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Depression in der Coronakrise Wenn Isolation bedrohlich wird

Und plötzlich müssen alle zu Hause sitzen. Für depressive Menschen wird die Coronakrise zur doppelten Gefahr.

Es ist wie im Sport: Wer aufhört zu trainieren, kommt irgendwann nicht mehr mit.

Es war einer der letzten Abende, bevor der Berliner Senat das Kontaktverbot beschloss, als Thomas Müller eine Art Panikattacke bekam. Gerade hatte er sich von Bekannten verabschiedet, als – so sagt er es – in seinem Kopf nur noch dieser eine Gedanke rotierte: Was, wenn das die letzten Menschen gewesen sind, die ich vor einer möglichen Ausgangssperre gesehen habe? Am Morgen darauf kam er nicht aus dem Bett. Er meldete sich krank.

Thomas Müller ist 38 Jahre alt und heißt nur in diesem Artikel Thomas Müller. Er lebt allein. Seit Jahren leidet er unter sozialen Phobien und Depressionen. Wer eine soziale Phobie hat, befürchtet, andere könnten ihn sehr merkwürdig finden, weil er ist, wie er ist. Es ist verständlich, dass er lieber anonym berichten will. „Ich muss ständig trainieren, auf andere zuzugehen“, sagt Thomas Müller am Telefon. Allein mit sich selbst geht das schlecht.

Drei Wochen dauert die Kontaktsperre, die „SARS-CoV-2-Eindämmungsmaßnahmenverordnung“, in Berlin mittlerweile an. Mitte der vergangenen Woche wurde bekannt, dass sie, wie die bundesweiten Einschränkungen, auch über Ostern hinaus noch gelten soll. Für psychisch Kranke – die zudem allein leben – ist die Situation besonders belastend.

Einsam in der Masse, das geht

Rund 5,3 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 18 und 79 Jahren erkranken laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe innerhalb eines Jahres an einer behandlungsbedürftigen Depression. In Städten, so heißt es auf der Informationsplattform „Neurologen und Psychiater im Netz“, kommen Depressionen und Angsterkrankungen etwa 40 Prozent häufiger vor als auf dem Land. Begünstigt durch Stress und durch das Paradox der Großstadt, das auch in Berlin zu beobachten ist: Obwohl hier Millionen Menschen eng zusammenleben, haben sie nicht automatisch mehr soziale Kontakte. Und jene Kontakte, die sie haben, sind vergleichsweise oft flüchtig und oberflächlich. Sich in der Masse einsam fühlen, das geht.

Im Vergleich zum Bundesdurchschnitt werden in Berlin folgerichtig auch deutlich mehr Menschen wegen psychischer Probleme krankgeschrieben. Die Krankenkasse Barmer veröffentlichte 2018 eine Studie, aus der hervorgeht, dass jeder dritte Berliner im Alter von 18 bis 25 an einer psychischen Krankheit leidet, meist einer Angststörung oder Depression. Die Dunkelziffer – in allen Altersgruppen – ist Schätzungen zufolge hoch. Nicht immer wird eine Krankheit erkannt. Und nicht immer wird ein Arzt besucht.

Isolation verstärkt die Depression

Drei Wochen Kontaktsperre – das Gerüst sozialer Aktivitäten, an dem sich Thomas Müller zuvor durch seinen Alltag hangelte, brach zusammen. Sein Arbeitgeber schickte ihn ins Homeoffice; die Selbsthilfegruppe sagte Treffen ab; die Therapeutin würde gern per Videochat weiter im Gespräch mit ihm bleiben, kommt aber mit der Technik nicht zurecht; das Yogastudio, das Müller besuchte, schloss.

„Ich wünsche mir Kontakt zu anderen Leuten“, sagt er. „Wenn ich isoliert bin, verstärkt sich auch die Depression.“ Er war eine Woche im Homeoffice, da fühlte er sich nicht mehr arbeitsfähig.

Thomas Müller möchte nicht sagen, in welcher Branche er beschäftigt ist. Aber wie für so viele bedeutet „Homeoffice“ für ihn: sitzen, vor einem Computer.

Experten raten, sich für solche Tage Strukturen zu schaffen. Morgens früh aufstehen, ordentlich kleiden, Mittagspause machen. Es mag Menschen geben, die das schon vor der Coronakrise verinnerlicht hatten. Es gibt aber auch jene, denen das schon davor und ohne Homeoffice schwerfiel.

