Was auf den Straßen passiert, kommt Harald Martenstein wie ein Spiegelbild der Gesellschaft vor. Jeder verfolgt seine Ziele und verbrämt seinen Egotrip mit selbstgerechtem Gefasel. Fotos und Montage: Mike Wolff
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Egoismus auf der Straße Wie Berlins Verkehr die Persönlichkeit spaltet

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Auf dem Rad hasst unser Autor die Autofahrer. Im Auto die Radler und Fußgänger. Als Fußgänger das Leben und vor allem den Bus. Ein Selbstversuch.

Die Entfernung zwischen meiner Berliner Wohnung und meinem Büro beim Tagesspiegel beträgt nur ungefähr 3,5 Kilometer. Von so einer komfortablen Situation träumen Millionen Pendler. Ich könnte sogar laufen, das habe ich auch ein paar Mal gemacht. Meistens bleibe ich auf dem Rückweg in dem Biergarten „Brachvogel“ hängen, der ungefähr auf halber Strecke liegt. Ich laufe ungefähr 50 Minuten, bestenfalls 45. Weil ich meistens wenig Zeit habe oder ein paar Bücher mitschleppe, tue ich dies selten.

Der mobile Mensch hat eine multiple Persönlichkeit. Als Fußgänger ärgere ich mich über die rücksichtslosen Radfahrer auf den Gehwegen. Die sind wirklich das Letzte und gehören ohne Rückfahrkarte auf den Mond geschossen. Da dürfen sie meinetwegen fahren, wie und wo sie wollen. Sobald ich aber selbst ein Rad besteige, beobachte ich an mir diese Persönlichkeitsveränderung. Mein Ärger über die Radfahrer ist wie weggeblasen. Mehr noch, ich spüre eine unbändige Lust, schiefen Gehwegplatten oder Kopfsteinpflaster auszuweichen, indem ich den Gehweg benutze. Ich gebe zu: Ich habe gesündigt. Der Fußgänger in mir wird dann sehr sauer auf mich. Er verlangt von mir, mich durchschütteln zu lassen. Je länger ich auf dem Rad sitze, desto leiser wird die weinerliche Stimme des Fußgängers und desto lauter höre ich das sonore, selbstbewusste Organ meines inneren Radfahrers. Er sagt: Nichts kann dich stoppen, mein Freund.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein

Auch die Autofahrer sind eine Pest. Überall stehen sie im Weg, wollen parken, wollen abbiegen, als ob es keine Busse und U-Bahnen gäbe in dieser Stadt. Sobald ich mich aber in mein Auto setze, werde ich wieder ein anderer Mensch. Ich sehe jetzt neue, aufregende Dinge – mein innerer Autofahrer zeigt sie mir. Diese Radfahrer halten sich ja tatsächlich an keinerlei Regeln, überholen links und rechts, fahren, als seien sie lebensmüde, verlangen von allen anderen Rücksicht und ständige Aufmerksamkeit, ohne aber selbst den anderen Verkehrsteilnehmern ein bisschen was von diesen lobenswerten Verhaltensweisen zurückzugeben. Pfui!

So ist das, oder? Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Was jeden Tag auf den Straßen passiert, kommt mir vor wie ein Spiegelbild der Gesellschaft. Jeder verfolgt seine Ziele, die bisweilen durchaus egoistisch sind, und verbrämt seinen Egotrip mit selbstgerechtem Gefasel, bisweilen aufgehübscht durch eine Ideologie. Ohne die ordnende Hand des Staates würden wir übereinander herfallen und am Ende würden die Stärksten und Skrupellosesten siegen, in Berlin sowieso. Ich habe ein pessimistisches Menschenbild, oh ja.

Als ich den Führerschein machte, mussten wir den Paragrafen eins der Straßenverkehrsordnung auswendig lernen: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder, mehr als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“

Dieser Paragraf ist für mich einer der großen utopischen Texte der Menschheitsgeschichte, so was wie die Bergpredigt, das Kommunistische Manifest oder die Erklärung der Menschenrechte.

Mein innerer Autofahrer kritisiert mich, weil ich mich rechtfertige

Am ersten Tag dieser Versuchsreihe habe ich das Auto genommen. Der große Vorteil des Autos: Man kann Gepäck mitnehmen, so viel man will, und das Wetter spielt keine Rolle. Wenn ich den Laptop dabeihabe, der nicht nass werden und nicht auf den Boden fallen sollte, tendiere ich zum Auto. Ein wichtigerer Grund ist mein Hund, den ich manchmal mit ins Büro nehme, weil er sich mit der Putzfrau und mit Handwerkern nicht versteht und weil er depressiv wird, wenn man ihn alleine ins Arbeitszimmer sperrt. Er ist alt, hüftsteif und kriegt nach einem Kilometer Radfahren Schnappatmung, nach drei Kilometern wäre er womöglich ein Fall fürs Krematorium. Ich könnte ohne Auto auch deshalb nicht klarkommen, weil ich oft in Brandenburg bin, die öffentlichen Verkehrsverbindungen in unser Dorf sind ein Angebot nur für Menschen mit einem unbegrenzten Zeitbudget. Ich bin auch nur mittelsportlich. Ziele, die weiter entfernt sind als zehn Kilometer, liegen außerhalb meines Fahrrad-Radius. Ich würde zu Gesprächsterminen nass geschwitzt erscheinen.

