Die Eltern werden gebeten, sich an der Hausaufgabenbetreuung und der Hort-Aufsicht zu beteiligen. Foto: Monika Skolimowska/dpa
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Erziehermangel in der Grundschule Berliner Eltern organisieren die Betreuung ihrer Kinder selbst

Wegen der Coronakrise gibt es weniger Personal an den Schulen. Das Ausmaß ist allerdings unklar, weil die Bildungsverwaltung die Quarantänezahlen nicht nennt.

Woche für Woche die gleichen kargen Informationen: In einer Exceltabelle teilt die Senatsverwaltung für Bildung mit, wie viele Schüler und Lehrkräfte sich in den Bezirken mit Covid-19 infiziert haben. Damit niemand auf die Idee kommt, dass 61 Schülerinnen oder 22 Mitarbeiter an allgemeinbildenden Schulen viel sein könnten, wird die Prozentzahl gleich mitgeliefert. So erfuhr man am Freitag, dass nur 0,06 Prozent der Beschäftigten und sogar nur 0,018 Prozent der Schüler betroffen seien. Die Botschaft ist klar: alles halb so schlimm.

Was dazu nicht passen mag, ist ein Aufruf von Elternvertretern an Mütter und Väter der Lichtenberger Grundschule an der Victoriastadt: „Der Hort braucht dringend Unterstützung“, heißt es in einer Mail, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Da das Wetter jetzt schlechter werde, müssten alle Kinder in den Horträumen betreut werden, was aber aufgrund des - bereits bekannten - Personalmangels ein Problem sei. Daher werden die Eltern gebeten, sich an der Hausaufgabenbetreuung sowie an der Hof- und „Raumaufsicht“ zu beteiligen.

„Die Elternhilfe erfolgt in enger Abstimmung mit der Hort- und Schulleitung und wird von dieser ausdrücklich als kurzfristige Lösung unterstützt“, schreibt die „Hort AG“, in der sich Eltern engagieren. Durch die Mithilfe möglichst vieler Eltern könne die Situation „entzerrt werden“, denn zurzeit gebe es zu wenig Erzieherinnen für alle Hortkinder: „Jede Stunde hilft!“, lautet der Elternappell.

Die Hort AG hat an alles gedacht – sogar an eine im Netz hinterlegte Liste, in der sich Freiwillige eintragen können: „Die Betreuung erfolgt gemeinsam mit den Erziehern im Auftrag der Schulleitung“, heißt es in der Mail weiter, und dass alles „über die gesetzliche Unfallversicherung abgesichert“ sei, da es sich bei dem Horteinsatz um ein „Ehrenamt“ handeln würde.

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Noch ist nicht bekannt, wie viele Eltern kurzfristig ihre Hilfe anbieten werden, denn viele Berufstätigen unter ihnen müssen nach den monatelangen Schulschließungen wieder normal arbeiten. Und doch handelt es sich um einen – bereits bei Streiks – unternommenen Versuch, die Lage zu entspannen.

Neukölln liefert die Corona-Daten von sich aus

Dass solche Beispiele noch gebraucht werden, ist absehbar, denn die neue Covid-19-Welle rollt, und bereits jetzt sind viele Schulen hart getroffen. Womit man wieder bei der eingangs erwähnten Exceltabelle der Verwaltung wäre, denn sie hat eine immense Lücke: Sie verschweigt die Schüler und Beschäftigten in Quarantäne – und damit die tatsächlichen Auswirkungen an den Schulen. Denn ein Infizierter zieht Dutzende Quarantänefälle und massenhaft Unterrichtsausfall nach sich.

Wie groß die Diskrepanz zwischen der Exceltabelle und dem Ausnahmezustand an manchen Schulen ist, vermitteln aktuelle Zahlen aus Neukölln, denn der Bezirk ist - auf Initiative von Bildungsstadträtin Karin Korte (SPD) - der einzige, der Woche für Woche nicht nur die Infizierten nennt, sondern auch die Quarantänefälle: Darauf habe sich das Bezirksamt geeinigt, erläuterte Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) den Alleingang Neuköllns. Sein Amt liefere die entsprechenden Zahlen an Kortes Schulamt.

Der Bezirk gibt sogar an, wie sich die Fälle auf Lehrkräfte und sonstiges Schulpersonal – also etwa Erzieherinnen – verteilen. Demnach haben neun Neuköllner Infektionen bei Schülern zur Folge, dass rund 250 Schüler und 54 Beschäftigte in Quarantäne müssen.

