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Die Fahrt endet für Tatra-Straßenbahnen bald völlig. Hier ein Zug im Januar am S-Bahnhof Schöneweide. Foto: Jörn Hasselmann
© Jörn Hasselmann

Diese Fahrt endet hier - nach 45 Jahren Berlin verabschiedet sich von den tschechischen Tatra-Trams

Am 12. Februar sollte die letzte Tatra-Straßenbahn durch Berlin rollen. Nun hebt die BVG ein paar Züge auf - wegen Corona.

Zum Abschied servierte die BVG den alten Witz noch einmal. In ihrer aktuellen Kundenzeitschrift nennt sie den Hauptnachteil der Tatra-Straßenbahnen: die "über drei hohe Stufen zu erklimmende Bahn. Der Satz geht weiter, dass das Hochgebirge in der Slowakei ja Tatra heiße...

Wie im Gebirge haben sich 45 Jahre lang vor allem Eltern mit Kinderwagen gefühlt, die den Nachwuchs von der Straße hoch wuchten mussten. Rollstuhlfahrer waren ganz neese. 

Nun verabschiedet sich Berlin nach 45 Jahren von den letzten tschechischen Straßenbahnen. Die Zukunft ist "niederflurig", sprich stufenlos. Es war ein Abschied auf Raten, zuletzt waren die Tatras nur noch auf einer Linie, der M17, im Einsatz oder bei Bauarbeiten. Und mindestens eine Rate kommt nun doch noch. Und zwar wegen Corona.

Da der Senat die BVG gebeten hat, zusätzliche Fahrten anzubieten, werden die letzten 20 Züge doch noch nicht sofort verkauft. Es werde überlegt, die Züge für Schülerfahrten in Marzahn-Hellersdorf noch eine Weile einzusetzen. Zuletzt waren die letzten Wagen auf der Linie M17  im Einsatz, also zwischen Schöneweide und Falkenberg. Hier soll die letzten "KT4Dmod", wie die Züge bei der BVG und bei Fans heißen, am Abend des 12. Februar rollen. 

KT4D ist das Kürzel für "kloubová tramvaj", also Gelenkstraßenbahn, die 4 steht für vier Achsen, das D für Deutschland und "mod" einfach für modernisiert. Aber wieso eigentlich Prager Züge in Ost-Berlin? Der Ostblock (nämlich der „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe") hatte einst abgesprochen, dass nur die Tschechoslowakei Straßenbahnen bauen darf. Rumänien lieferte Dieselloks, Ungarn baute Omnibusse („Ikarus“), und so weiter (die DDR baute übrigens Fischtrawler). Diese Aufteilung sollte Entwicklung und Produktion effektiver machen. 

Am Ende März, Anfang April 1976 trafen im Güterbahnhof Schöneweide die erste Züge aus Prag ein. Am 12. April begannen die Probefahrten. Schon am 14. April berichtete der Tagesspiegel –  und zwar in der Rubrik „Ost-Berlin in der Ost-Presse“ (siehe Faksimile, übernommen wurde eine Meldung aus dem "Neuen Deutschland").

Drüben was Neues. Diese Meldung druckte der Tagesspiegel am 14. April 1976. Repro: Tsp Vergrößern
Drüben was Neues. Diese Meldung druckte der Tagesspiegel am 14. April 1976. © Repro: Tsp

Ab 11. September des Jahres wurden die neuen Züge im Linienbetrieb eingesetzt, zuerst auf der 75 zwischen Hackescher Markt und Betriebshof Weißensee. Für die Fahrgäste war das angesichts der Vorkriegsmodelle ein riesiger Fortschritt angesichts der teilweise aus Vorkriegszeiten  stammenden Flotte der Ost-Berliner Verkehrsbetriebe, die von der DDR "rekonstruiert" wurden und dann als "Reko"-Züge firmierten.

Tatras lösten die Rekos ab

Trotz der Hartschalensitze und des hohen Einstiegs setzten sich die Tatras durch. Sie "zeichnen sich durch Schnelligkeit, hohe Anfahrtbeschleunigung und kurze Bremswege aus", lobte der Ost-Berliner "Morgen" am 22. Mai 1981. Auf dem Höhepunkt der Ära fuhren nach Angaben der BVG 764 Wagen. Nach der politischen Wende wurden 450 davon modernisiert.

Vor den berühmten Hakenterassen fahren Wagen 251 und 252 als Linie 6 nach Goclaw.  Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
Vor den berühmten Hakenterassen fahren Wagen 251 und 252 als Linie 6 nach Goclaw.  © Jörn Hasselmann

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Selbst die drei hohen Stufen hätten sich wegmodernisieren lassen, zum Beispiel durch ein niederfluriges Modul, dass zwischengehängt wird. Doch Berlin entschied sich für völlig neue Züge. Gerade hat die BVG 117 weitere Züge des Typs Flexity bestellt, erstmals auch welche mit 50 Meter Länge, also eine XXL-Ausgabe. Bisher waren die Flexity 30 oder 40 Meter lang. Zum Vergleich: zwei zusammengekuppelte Tatra KT4D sind knapp 40 Meter lang. 

Das Ende der Tatras war zäh. 2006 kündigte die BVG an, 2010 die nun überhaupt  nicht barrierefreien Tatras auszumustern. Dann war von 2015 die Rede, dann von 2020. Und nun, auf den allerletzten Metern kam die Corona-Pandemie. Behindertenverbände hatten den Einsatz seit Jahren kritisiert, doch der BVG fehlten immer Neufahrzeuge. Die M17 fährt zwar  weitab der City, vielleicht war das der Grund, dass Fahrgästen meckerten: "Wieso gerade bei uns?" 

In schneller Fahrt durch Hohenschönhausen. Ein Zug der M17 nach Falkenberg. Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
In schneller Fahrt durch Hohenschönhausen. Ein Zug der M17 nach Falkenberg. © Jörn Hasselmann

Viele Berliner Tatras sind in den letzten Jahren weitergereist, vor allem Richtung Osten. Stettin zum Beispiel hat mehrere Dutzend Wagen gebraucht gekauft, sie fahren meist unverändert mit Berliner Inneneinrichtung und in BVG-sonnengelb. Andere Gebrauchtwagen fahren in der Ukraine, in Rumänien und in Russland, einige auch in Magdeburg. Eisenbahnfreunde haben den Verbleib jedes Fahrzeugs dokumentiert. In Ägypten stehen sie jedoch nur herum.

So war es früher: Eine Tatra in DDR-orange in der Karl-Lade-Straße in Lichtenberg am 12. März 1990 Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
So war es früher: Eine Tatra in DDR-orange in der Karl-Lade-Straße in Lichtenberg am 12. März 1990 © Jörn Hasselmann


Die Monatszeitschrift "Berliner Verkehrsblätter" enthüllte im vergangenen Jahr unter der Überschrift "Berliner Tatras in der Wüste", dass ein Händler aus der Hafenstadt Alexandria der BVG zwar 70 Wagen abgekauft hat, sie dann aber in Ägypten nicht los geworden ist. In Berlin bewahrt der Denkmalpflege-Verein Nahverkehr nach Angabe der BVG sechs Fahrzeuge auf.

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