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Der ehemalige Fußballprofi Marcus Urban (links) mit seinem Ehemann Jens in der Berliner Marienkirche. Foto: Jörg Carstensen/dpa
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„Entspringt Gottes Wille“ Evangelische Kirche bittet queere Menschen in Berlin um Vergebung

Fußballer, schwul, getauft: Marcus Urban tritt zum Christopher Street Day in die Kirche ein. Und Bischof Christian Stäblein legt ein Schuldbekenntnis ab.

Für Aufsehen gesorgt hat Marcus Urban schon oft: Als Fußballspieler war er mehrfach Mitglied der Nationalmannschaft der DDR und Profi bei Rot-Weiß-Erfurt. 2008 dann die Überraschung: Mit seiner Biografie „Versteckspieler“ trat er an die Öffentlichkeit und outete sich als homosexuell.

Am Freitagabend stand Urban nun wieder einmal im Rampenlicht: Im Gottesdienst am Vorabend des Christopher Street Days, den die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz in der Berliner Marienkirche am Alexanderplatz feierte, ließ sich Marcus Urban taufen.

Für den 50-Jährigen ist das ein weiterer Schritt auf einem langen Weg: „Ich bin ohne Religion in der DDR groß geworden“, sagt Urban. Nach der Wende habe er sich für die Hare-Krishna-Bewegung interessiert. Später kamen Hinduismus und Buddhismus hinzu.

Marcus Urban meditierte. Ein kleiner Ganesha reiste immer im Rucksack des Sportlers mit. Und er sei immer auch „in Dialog mit Gott und Jesus Christus“ gewesen, erzählt er. „Ich bin ein multispiritueller Mensch.“

Nach Charity-Dinner Einladung zum Gottesdienst

Wie es dazu kam, dass er sich taufen ließ? „2012 kam der Superintendent von Mitte, Bertold Höcker, nach einem Charity-Dinner auf mich zu“, sagt Urban. Er habe ihn eingeladen, in einem Gottesdienst zum Christopher Street Day über sein Leben zu erzählen. Höcker habe dann dazu gepredigt. „Er war authentisch“, sagt Urban.

Bischof Christian Stäblein tauft Ex-Fußballprofi Marcus Urban beim Gottesdienst. Foto: Jörg Carstensen/dpa Vergrößern
Bischof Christian Stäblein tauft Ex-Fußballprofi Marcus Urban beim Gottesdienst. © Jörg Carstensen/dpa

Dann kam Eines zum Anderen: Urban wurde ehrenamtlicher Sportbeauftragter im Kirchenkreis Stadtmitte, zudem bietet er Coachings für Pfarrerinnen und Pfarrer an. Auch mit Bischof Christian Stäblein kam er in Kontakt, man sei sich sympathisch gewesen, sagt Urban. Deswegen freue es ihn nun, dass der Bischof ihn im Gottesdienst taufe – „denn auch Stäblein ist authentisch und engagiert sich für mehr Diversität in seiner Kirche.“

„Ein großer Schritt bei der Änderung der Haltung unserer Kirche“

Im Gottesdienst am Freitag verlas Stäblein ein Schuldbekenntnis. Darin bat er LGBTIQ-Menschen um Vergebung für das Leid, das sie durch die Hand der evangelischen Kirche erlebt haben. Aus Sicht des Bischofs war das „ein großer Schritt bei der Änderung der Haltung unserer Kirche gegenüber queeren Menschen.“

Der Gottesdienst fand in der Marienkirche in Berlin-Mitte statt, unterhalb des Fernsehturms. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Der Gottesdienst fand in der Marienkirche in Berlin-Mitte statt, unterhalb des Fernsehturms. © Kitty Kleist-Heinrich

Die Kirchenleitung erklärte, für eine Kirche der Vielfalt zu stehen: Alle Menschen sollten an der Kirche teilhaben und teilnehmen können. „Wir glauben, dass das Gottes Wille entspringt.“

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Bereits 2016 hatte die EKBO als eine der ersten evangelischen Kirchen in Deutschland die kirchliche Trauung für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt – und war damit ein Jahr früher dran als der Staat. Zuvor war bereits die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare möglich. Und auch die Taufe Urbans gehört für den Bischof in diesen Zusammenhang: „Es ist ein besonderes Zeichen, dass Herr Urban sagt: Ich will sichtbar zu Gott gehören, und es soll kein Versteckspiel mehr geben.“

Tabuthema Homosexualität: Im Fußball wie in der Kirche

Für Urban wiederum ist das Schuldbekenntnis im Gottesdienst ein „sehr guter Schritt“ der Kirche. Zumal er den direkten Vergleich mit dem Fußball hat: „Es ist genau so ein System, dass dafür sorgen kann, dass sich Menschen nicht so äußern, wie sie wirklich sind“, sagt Urban. „Im Fußball ist nicht nur die Homosexualität ein Tabuthema, dort sind es etwa auch Depressionen.“ Deswegen sei es manchmal wirklich nötig, den Menschen zu sagen: „Ihr könnt so sein, wie ihr seid“, sagt Urban.

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Doch in den 150 Jahren des Profifußballs hätten sich gerade einmal zwölf von mehreren Millionen Spielern als homosexuell geoutet. „Es leuchtet jedem ein, dass da etwas nicht richtig läuft, dass sich Menschen versteckt und nicht gezeigt haben“, sagt Urban. „Ich fände mehr Wahrheit an dieser Stelle besser.“

Positiv äußerte sich der frühere Fußballprofi zur jüngsten Europameisterschaft: „1989 habe ich die EM in München gesehen – da war ich im Internat, verzweifelt und allein, und konnte mit niemandem reden.“ Dass es 30 Jahre später eine Debatte darüber geben würde, ob man ein Stadion in Regenbogenfarben anstrahle, habe er sich ebensowenig vorstellen können wie einen Nationaltorhüter, der als Zeichen der Solidarität eine Kapitänsbinde in Regenbogenfarben trage.

„Aber das Thema wird immer deutlicher“, sagt Urban. „Und mit der neuen Generation an Spielern kommt die Wahrheit immer näher.“ Dass sich in den nächsten Jahren noch mehr Bundesligaspieler outen, hält er jedenfalls nicht für ausgeschlossen.

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