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Die Veranstaltungsbranche wird symbolisch zu Grabe getragen. Foto: imago images/Jochen Eckel
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Demonstration in Berlin "Alarmstufe Rot" für die Veranstaltungsbranche

Die Veranstaltungsbranche leidet unter Corona. Heute wollen tausende Kulturschaffende für finanzielle Hilfen von Bund und Land demonstrieren.

Mit Blick auf den Dienstplan steckt Ute Jacobs in einer Zwickmühle. 570 feste Mitarbeitende hat die Geschäftsführende Direktorin des Estrel, Deutschlands größtem Hotel.

Doch der überwiegende Teil ist in Kurzarbeit, sitzt zu Hause, bekommt das Gehalt vom Staat, darf aber nicht arbeiten. Dabei gebe es genug zu tun im Neuköllner Estrel. Das Kongress- und Event-Geschäft läuft langsam wieder an. Marketing sei wichtig. Die Übernachtungszahlen stiegen. Ein neues, an die Pandemie angepasstes, Online-System müsse her. Nur, sagt Ute Jacobs, könne sie es sich nicht leisten, Mitarbeiter zurückzuholen.

„Im Moment machen wir jeden Monat ein dickes Minus“, sagt sie. Genaue Zahlen nennt sie nicht. Rund 100 Angestellte sind inzwischen zurück im Betrieb, doch deren Gehalt sei durch die momentanen Einnahmen nicht gedeckt. „Seit März hatten wir fünf Monate einen Komplettausfall“, sagt Jacobs. Inzwischen sei man immerhin wieder bei 15 bis 20 Prozent. Doch das reiche nicht. Aktuell wird das Auditorium für 25 Millionen Euro erweitert.

Das Paradox: Dürften die Mitarbeiter, die zu Hause zum Nichtstun verdammt sind, wieder arbeiten, könnte das Estrel bereits viel weiter sein, ist sich Jacobs sicher. „Ich finde das absurd“, sagt die Direktorin und fordert eine Nachjustierung bei den Regeln der Kurzarbeit.

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„Das wurde in der Endphase der Kaiserzeit entwickelt, für den Fall, dass in den Fabriken die Bänder still stehen. Das passt aber nicht für den Dienstleistungssektor in einer Pandemie.“

Wie Ute Jacobs geht es vielen in der Veranstaltungsbrache. Dazu zählen nicht nur große Player, wie das Estrel. Die Zahl der Betroffenen ist hoch. Keine Veranstaltungen, Tagungen, Messen bedeutet für Tontechnikerinnen, Beleuchter, Eventfirmen, Trucker, Hallenbetreiber, Caterer, Verleiher, Securitys und viele andere herbe Verluste. Nach einem halben Jahr Pandemie sind viele Existenzen akut gefährdet. Unter dem Motto „Alarmstufe Rot“ will ein breites Bündnis deshalb am heutigen Mittwoch in Berlin auf die Straße gehen. Die Polizei erwartet 5000 Teilnehmer.

Wenn es keine Veranstaltungen mehr gibt, verlieren auch Sicherheitskräfte ihre Arbeit. Foto: imago images/POP-EYE Vergrößern
Wenn es keine Veranstaltungen mehr gibt, verlieren auch Sicherheitskräfte ihre Arbeit. © imago images/POP-EYE

Sechs konkrete Forderungen an Bund und Länder haben sie formuliert. Neben der Flexibilisierung des Kurzarbeitergeldes geht es um rückzahlungsfreie Hilfen, Kredite, Rückerstattung von Steuern und einem Rettungsdialog mit der Bundesregierung.

Der Protest wird von vielen Prominenten unterstützt. Unter anderem haben die „Toten Hosen“ und Musikerlegende Udo Lindenberg zur Teilnahme aufgerufen. „Eine große Branche geht den Bach runter“, schrieb Lindenberg auf Facebook und kündigte an, dass Mitarbeiter seiner Shows – die zu seiner „Panikfamilie gehören, wie er sie nennt – sich an den Protesten beteiligen werden. „Wir kritisieren nicht die Maßnahmen der Regierung, doch wir brauchen finanzielle Unterstützung.“

Auch Elvis und Tina Turner werden erwartet – zumindest deren Doubles. Nach Monaten der Zwangspause dürfen die vor deutlich weniger Publikum wieder im Programm „Stars in Concert“ im Estrel auftreten.

