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Die Ehefrau wurde nie befragt

Die komplette Exklusiv-Recherche Neue Indizien und Widersprüche: Auf der Spur des Maskenmanns

Zur dritten Tat, der Entführung, hat Stefan T. später berichtet, er habe am frühen Morgen des 7. Oktober die Fesseln gelöst, sich befreit und sei durch den Sumpf geflohen. Zwar hätte er geglaubt, er würde vom Täter verfolgt, doch gesehen habe er ihn nicht, sagt er vor Gericht. Man könnte nun viel spekulieren und ermitteln, in alle Richtungen. Womöglich wurde der Plan, das mutmaßliche Opfer festzuhalten und zu verfolgen, aufgegeben, weil Kollegen von Anton L. mit dem Hubschrauber Filmaufnahmen machten, auf denen später ein Mann im Sumpf gesichtet wird. Womöglich war alles auch anders. Oder genau so, wie es die Indizienkette des Staatsanwaltes zeigt. Den Mann auf den Filmaufnahmen wird man nie identifizieren können.

Die Ermittler haben die Ehefrau von Anton L. nie befragt. Warum nicht?

Herausgefunden haben sie aber, dass der Mann in Insolvenz gegangen ist. Ein Staatsdiener in Privatinsolvenz ist anfällig für Korruption. Dafür gibt es Richtlinien. Nach einem Protokoll, das dem Tagesspiegel vorliegt, führte der Leiter der Fachdirektion „Besondere Dienste“ am 23. August 2011 ein Mitarbeitergespräch mit Anton L. und pochte auf Pflichten im Beamtengesetz: in geordneten Verhältnissen zu leben, finanzielle Verbindlichkeiten zu erfüllen, nicht leichtfertig Schulden einzugehen. Andernfalls drohten ein Disziplinarverfahren und gar der Rausschmiss. Anton L. hatte diese Grenzen längst überschritten, wie seine Gläubigerliste zeigt. Er war in der Klemme, Kollegen wussten das. Der erste Überfall geschah am 22. August 2011, einen Tag vor dem Offenbarungstermin. Zufall? Ermittelt wurde es nicht.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass er sich oft Geld borgte

Der Polizeibeamte Anton L. hatte damals rund 140 000 Euro Schulden. In B. ist es ein offenes Geheimnis, dass er sich oft Geld borgte, über seine Verhältnisse lebte: mit schönen Autos, teuren Klamotten, einer Hochzeit in einem fernen Land. Anton L. liebte die Reichen, erzählt seine Frau auf Nachfrage. „Er suchte förmlich die Nähe von reichen Leuten, schwärmte von Luxus, vor allem für tolle Autos.“ – „Für Geld macht der alles“, erzählt der Auftraggeber der privaten Firma, für die er nebenbei arbeitet. Anton L. sei ein Mensch, der sich oft über Materielles und den Job als Pilot definierte, heißt es aus Kollegenkreisen.

Ein Jahr zuvor hatten die Ermittler erste DNA-Proben wurden genommen und ausgewertet. Einen Massengentest wollte die Polizei aber erst als letztes Mittel einsetzen. Foto: dpa Vergrößern
Ein Jahr zuvor hatten die Ermittler erste DNA-Proben wurden genommen und ausgewertet. Einen Massengentest wollte die Polizei aber erst als letztes Mittel einsetzen. © dpa

Doch für seine teuren Bedürfnisse reichte das Beamtengehalt von rund 3000 Euro netto nicht aus. Also erzählte Anton L. Geschichten, um sich Geld zu leihen. So überredete er seine Schwiegermutter, für ihn einen Kredit aufzunehmen, damit er einen Wagen der Oberklasse fahren konnte. Heute sitzt sie auf den Schulden. Er schaffte es, dass ihm ein Rechtsanwalt aus Berlin 10 000 Euro lieh. Das Geld sah der nie wieder.

Anfang 2011 trug sich noch etwas zu: Sein Vater sollte angeblich 20 Millionen Euro von einem Verwandten erben, der beim Tsunami 2004 in Thailand ums Leben gekommen sein soll. Das jedenfalls erzählten Vater und Sohn 2011 jenen, bei denen sich Anton L. dafür Geld borgte. Sein Chef der Fliegerstaffel beschreibt das gegenüber Ermittlern im Verfahren gegen Anton L. wegen Bestechlichkeit so: „In dieser Zeit Ende 2010/Anfang 2011 hat er sich dienstlich sehr grenzwertig verhalten. Möglicherweise dachte er auch daran, sich beruflich neu zu orientieren und sah sich persönlich in einer völlig neuen und anderen Situation. In dieser Zeit hatte ich deshalb verstärkt auch Mitarbeitergespräche mit ihm geführt.“ Um die 20 Millionen Euro nach Deutschland zu kriegen, sollte der Vater in Vorkasse gehen, für Gutachten und Gebühren. Bald stellt sich alles als Betrug heraus. Der Vater verlor 80 000 Euro. Anton L.’s Schuldenberg wuchs. Ständig gab es Rückbuchungen auf seinem Konto für Kleinbeträge. Seine Mutter und ihr Mann mussten Insolvenz anmelden. Heute hat Anton L. offiziell rund 235 000 Euro Schulden. Wenn Mario K. pleite war, ist es Anton L. erst recht.

Dennoch fuhr Anton L. gerne schicke Motorräder. Es liegen Fotos von ihm vor, etwa auf Tour mit einer schwarzen Kawasaki Ninja. Wegen seiner Insolvenz hatte er dieses Motorrad auf einen Freund angemeldet. Gefahren ist er es selbst, wie Fotos zeigen. Einem Beleg vom Finanzamt zufolge hat er selbst Steuern dafür bezahlt. Am 22. Oktober 2011, knapp drei Wochen nach der zweiten Tat (2.10.2011), verkauft er plötzlich das geliebte Motorrad oder lässt es verkaufen. Warum? Zeugen hatten ein Motorrad nach der zweiten Tat gehört. Die Polizei veröffentlichte diese Spur zu diesem Zeitpunkt.

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