Mein innerer Autofahrer kritisiert mich, weil ich mich rechtfertige. Eigentlich sollte man das nicht tun. Autofahren ist legal, oder? Wenn keiner mehr Autos kauft, bricht zuerst die deutsche Wirtschaft zusammen und bald darauf, mangels Steuereinnahmen, das Sozialsystem. Ich lehne es ab, zum Wohle der Allgemeinheit ein Auto zu kaufen und es dann nicht zu fahren. Das Rad und der öffentliche Nahverkehr werden das Auto nie ganz ersetzen können, allein schon wegen der Alten, der Behinderten und vor allem der Familien. Wer mit zwei Kindern plus Kinderwagen einen Ausflug zur Oma in Dingsda unternehmen möchte, der hat es mit Auto viel einfacher. Wer kein Auto besitzt, wählt in solchen Fällen vielleicht Carsharing. Eine Politik, die das Auto zum Teufelswerk erklärt, ist altenfeindlich, krankenfeindlich und familienfeindlich, das wollte mein innerer Autofahrer einfach mal gesagt haben.

Wo Tagesspiegel-Leser im Berliner Verkehr auf Gefahren stoßen:

Ich verlasse die Wohnung um 9.40 Uhr. An diesem Tag habe ich einen Parkplatz direkt gegenüber der Wohnung, das kommt manchmal vor. Auf der Strecke muss ich zehn Ampeln, einen Artisten und eine Baustelle überwinden. Weil am Halleschen Tor meistens Stau herrscht, wähle ich einen Schleichweg, den ich in wochenlangen Forschungsarbeiten herausgefunden habe und niemandem verrate, dadurch verlängert sich die Strecke um etwa einen Kilometer.

Die größte Hürde stellt wieder mal das Ausparken dar. Wenn man aus einer Parklücke herausmanövriert, dann stoppen andere Autofahrer manchmal und lassen einen hinaus. Entweder sind sie auf den Parkplatz scharf, oder sie sind einfach nett – man fasst es kaum. Radfahrer stoppen fast nie. Sie nützen die kleinste Lücke. Sie gehen davon aus, dass der Autofahrer sie sieht und schon anhalten wird. Es kann aber kein Mensch gleichzeitig nach links und nach rechts schauen. Probieren Sie es mal! Wenn man gleichzeitig links und rechts von Radfahrern überholt wird, dann stellt dies eine gewaltige kognitive Aufgabe dar. Beim Ausparken aus einer vertikalen Parklücke wird die Sicht von anderen parkenden Autos versperrt. Man muss sich Zentimeter für Zentimeter aus der Lücke herausschieben, in der Hoffnung, dass die lebensmüden Radfahrer mindestens zwei Zentimeter Abstand zum Heck des Autos haben.

Radfahrer werden nie angebettelt

An der Ampelkreuzung Zossener Straße, am Kanal, steht meistens ein Artist, in der Regel ein Jongleur. Manchmal haben die Jongleure eine Freundin dabei, die am Straßenrand sitzt und nicht jongliert. Auf dem Heimweg, auf der Gegenseite, steht fast immer ein Bettler oder eine Bettlerin mit Kopftuch an der Kreuzung. Die Bettler haben immer eine Krücke dabei, augenscheinlich ist es dieselbe Krücke, die von einem zum anderen weitergereicht wird und mit deren Hilfe sie mit unterschiedlichem Talent eine Gehbehinderung simulieren. Dass in dieser Gruppe, die ähnlich gekleidet ist und zur gleichen Ethnie zu gehören scheint, jedes einzelne Mitglied die exakt gleiche Gehbehinderung hat, kommt mir wenig wahrscheinlich vor.

Ich mag diese Bettler nicht, weil sie einen Mann vertrieben haben, der vorher an dieser Kreuzung bettelte. Er hatte schlechte Zähne und ein sympathisches Lächeln, war klapperdürr, ging ebenfalls nur mit Mühe und sprach mit einen Akzent, den ich nicht einordnen konnte. Ich gab ihm jedes Mal etwas, und wir wechselten während der Rotphase ein paar Worte, scheiß Wetter heute, pass auf dich auf, bis morgen. Ich wollte immer mal rechts ranfahren und ihn auf ein Bier einladen, zum Essen, oder was sonst er mochte, ich wollte seine Geschichte erfahren. Eines Tages war er verschwunden, und die Krückenmannschaft hatte die Kreuzung übernommen.

Radfahrer werden nie angebettelt, mir ist es auf dem Rad jedenfalls nie passiert. Wenn ich mit dem Rad fahre, komme ich an dieser Kreuzung ohnehin nicht vorbei. Ich hatte ein paar Mal überlegt, wegen des Bettlers einen anderen Weg zu nehmen, nun ist es zu spät.

Vor dem Büro finde ich selten einen Parkplatz, ich parke im Halteverbot und werde etwa jedes fünfte Mal aufgeschrieben. Der Radfahrer in mir hat immerhin genug Macht, um dafür zu sorgen, dass ich nie einen Radweg zuparke. Außer in absoluten Notfällen. Als ich die Tür zu meinem Büro öffne, sind 22 Minuten vergangen.

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