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Organisiert hat die Demonstration Dirk Wöhler. Der 51-Jährige ist seit 20 Jahren Präsident des Berufsverbands Discjockey, betreut dazu mit seiner Eventagentur Kunden wie VW, den VfL Wolfsburg oder die Supermarkt-Kette Real. Nun sind seine vier Mitarbeiter in Kurzarbeit, die drei Auszubildende haben kaum etwas zu tun und Wöhlers Reserven aus den vergangenen Jahren schmelzen. „Man hat den sechstgrößten Wirtschaftszweig einfach vergessen“, sagt Wöhler in Richtung Politik. Bundesweit beschäftigt die Branche eine Million Menschen und erwirtschaftet jährlich 130 Milliarden Euro Umsatz. Solang es keinen Impfstoff gebe, werde es keine klassischen Events geben. Dazu kämen die langen Vorlaufzeiten. Konzerte und Kongresse müssten weit im Voraus geplant werden. Bis sie sich finanziell bemerkbar machen, würden Monate vergehen. Wöhler ärgert, dass die Politik – vor allem die Bundesregierung – die Vielschichtigkeit seiner Branche nicht verstehe und bisherige Proteste wie die "Night of Light" unbeachtet blieben.

Die Kulturstaatssekretärin verstehe die Branche nicht

45 Minuten hat er zuletzt mit Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU) telefoniert. Ein freundliches Gespräch sei es gewesen. Aber: „Wenn Frau Grütters von Kultur spricht, dann meint sie die Hochkultur. Wir, die Organisatoren von Familien- und Betriebsfeiern, Messebauer, die DJs und Subkulturen kommen bei ihr nicht vor.“

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Auch in Berlin nimmt die Veranstaltungsbranche eine besondere Rolle ein. Es geht um rund 44 000 Beschäftigte. 2018 wurden ein Viertel aller Übernachtungen in der Stadt wegen Kongressen und Tagungen gebucht. 2,36 Milliarden Umsatz machte die Brache – und trug mit zum wirtschaftlichen Aufschwung Berlins bei. 

The Show must go on. Foto: picture-alliance/ dpa Vergrößern
The Show must go on. © picture-alliance/ dpa

Auch Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) würdigte das: „Die Veranstaltungs- und Kongresswirtschaft ist durch die Coronakrise stark gebeutelt, sie ist jedoch auch einer der schnellsten und wirksamsten Hebel für Berlin, die Konjunktur anzukurbeln. Um den Restart der so wichtigen Branche aktiv zu unterstützen, haben wir daher unter anderem einen Kongressfonds aufgelegt.“ Es soll ein Anreiz für Veranstalter sein, Events mit mehr als 50 Personen wieder stattfinden zu lassen. Pro Teilnehmer stellt der Senat dabei 60 Euro in Aussicht. Insgesamt ist der Fond mit zehn Millionen Euro ausgestattet, erste Auszahlungen soll es Ende des Jahres geben.

Über die Soforthilfe-Programme I, II und IV seien zudem bereits 201,1 Million Euro an in die Gastro- und Veranstaltungsbranche geflossen. Damit habe man rund 50 000 Arbeitsplätze gefördert, hieß es aus der Verwaltung.

Im Estrel, wo sonst jedes Jahr 1800 Veranstaltungen stattfinden, sind noch keine Hilfen angekommen. „Die Programme, die es gibt, greifen für uns nicht“, sagt Ute Jacobs. Die Kurzarbeit helfe zwar, doch um die Verluste der laufenden Kosten zu decken, sei man auf sich gestellt. Im Gegensatz zur Konkurrenz, dem CityCube der Messe Berlin, dessen Finanzlücken mit öffentlichen Geldern gefüllt werden. „Wettbewerbsverzerrung“, nennt Jacobs das. Nach sechs Monaten Pandemie klingt sie wenig zuversichtlich.

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