Rausgehen bleibt erlaubt, das ist ja schon mal gut

Thomas Müller konferiert zwei Mal am Tag mit seinen Kollegen per Videochat. „Dafür muss man schon okay aussehen“, sagt er und es hört sich an, als ob er dabei grinst. Aber was ist schon eine Videokonferenz? Überall scheint jetzt gestreamt und gezoomt und das auch als Fenster nach draußen verstanden zu werden. Für Thomas Müller ist es kein adäquater Ersatz für menschlichen Kontakt.

Yoga zum Beispiel. Natürlich könne er das online machen, sagt er. Habe er auch schon versucht. „Aber mir fehlt da die Interaktion.“ Normalerweise spiele er Impro-Theater, erzählt er, in einem Projekt für Menschen mit sozialen Ängsten, „Alltagshelden“ heißt es. Auch die quatschten jetzt per Video.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Thomas Müller scheint gewöhnlich sehr aktiv zu sein, um seinen Ängsten und Sorgen keine Möglichkeit zu geben, sich breitzumachen. Beinahe hätte er die Kontaktsperre als eine Art persönlichen Angriff gesehen.

Es funktioniert oft nicht für Depressive, sich aus einem Haufen schlechter Nachrichten das wenige Positive passgenau herauszusuchen. Aber Rausgehen bleibt erlaubt, das ist ja schon mal gut. Allein muss man auch nicht sein, sondern nur Abstand halten. Thomas Müller schaffte es schließlich, seinen Frust in Pragmatismus umzuwandeln. Mittlerweile trifft er sich mit Bekannten aus der Selbsthilfegruppe zu Spaziergängen. Aber ein Paar ist noch keine Gruppe, die immer selben Kontakte sind keine neuen Bekanntschaften.

Angst als körperlicher Schmerz

Die Angst davor, auf andere zuzugehen, habe sich über die Jahre bei Müller auch als körperlicher Schmerz bemerkbar gemacht – als extreme Verspannung. Alte Freunde habe er bei seinem Umzug nach Berlin 2009 in der Heimat zurückgelassen, neue nicht gefunden. Auf der Suche danach, was mit ihm los sein könnte, habe er begonnen zu googeln, sei so auf das Stichwort „soziale Phobien“ und schließlich auf Selbsthilfegruppen gestoßen, die er, genauso wie diverse Therapien, seither besuche. Zwischendurch habe er zwei Mal für jeweils etwa ein Jahr das Medikament Citalopram genommen. Es soll auch gegen Angststörungen wirksam sein. Andere Antidepressiva, die er ausprobierte, verschlimmerten – es ist eine oft genannte Nebenwirkung – die Schlafstörungen, unter denen Thomas Müller ohnehin litt. „Dauerhaft will ich damit nicht leben“, sagt er.

Vielleicht, überlegt er laut am Telefon, wäre jetzt die Zeit gekommen, wieder Medikamente zu nehmen? Er merke ja, dass die Situation für ihn zunehmend schwierig wird. Dass ihm schon wieder Gedanken kommen, die er nicht brauchen kann. Wie oft darf man einen anderen Menschen fragen, ob er mit einem spazieren gehen will? Dränge ich mich auf? Sagt derjenige vielleicht nicht, dass er gar keine Lust auf mich hat? Sollte ich besser gar nicht erst fragen?

Der Ratschlag: aktiv bleiben

„Meine fiesesten Stolperfallen in die Depression sind Scham, Angst, nicht gut genug zu sein, schlechtes Gewissen“, schrieb der „Spiegel“-Autor Benjamin Maack vor einigen Tagen in einem Artikel über Depression in der Coronazeit. „Diese Gefühle führen bei mir leicht zu Selbstvorwürfen, die sich ebenso leicht zu Selbstverachtung und Selbsthass steigern. Immer wieder drohe ich unmerklich von diesen Gefühlen überschwemmt zu werden oder in Gedankenschleifen zu geraten, die mich erbarmungslos runterziehen.“

Über seine persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit hat Benjamin Maack ein schmerzhaft ehrliches Buch geschrieben. Nun, in der Coronazeit zu Hause mit der Familie, wolle er alles richtig machen, seine Frau unterstützen, die Kinder bespaßen – und wisse doch, dass er sich damit übernimmt. Schließlich geht es ihm so schlecht, dass er tagsüber wieder viel Zeit im Bett verbringt. „Holen Sie sich Hilfe, wenn Sie welche brauchen“, rät er Betroffenen in einem Postscriptum.

