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Machte diese Woche den Anfang: Die freie Autorin und Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün Foto: Meiko Herrmann
© Meiko Herrmann

„Erzähl mal weiter“ Die Checkpoint-Fortsetzungsgeschichte mit Hatice Akyün

Woche für Woche starten Berliner AutorInnen im Checkpoint eine Erzählung. Wie es weiter geht, entscheiden die LeserInnen. Lese Sie jetzt die ganze Geschichte.

„Erzähl mal weiter“ – gemeinsam mit Berliner AutorInnen und Ihnen wollen wir während der Sommerferien Fortsetzungsgeschichten verfassen. Den Auftakt dieser Woche machte die freie Autorin Hatice Akyün. Heute folgt Teil IV.

Kiez-Hollywood

von Hatice Akyün, Eckart Brandtstaedter, Isabella Garcia Fuchs und Ümit Atak

Intro (Hatice Akyün): Als wäre es nicht ohne Corona schon aussichtslos genug, jemanden in dieser unverbindlichen Stadt kennenzulernen. Wie sollte das gehen, jetzt, da drei Viertel ihres Gesichts verdeckt sind? Ihre stärkste Waffe war doch immer ihr Lächeln. Zwei Dutzend Masken in allen Farben hatte sie schon genäht, zu jedem ihrer Outfits die passende. Aber diese Stadt kennt kein Erbarmen. Nach drei Monaten gab sie auf, verdeckte ihr Gesicht mit einem handelsüblichen dreilagigen Nasen- und Mundschutz in Hellblau und ging in den kleinen Kiez-Supermarkt mit den viel zu engen Gängen. „Entschuldigung“, hörte sie hinter sich, während sie kniete und im untersten Fach nach den gemahlenen Mandeln suchte. Sie erhob sich langsam und drehte sich um. Schon oft hatte sie davon gelesen, dass Augen angeblich lächeln können. Nichts als kitschiger Hollywood-Scheiß, dachte sie dann immer. „Mögen Sie Tarte Tatin?“, entfuhr es ihr hinter dem Baumwollstoff. Hatte sie ihn das wirklich gerade gefragt? ‚Mögen Sie Tarte Tatin?‘ Wie gut, dachte sie, dass man hinter einer Maske nicht das Gesicht verlieren kann.

Teil II (Eckardt Brandtstaedter): ... Vor ihr stand ein großer Mann mit schwarzer Mundbedeckung und blinzelte sie mit strahlenden Augen freundlich an. „Dazu müsste ich wissen, um was es sich dabei genau handelt.“ „Eine Tarte Tatin ist ein verkehrt herum gebackener Apfelkuchen.“ Sein Grinsen war trotz der Mundbedeckung deutlich zu erkennen. Um seine Augen bildeten sich kleine Lachfältchen. „Das hört sich interessant an. Und Sie kaufen gerade die Zutaten dafür ein?“ Seine warme Stimme gefiel ihr. Er wirkte sympathisch. „Ja. Man muss sie selber machen. Die fertig gekauften taugen nichts.“ Er nickte. „Stimmt, nur selbstgemacht bekommt man die Karamellschicht auf den Äpfeln richtig hin.“ Sie stutzte. Hatte er nicht eben gerade noch gesagt, er wisse nicht, was eine Tarte Tatin sei? Irgendwie war die Situation merkwürdig. „Ich glaube, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig“, entgegnete er verlegen…

Teil III (Isabella Garcia Fuchs): ... Er beugte sich dicht zu ihr, so dicht es der Sicherheitsabstand zuließ und wisperte verschwörerisch: „Aber nicht hier...“ Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Schnell warf er einen Blick um sich, bevor er fortfuhr: „...und nicht jetzt. Triff mich heute Abend um 21 Uhr am schmiedeeisernen Tor im Anita-Berber-Park.“ So schnell, wie er am Backregal erschienen war, so schnell war er auch wieder verschwunden. Verdutzt stand sie im Gang. Was war das denn gewesen? Was konnte der Fremde von ihr wollen? Warme Luft staute sich unter ihrer Maske, plötzlich war ihr heiß. Raus hier, einen klaren Kopf kriegen, dachte sie und stürmte aus dem Laden – ohne Mandeln, die Tarte Tatin war zur Nebensache geworden. Noch immer sah sie die grauen Augen vor sich, die sie so unverhofft und doch vertraut angefunkelt hatten. Etwas Geheimnisvolles umgab den Fremden. Natürlich würde sie da sein, um 21 Uhr – aber es würde sie eine ganze Portion Mumm kosten. Wie immer, viel zu früh, war sie am verabredeten Ort. Was sie nicht wusste war, dass er nicht alleine zu ihr kommen würde...

Backen die beiden bald zusammen eine Tarte Tatin? Foto: Imago Images/Shotshop Vergrößern
Backen die beiden bald zusammen eine Tarte Tatin? © Imago Images/Shotshop

Teil IV (Ümit Atak): ... Er hatte drei Hunde dabei. „Hallo“, sagte er schüchtern und zeigte auf die Tiere, die hechelnd um ihn herumstanden. „Das ganz links ist Aşık, ein Welsh Corgi. Die schüchterne Dame, die sich hinter mir versteckt, ist Golden Retriever Whisky, und die braunrote Flauschwurst da ist mein Dackel Henry.“ Sie starrte ihn immer noch fragend an. „Ich bin Dog Walker!“ – „Du gehst mit Hunden Gassi? Das ist dein Job?“ – „Ja. Du glaubst nicht, wie viele Leute lieber noch ein Feierabendbier trinken… ungestört.“ – „Hm. Okay, das ist mir wirklich neu. Aber gut. Süß sind sie ja! Und Henry gehört aber dir?“ Er strahlte. „Ja, Henry nehme ich immer mit, wenn ich kann! Ich lasse ihn ungern alleine... denn in unserer Wohnung gibt es Geister.“...

Teil V (Hatice Akyün): ... „Eine Million Singles in dieser gottverdammten Stadt, und ich treffe ausgerechnet den einen, der beruflich was mit Hunden macht“, dachte sie und verdoppelte mit pochendem Herzen den amtlich vorgegebenen Sicherheitsabstand zu ihm. Auch wenn er ihr gefiel, jetzt, da sie ihn zum ersten Mal ohne Maske sah, ein Hundehalter ging gar nicht. Er bemerkte ihre Angst und versuchte sie zu beruhigen: „Der tut nichts, der will nur spielen.“ „Ja, das sagen sie alle und dann hängen die Dinger einem an der Backe“, antwortete sie. „Als Kind hat mich ein Dackel in die Wange gebissen. Hier, die Narbe habe ich immer noch“, und zeigte auf ihr Gesicht. „Seitdem habe ich Angst vor Hunden.“ „Das ist eine Narbe“, säuselte er fragend, „ich dachte, das wäre ein Grübchen.“ Jetzt pochte ihr Herz wieder, aber diesmal, weil seine Augen und sein Mund gleichzeitig lächelten. „Diese Geister“, fragte sie, „kann man die mal treffen?“ „Ja, aber nur, wenn du Henry streichelst.“ Sie beugte sich ängstlich herunter und ganz vorsichtig strich sie über sein raues Fell. Er lächelte und sagte: „Meine Mutter ist Französin. Sie hat mir beigebracht, wie eine echte Tarte Tatin gebacken wird.“

Im Checkpoint geht es kommende Woche mit der nächsten Geschichte weiter – dann mit Team Checkpoint. Abonnieren Sie jetzt unseren beliebten Morgen-Newsletter auf checkpoint.tagesspiegel.de und schreiben Sie mit.

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