Berlin, du bist so wunderbar. Und überall voller Bilder. Foto: Getty Images/iStockphoto
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Doppelte Premiere im Delphi "Symphony of Now" trifft "Berliner"

Eine Neuauflage des Filmklassikers „Sinfonie der Großstadt“ und die neue Ausgabe des Tagesspiegel-Magazins "Berliner" feiern gemeinsam Premiere in der Hauptstadt.

So wie an diesem Abend wird Berlin nie wieder klingen. Draußen nicht. Und auch nicht im Kinosaal. Im Delphi, in jenem alten Stummfilmtheater in Weißensee, fand im Rahmen des „Audi Zeitgeist Projektes“ am Vorabend der Berlinale eine besondere Premiere statt: die Neuauflage von Walther Ruttmanns wegweisenden Film von 1927 „Berlin – Die Sinfonie einer Großstadt“.

Mit seiner Neubetrachtung des Werks unter dem Titel „Symphony of Now“ ist auch Regisseur Johannes Schaff ein avantgardistisches Werk gelungen. Anders als Ruttmann, der am Tag drehte und die Arbeitswelt mit ihren übermächtig dargestellten Maschinen in den Mittelpunkt stellte, erforschte Schaff vor allem die Nacht und begegnete Menschen in völliger Selbstvergessenheit auf Augenhöhe.

Bemerkenswert ist der Soundtrack, der am Premierenabend von Musikkurator Frank Wiedemann mit jeweils pro Akt wechselnden Künstlern aus verschiedenen Epochen live aufgeführt wurde. Mit dabei waren Samon Kawamura, Alex.Do, Gudrun Gut, Thomas Fehlmann, Modeselektor und Hans-Joachim Roedelius.

"Die Kunst kann gegenhalten"

Interessant ist die Entstehungsgeschichte des Films. Zum Originalfilm von 1927 wurde ein Soundtrack komponiert mit elektronischer Musik der Jetztzeit, mit Elementen aus Techno, House, Hip Hop, Wave, Krautrock und Schranz. Dieser Soundtrack diente als Vorlage für die Dreharbeiten des neuen Films, die im Mai letzten Jahres begannen und kurz vor der Premiere endeten.

Die Einführung moderierte Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt, der ein zum Film perfekt passendes Giveaway für die 300 Premierengäste mitgebracht hatte: Die neue Ausgabe vom Tagesspiegel-Magazin „Berliner“ mit Lea van Acken als Titelbild und vielen spannenden Trendgeschichten im Innern.

Auf Maroldts Frage, ob sie in dem Film auch das typische Gefühl der 20er Jahre sehen, nach denen es nicht so hedonistisch weiterging, antwortete mit Hans-Joachim Roedelius der älteste der Künstler. Angesichts dessen, was in der Welt passiert, sei es schwierig so zu tun, als säße man auf einer Insel der Seligen. „Aber die Kunst kann gegenhalten gegen das, was sich bei uns und in Europa tut.“

Moos, Blumen, Stacheldraht

Dann endlich flimmerten die Bilder über die Leinwand, schnell aneinander gereihte Impressionen der Jetztzeit. Es geht los nach einem Zitat aus der Vorlage von 1927, einer mächtig dampfenden Lokomotive, die erinnert an die Zeiten, als Maschinen noch dem Wetter trotzten. Mit Impressionen von der Vorbereitung auf den Abend beginnt dann der eigentliche Film, Bilder einer Großstadt in überraschender Abfolge.

Moos, Blumen, Stacheldraht, der Fernsehturm, betrachtet durch die Speichen des Riesenrads, mit Grafitti überzogene Satellitenschüsseln, das Brandenburger Tor im Rückspiegel eines Autos, die Museumsinsel und immer wieder Zitate zum Beispiel von Hauswänden: „How long is now?“

Die Momente tauchen zum Abend hin ein in ein sattes gelbes Licht, das der Stadt eine Anmutung von verfremdeter Gemütlichkeit verleiht, die von Besuchern oft auch als Berlin-Spezifikum gesehen wird. Schienen, U-Bahnen, Funkturm, Autos im Zeitraffer, dann seliges Wogen in Menschenmassen bei immer wieder kehrenden Festen und Umzügen, selbstvergessene Tänzer, verzückt, exaltiert, berauscht vom Gemeinschaftserlebnis. Da stecken Energie, Sex und Dekadenz gleichzeitig drinnen.

Dankbarkeit für das Jetzt

Zwischen den Akten donnerte der Beifall durchs Kino. Noch so ein Zitat: „So wie es ist, kann es nicht bleiben.“ Currywurst am Kudamm 195, eine Moschee, Open Air, die Spree, die Brücke am Bahnhof Zoo. Zwischendrin intime Momente, die Zigarette auf dem Balkon im aufdämmernden Morgen, eine Mahlzeit mit Kind im Park.

Die Clubs taten sich mit Drehgenehmigungen schwer, weil sie sich als Schutzraum für ihre Gäste verstehen. Egal, Berlin ist überall voller Bilder: „Love is a mad dog from hell“. Wo der Tag sich nähert, ragt ruhig der Fernsehturm aus frisch gestrichenen Fassaden hervor. Doch, es gibt auch einen festen Soundtrack zwischen dem Wummern der Bässe und dem hochschrillen Triangelklang, der an das I-Ah eines übermütigen Esels erinnert.

Gerade im Kontrast bietet sich die „Symphony of Now“ an, Dankbarkeit zu generieren für das Jetzt. Ob irgendwann mal beide Filme hintereinander gezeigt werden, ob der Film überhaupt ins Kino kommt oder nur geladenen Gästen vorbehalten bleibt, steht noch in den Sternen. Aber die Berlinale mit ihren grenzenlosen Märkten hat ja gerade erst angefangen.

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