Der neue Elektro-Löschwagen der Berliner Feuerwehr. Foto: Rosenbauer
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Einsatzkräfte brauchen immer länger Warum die Feuerwehr mit dem Wachstum Berlins zu kämpfen hat

Zuletzt haben sich die Zeiten zwischen Anruf und Eintreffen der Einsatzkräfte verlängert. Es fehlt an Personal – aber auch der Verkehr trägt dazu bei.

Die Berliner Feuerwehr braucht immer länger. Die durchschnittliche Zeitspanne vom Notruf bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte ist in den vergangenen Jahre gestiegen. Im Jahr 2014 dauerte es durchschnittlich 2.33 Minuten vom Notruf bis zur Alarmierung der Einsatzkräfte, die brauchten dann bis zum Eintreffen weiter 7.17 Minuten. Vom Notruf bis zum Eintreffen der Helfer vergingen also im Durchschnitt 9 Minuten und 50 Sekunden. Das geht aus einer Antwort der Senatsinnenverwaltung auf eine Anfrage des fraktionslosen Abgeordneten Marcel Luthe (FDP) hervor.

In den vergangenen Jahren haben sich diese Zeiten verlängert. 2019 etwa dauerte es vom Notruf bis zur Alarmierung 2.59 Minuten, bis die alarmierten Einsatzkräfte vor Ort waren weitere 7.59 Minuten – also insgesamt knapp 11 Minuten. Noch nicht eingerechnet sind die Wartezeiten, bis die Notrufzentrale einen Anruf annimmt. In diesem Jahr betrug die längste Wartezeit bis zur Anrufannahme 10.02 Minuten. Das war im März. 2017 lag der Negativrekord bei 18.31 Minuten, in den Folgejahren bei 10.38 und 16.08 Minuten. Bei der Feuerwehr waren es 2019 durchschnittlich 25 Sekunden bis zur Anrufaufnahme – der höchste Wert seit 2014.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) bedauerte am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhaues bei der Vorstellung des Jahresberichts der Feuerwehr die längeren Wartezeiten. Er begründete die Entwicklung damit, dass die Stadt weiter wachse und Personal fehle. Ziel sei aber, in 90 Prozent der Einsätze in weniger als 10 Minuten am Einsatzort zu sein. Das wird aber nur in knapp 57 Prozent der Fälle überhaupt erreicht. Die Feuerwehr bekomme inzwischen mehr Personal, sagte der Senator. „Einstellen, Einstellen, Einstellen“ sei die Priorität der vergangenen Jahre gewesen. Trotzdem seien 272 der insgesamt rund 4500 Stellen nicht besetzt.

Die Berliner Feuerwehr ist am Limit, was ganz Berlin täglich spürt. Sämtliche Wartezeiten sind seit 2014 massiv gestiegen, der Krankenstand liegt fast 50 Prozent über dem von 2014 und die Belastung steigt stetig weiter“, sagte der Innenpolitiker Luthe. „Sicherheit ist die zentrale Kernaufgabe, bei der der aktuelle Senat messbar versagt hat.“

Geisel hingegen erklärte, dass bei der Feuerwehr vor 2016, also vor der rot-rot-grünen Koalition, zehn Jahre lang nicht investiert worden sei, nicht in Personal, nicht in Technik. Nach Angaben des Vize-Chefs der Feuerwehr, Karsten Göwecke, gibt es mehrere Gründe für längere Einsatzzeiten. „Wir stecken mehr Zeit in die Abfrage, weil dann schneller mit den richtigen Einsatzmitteln geholfen werden kann“, sagte er. Wenn der kassenärztliche Notdienst ausreiche, müsse kein Rettungswagen losgeschickt werden.

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Hinzu kämen teils längere Fahrzeiten und mehr Verkehr auf den Straßen. Die vorhandenen Fahrzeuge reichten nicht aus, um das Wachstum der Stadt zu kompensieren. Die Zahl der Krankenwagenfahrten, Rettungs- und Löscheinsätze stieg 2019 auf 478.281 – rund 14.000 mehr als im Vorjahr. Nur bei einem Bruchteil ging es um Brände – in 6688 Fällen. Allein die Zahl der Einsätze von Rettungswagen stieg binnen zehn Jahren um 46 Prozent.

Auch Pop-up-Radwege behindern die Feuerwehr

Göwecke wies auch auf die Pop-up-Radwege hin und kritisierte, dass die Feuerwehr bei der Planung nicht einbezogen werde. Wenn die Straßen durch Pop-up-Radwege einspurig werden, stecken die Einsatzwagen teils im Verkehr fest. Rettungsgassen seien nicht möglich, Drehleitern kämen nicht an die Häuser heran. Manche Barken oder Poller der Pop-up-Radwege seien biegsam und könnten überfahren werden, andere aber nicht. Inzwischen sei die Feuerwehr aber in Gesprächen mit der Verwaltung und mit Verbänden. Es gehe darum, dass Pop-up-Radwege auch im Sinne der Feuerwehr errichtet werden, sagte Göwecke.

Auch die veraltete Notrufzentrale mit Technik aus den 1980er-Jahren muss erneuert werden. Laut Innensenator Geisel soll die eine gemeinsame, moderne Leitstelle von Polizei und Feuerwehr 2024 in Betrieb gehen. Weitere Folge der wachsenden Stadt: Um die Einsatzzeiten einzuhalten, müssen neue Satelliten-Wachen her.

Am 28. September nimmt die Feuerwehr einen Löschwagen mit umweltfreundlichem Elektro-Diesel-Hybridantrieb in Betrieb, den Angaben zufolge der erste in Europa. Einige Tage zuvor werden drei Fahrzeuge vom österreichischen Hersteller Rosenbauer ausgeliefert an Dubai, Amsterdam und Berlin. Der Wagen soll zunächst im Alltag getestet werden. Bei positivem Ergebnis will die Feuerwehr den Fuhrpark auf solche Fahrzeuge umstellen. Weitere Neuerung: Wegen der Zunahme der Angriffe auf Feuerwehrleute sollen diese Bodycams bekommen. Dazu werden gerade die gesetzlichen Grundlagen geschaffen. Innensenator Geisel will den Probebetrieb bis Ende 2021 starten.

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