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"Ohne jede Logik"

Wer das Sagen hat. Günther Jauch, Oberbürgermeister Jann Jakobs, Hasso Plattner und Wolfgang Joop (v. li.) bei einer Demonstration für Plattners Kunsthallenpläne. Foto: dapd
Eine Stadt und ihre Gönner Potsdamer Missfallen

Günther Jauch, bekannt für seine feine Ironie, ist das Schmunzeln „über die Potsdamer Gemengelage“ beinahe vergangen. Er hatte der Stadt gerade eine seit 20 Jahren leer stehende Ruine im Holländischen Viertel abgekauft und begann, sie mit viel Aufwand denkmalgerecht zu sanieren, als er einen Bußgeldbescheid bekam – wegen ungebührlichen Unkrautbewuchses zwischen Fassade und Bürgersteig.

„Wer hier neu herzieht, staunt erst einmal, wie es hier läuft“, sagt Jauch jetzt im Himmel über Potsdam. Er, der beliebteste Deutsche, sitzt in kariertem Hemd, Sakko, die Stadt zu Füßen in der 17. Mercure-Etage. Es ist eine Premiere, hier war Jauch noch nie, und es ist ihm in seinem Sessel nicht anzusehen, wie er die „Notdurftarchitektur“ nun wahrnimmt. Als solche hatte er das Hochhaus, das er weghaben will, auf einer Pro-Plattner-Demonstration bezeichnet. Aber deshalb ist er nicht gekommen. Diese Stadt sei ein „sehr eigener Kosmos“, sagt Jauch. Manches funktioniere „ohne jede Logik, anderes mit der immer gleichen Logik, den immer gleichen Reflexen“.

Hört man ihm zu, dann bekommt man eine leise Ahnung von der respektlosen Arroganz, die der Verwaltungsapparat verbreitet, während in den Hinterzimmern Politik nach Gutdünken gemacht wird. Von Stadtverordneten, die sich im steten Streit darüber befinden, wie sie dem Wohle aller dienen könnten und dabei den Gestaltungswillen der Gönner mit Bevormundung verwechseln. Deren Geld soll, wie bei Plattner, deshalb gern auch mal in andere Vorhaben umgeleitet werden. „Im Umleiten ist Potsdam ganz groß“, sagt Jauch.

In Bildern: Die Kunstsammlung des Hasso Plattner

Neuerdings ist in der einstigen Residenz-, Garnisons- und Beamtenstadt allem, was von oben kommt, die Ablehnung sicher. Diese Stadt, sagt Günther Jauch, sei extrem ermüdend. „Entweder man tut trotzdem etwas und ärgert sich ständig, oder man lässt es sein.“ Er selbst habe sich im Moment doch eher für Letzteres entschieden. Und doch hofft er immer noch, dass „der versammelte Bürgergeist und freiwilliges Geld die Stadt mit ihren großartigen Möglichkeiten irgendwann wieder weiter nach vorne bringen“.

Wo vorne ist, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten.

Noch ist das Krude und Verlebte, das Leute wie Jauch Mitte der 90er geschätzt und für anziehend gehalten haben, nicht vollends verschwunden. „Es sollen sich Jung und Alt wohlfühlen“, sagt Sascha Krämer, der Innenstadt-Potsdamer von der Linken. Das klingt versöhnlicher, als es vermutlich ist.

Denn Krämer sieht längst den nächsten Streit heraufziehen. Gleich neben der großen alten kuppelüberwölbten Nikolaikirche steht in der Straße am Alten Markt in Gestalt reinster Plattenarchitektur der Staudenhof. Es ist preiswerter Wohnraum, bewohnt von älteren Leuten, wie geschaffen, um den Bedarf an Stadtwohnungen für Studenten zu befriedigen, meinen Leute wie Krämer. Wie geschaffen für den Abriss, finden die Anhänger der neobürgerlichen Innenstadtaufwertung. Den Staudenhof zu erhalten, setzt eine Sanierung voraus.

Es liegt ein Unfriede über Potsdam, der viele ratlos macht. „Ich habe gedacht, dass damit verantwortlicher umgegangen wird, dass diese Stadt aus der Vergangenheit gelernt hat“, sagte Oberbürgermeister Jakobs, nachdem Plattner ihm per E-Mail die Absage für die Kunsthalle neben dem Schloss geschickt hatte.

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