Mutmaßlich tausende Schüler in Quarantäne

Daraus folgt, dass sich – auf alle zwölf Bezirke bezogen – mutmaßlich viele Hundert Lehrerinnen und Erzieher sowie Tausende Schüler in Quarantäne befinden. Zahlen, die die Bildungsverwaltung nicht transportiert, obwohl das Beispiel Neukölln zeigt, dass es durchaus möglich wäre. „Die Intransparenz ärgert uns maßlos, weil jegliche Begründung fehlt“, kritisiert etwa Landeselternsprecher Norman Heise.

Zudem führt die fehlende Transparenz dazu, dass der Öffentlichkeit verborgen bleibt, in welchem Ausnahmezustand sich viele Schulen befinden: „Wir haben Tag und Nacht über endlosen Schülerlisten gebrütet und versucht, alle schulinternen Kontakt herauszufiltern“ – ein totaler Ausnahmezustand sei das gewesen, schildert ein betroffener Schulleiter seine vergangene Woche nach dem Bekanntwerden einer Infektion.

Besonders angespannte Lage in Lichtenberg

Allerdings sind mitunter gar keine Infektionen nötig, um Schulen in Schieflagen zu bringen, wie das Lichtenberger Beispiel zeigt: An einzelnen Schulen in Lichtenberg sei die Personaldecke im Hort „sehr knapp“, räumt die Bildungsbehörde ein. Hier werde durch Umsetzungen „versucht gegenzusteuern“. Ein Sprecher verweist zudem auf den neuen Personalpool, der insgesamt knapp 200 Lehr- und Erzieherkräfte umfassen soll.

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In Lichtenberg wird man damit nicht viel ausrichten können, denn im Bezirk mangelt es nicht nur an Horterzieherinnen, sondern besonders auch an Lehrkräften. In keinem anderen Bereich ist die Unterausstattung in absoluten Zahlen so groß wie in den Lichtenberger Grundschulen: 40 Lehrerstellen waren zuletzt noch unbesetzt.

Hinzu kommen die hochgerechnet über 100 Lehr- und Erzieherkräfte, die im Bezirk wegen Vorerkrankungen oder Quarantäne fehlen, und schließlich noch die ganz normalen Krankheitsfälle, die offenbar erheblich sind, sonst wäre der Ausnahmezustand in der Victoriastadt kaum zu erklären.

Der Lehrermangel verschärft die Lage in den Horten zusätzlich, denn Erzieher berichten, dass ihre Teams von Schulen als Steinbruch benutzt würden, um ausgefallene Lehrkräfte zu ersetzen: „Sie müssen aushelfen, wenn Lehrer krank sind, wenn Lehrer wegen Vorerkrankungen zu Hause bleiben oder wenn Lehrer wegen Corona Lerngruppen verkleinern“, bestätigt die Geschäftsführerin eines Hortträgers.

Erzieher springen für Lehrer ein. Und umgekehrt? Fehlanzeige

Es werde von den Erziehern die merkwürdige Fähigkeit erwartet, gleichzeitig an zwei Orten zu sein. Dass dann kaum Ressourcen für den Hort blieben, interessiere viele Schulen nicht. Erschwerend komme hinzu, dass es für erkrankte Horterzieher keine Vertretungsreserve gebe. Was den Ärger der Geschäftsführerin noch vergrößert: Egal wie groß die Not im Hort sei, es sei in all den Jahren „nur zwei Mal“ passiert, dass Lehrkräfte bei der Hortbetreuung ausgeholfen hätten. Aber täglich werde der umgekehrte Weg erwartet.

Zudem sei es widersinnig, wenn wegen der Pandemie kleine Lerngruppen im Unterricht gebildet würden, die Kinder bei Unterrichtsausfall dann aber scharenweise in den Hort geschickt würden, wo mangels zusätzlichen Erzieherpersonals 100 Kinder durcheinanderliefen.

„Wir haben zu wenig Fachkräfte“

„Wir haben schlichtweg aktuell zu wenig Fachkräfte“, bedauert Landeselternsprecher Heise. Dem stimmt Martin Hoyer zu. Der Vizegeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes erinnert daran, dass das Berliner Bündnis für Qualität im Ganztag seit 2016 mehr Hortpersonal gefordert habe. Stattdessen sei durch das kostenlose Schulmittagessen ein Aufgabenzuwachs erfolgt. Anders als im Kitabereich, wo, wenn die Kapazitäten nicht ausreichen, keine neuen Kinder aufgenommen werden dürften, müsse im Ganztag der Schule jedes Kind – „auch wenn es eigentlich nicht geht“ – versorgt werden.

Mittelfristig müsse es mehr Personal geben und kurzfristig seien mehr Vertretungskräfte notwendig, um über den Winter und Corona zu kommen, meint Hoyer. Da brauche es jetzt „schnelle Entscheidungen im Landeshaushalt“.

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