dafür, wie Brüche produktiv aufgearbeitet werden, zwischen Mercure-Hotel und der Ausstellung von DDR-Kunst im Palais Barberini.

Das kann gelingen. Der Rundblick vom Mercure zeigt es: eine barocke Stadt von der Grundstruktur mit außerdem unverkennbarer sozialistischer Baukultur. Aber Ulbricht ist überwunden. Auch der.

Eine Berliner Perspektive: S-Bahn- Chaos hier – dort neue XL-Straßenbahnen mit Taktverdichtung. In 40-Meter-Trams alle fünf Minuten in Potsdams Norden. Wobei das mit den Bussen, aber nur am Rande, noch besser laufen kann. Hier überforderte Bürgerämter – dort auf die Minute funktionierende Online-Terminvergabe samt pünktlichem Rundum-Service ohne Wartezeit. Meistens. Hier etliche marode Schulen – dort sind nahezu alle Schulen saniert. Zahlreiche werden neu gebaut. Auch Kitas.

Potsdam ist, wie Berlin, dafür gemacht: für den Aufbruch. Wenn sie nur beide nicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, liegt darin die Chance: von beiden Seiten aus das Wachsen, auch Zusammenwachsen, der Region zu gestalten. Wohlgemerkt: Gestalten, nicht erleiden!

Quantität mit Qualität versöhnen

Es geht dabei nicht um uferloses Wachstum. Wenn in Berlin 27.000 Wohnungen pro Jahr gebaut werden müssten, es aber nur 8000 sind – wie viel schafft Potsdam? Die Grenzen des Wachstums müssen diskutiert werden. Die Grenzen hier und die Grenzen zu Berlin.
Nennen wir es die Potsdamer Dimension: Quantität mit Qualität versöhnen. Nicht gigantomanisch planen, sondern der Zukunft zugewandt gestalten. Nicht barockisierend, sondern modern. In der Politik wie in der Architektur. Eingedenk der Verlustgefühle. Nicht nur für die mit gut gefülltem Portemonnaie. Oder für die Touristen. Die aus – Berlin.

Es kann gelingen. Der neue Bürgermeister, oder sie, kann auf dem Erreichten, Bestehenden aufbauen. Das liegt auch an den Eigenschaften der Potsdamer: Ausgestattet mit einem unverkrampften Verhältnis zu Autoritäten jeder Art, sind sie nicht leicht zu beeindrucken, eigenwillig und debattierlustig. Das kann fürs Stadtoberhaupt noch lustig werden…

Es ist kein Widerspruch zum roten Potsdam von einst: Die Stadt ist aus ihrer Historie heraus erstaunlich offen gegenüber Leuten, die hierherkommen. Wie Jann Jakobs. Ganze zwölf Jahre nach der politischen Wende ist er Oberbürgermeister geworden. OB: Oh, ein Bessermacher. Ein Ostfriese aus West-Berlin. Und das nach dem Urpotsdamer Matthias Platzeck. Es geht, und es ist gut gegangen.

Jetzt kommt der erste Wahlgang.

Der Text entstand auf der Grundlage einer Festrede des Autors.

Den ersten Wahlgang im Liveblog verfolgen können Sie hier.

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