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„Meine Sorge ist, dass die Menschen nun sagen: Die Ärzte haben ja eh keine Zeit; dass das Hilfesuchverhalten schlechter wird“, sagt Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Er sagt: „Ich befürchte, dass die Suizidrate deswegen steigen wird, nicht wegen der Sorgen wegen Corona.“

Aktiv und im Austausch bleiben, so lautet einer der Ratschläge der Deutschen Depressionshilfe – grundsätzlich, aber besonders in einer Zeit wie dieser. „Leider ist genau das für viele schwierig, da Depression mit tiefer Erschöpfung und Interesselosigkeit einhergeht“, sagt Ulrich Hegerl. „Aber es befinden sich auch nicht alle in einer akuten Krankheitsphase.“

Sollte er sich in eine Tagesklinik einweisen lassen?

Die Deutsche Depressionshilfe hat ein Onlinewerkzeug zum Selbstmanagement, das gewöhnlich von einem Arzt oder Psychotherapeuten begleitet werden sollte, formlos zugänglich gemacht. Man kann sich dabei über Depressionen informieren und bekommt praktische Tipps, zum Beispiel wie negative Gedanken erkannt und verändert werden können. Die Stiftung rät dazu, Nachrichten nur so häufig zur Kenntnis zu nehmen, wie es einem gut- tut. Und am besten aus seriösen Quellen.

Thomas Müller stellte fest, dass es ihm schlechter ging, je dramatischer die Nachrichten über das Virus wurden. Die Unsicherheit, nicht zu wissen wie es weitergehen wird, belaste ihn: „Was ist, wenn die Kontaktsperre verschärft wird?“

Er klingt zutiefst besorgt. Sollte er sich in eine Tagesklinik einweisen lassen? Eine Nachricht auf deren Anrufbeantworter habe er hinterlassen, sagt er.

Anspannung und Besorgtheit

Gar nicht allzu weit entfernt von ihm, in einem benachbarten Berliner Bezirk, lebt Max Waldmann, 41 Jahre alt. Auch er ist allein, auch er leidet unter Depressionen, ein Psychiater diagnostizierte bei ihm vor Jahren eine „ängstlich, vermeidende Persönlichkeitsstörung“.

Im ICD-10, der derzeit geltenden und von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und Gesundheitsprobleme, wird diese wie folgt charakterisiert: „Eine Persönlichkeitsstörung, die durch Gefühle von Anspannung und Besorgtheit, Unsicherheit und Minderwertigkeit gekennzeichnet ist. Es besteht eine andauernde Sehnsucht nach Zuneigung und Akzeptiertwerden, eine Überempfindlichkeit gegenüber Zurückweisung und Kritik mit eingeschränkter Beziehungsfähigkeit. Die betreffende Person neigt zur Überbetonung potenzieller Gefahren oder Risiken alltäglicher Situationen bis zur Vermeidung bestimmter Aktivitäten.“

Gleitzeit? Für ihn nicht ideal

Max Waldmann, gebürtiger Berliner, hat eine sanfte Stimme. Er berichtet am Telefon offen von seinen Problemen, wünscht sich allein, sein richtiger Name möge nicht erwähnt werden. „Ich habe Probleme, mich aufzuraffen. Zu allem“, erzählt er. „Es fällt mir schwer, mich zu begeistern, für andere Leute und auch für mein eigenes Leben.“

Derzeit gehe er, der als Software-Entwickler arbeite, noch täglich ins Büro. Schon seine Gleitzeitregelung sei für ihn nicht ideal, sagt er, weil sie erlaubt, morgens ein bisschen später aufzustehen, am nächsten Tag vielleicht noch später … zumal er nachts schlecht schlafe. Homeoffice wäre gar nicht gut, „da könnte ich nicht meine acht Stunden ableisten.“ Was, überlegt er, wenn Kurzarbeit drohte? Auch nicht gut.

„Jetzt habe ich nicht mehr das Gefühl, zu versagen“

Abgesehen davon jedoch, sagt er, ergäben sich aus der momentanen Situation keine allzu großen Änderungen für ihn. „Es gibt keinen, den ich anrufen könnte, um zu sagen: Komm, wir unternehmen was.“ Beinahe könne er der Coronakontaktsperre etwas Positives abgewinnen: „Jetzt habe ich nicht mehr das Gefühl, zu versagen.“

Schon in der Schule, erzählt Max Waldmann, sei er schüchtern und zurückhaltend gewesen, habe nur drei, vier Freunde gehabt. Für sein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik habe er acht Jahre gebraucht. Acht Jahre!, sagt er.

Herr Waldmann, so lang ist das doch gar nicht. Betrachtet man Studienzeiten von Magistern und Diplomanden – der Vor-Bachelor-Master-Zeit –, ist er bei Weitem nicht der Einzige, der so lange eine Universität besuchte.

Das lässt er nicht gelten. In Sachen Statik und Dynamik, in puncto Strömungslehre und Antrieb haben Luft- und Raumfahrttechniker große Kenntnisse – die Waldmann für sich selbst kaum anwendet.

Raus aus dem altbekannten Umfeld

Als er nach der Schul- und Bundeswehrzeit zu Hause abgehangen habe, nichts zu tun außer Computerspielen und Onlinepoker, sei ihm irgendwann der Gedanke gekommen, dass da vielleicht mehr sein könnte als Schüchternheit und Faulheit. Nach einer Folge der Fernseharztserie „Dr. House“ und einem Onlinetest stellte er sich die Selbstdiagnose: Asperger-Autismus. Gestörte soziale Interaktion. „Das passte einfach“, sagt er. Der Psychiater, den er dann aufsuchte, sah das anders.

Die Verhaltenstherapie, die Waldmann begann, habe ihm nichts gebracht, sagt er. Erst ein Klinikaufenthalt, später Antidepressiva, führten zur Verbesserung. Besonders deswegen, weil er in der Klinik seine Lebensgefährtin kennenlernte, nach der Entlassung direkt zu ihr in die WG zog und somit raus aus dem altbekannten Umfeld, sagt er. Viereinhalb Jahre habe die Beziehung gehalten.

,„Ich habe wirklich große Probleme in Konversationen“, sagt Max Waldmann. Die eine Freundschaft, die er halbwegs pflegte, sei vor knapp zwei Jahren eingeschlafen, sagt er. Derjenige habe sich nicht mehr gemeldet und für Max Waldmann gab es nur eine Erklärung: Vermutlich findet er mich langweilig. Frauen kennenlernen, unglaublich schwer.

Zum Glück muss er noch zur Arbeit

Jetzt erst recht, wenn auch die wenigen sozialen Aktivitäten, die Max Waldmann sich verordnet hat und an die er sich gewöhnlich wöchentlich hält, wegfallen. Die Runde Doppelkopf, das Salsa-Tanzen. Seit mehr als zehn Jahren mache er das. „Es gab Zeiten, da habe ich die ganze Woche auf diesen Abend hin gelebt“, sagt er. Wenn er sich traute, eine Tanzpartnerin anzusprechen, dann sei es der ideale Zeitvertreib gewesen. Unter Menschen sein – ohne reden zu müssen.

Seit einer Weile fährt er Motorrad. Kein kommunikatives Hobby, aber ideal, um in der Zeit der Kontaktsperre den Kopf freizubekommen.

Als er im Dezember eine Panikattacke hatte, kurz vor dem Abflug in den Urlaub, allein, besuchte er den Krisendienst in seinem Bezirk. Seither geht Max Waldmann regelmäßig dorthin. In diesen Tagen hat er einen Termin mit einer Psychiaterin vereinbart. Zum Glück muss er noch zur Arbeit.

Informationen und Hilfe zum Thema Depression gibt es zum Beispiel auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe www.deutsche-depressionshilfe.de oder kostenfrei telefonisch unter 0800 33 44 533. Der Berliner Krisendienst bietet Beratung - unter angepassten Bedingungen auch in der Coronazeit. Unter www.berliner-krisendienst.de sind Telefonnummern für die unterschiedlichen Bezirke zu finden. Die Hilfe ist kostenlos und auf Wunsch anonym. Genau wie auch bei der Corona-Hotline, die der Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen derzeit täglich für die Zeit von 8 bis 20 Uhr unter der Nummer 0800 777 22 44 eingerichtet hat. Nicht zuletzt ist rund um die Uhr die Telefonseelsorge Berlin zu erreichen, auch sie gebührenfrei und anonym. Die Nummer: 0800 111 0 111.

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