Draußen bewegen ist weiterhin erlaubt – draußen sitzen nicht. Noch nicht bei jedem ist das angekommen. Foto: Maris Hubschmid
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Coronavirus in Berlin So strikt setzt die Polizei das Kontaktverbot durch

Die Polizei kontrolliert, ob sich die Stadt an das Corona-Kontaktverbot hält. Bei allen angekommen sind die Regeln noch nicht.

Es ist Dienstagmittag um 13.30 Uhr, als der Mannschaftswagen der 34. Einsatzhundertschaft am Neuköllner Columbiadamm vorfährt. Vor der Sehitlik-Moschee stehen 30 bis 40 Menschen eng beieinander, einige umarmen einander. Christian Müller, Zugführer des 1. Zugs und gerade aus dem Polizeibus geklettert, unternimmt nichts. „Das ist eine Trauerfeier, da möchte ich nicht dazwischengehen“, sagt er. Stattdessen ruft er seinen Kollegen zu: „Wir beginnen beim Spielplatz.“

Zu zehnt soll der Polizeizug hier im Revier die Kontaktsperre durchsetzen. Erst gut anderthalb Stunden sind vergangen, seit sie im Volkspark Hasenheide patrouilliert haben. „Wir starten nochmal von vorn“, erklärt er der Truppe, „gleiche Strecke.“

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Ein knappes Dutzend Jugendliche, Kinder und vereinzelte Erwachsene sind auf dem Skateplatz am Rand des Parks unterwegs. „Es ist noch nicht bei jedem angekommen“, sagt Müller, „unser Auftrag lautet jetzt darum vor allem, liebevoll zu informieren, zu sensibilisieren, an das Gute im Menschen zu appellieren“.

An einem Zaun des Skateplatzes hängt ein Schild, das Neuköllner Bezirksamt warnt in roten Lettern: Von der Benutzung von Spielplätzen werde abgeraten. „Tja, das ist überholt“, sagt Müller. „Inzwischen ist die Benutzung schlicht verboten.“

300 Beamte, 117 Verstöße, 70 Strafanzeigen

Seit dem frühen Montagmorgen ist die Berliner Polizei unterwegs. Jeweils 300 Beamte in zwei Zwölf-Stunden-Schichten, von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr, dann die Nachtschicht. 251 Objekte und Personengruppen wurden seitdem kontrolliert. In 117 Fällen wurden Verstöße gegen die „Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus“ festgestellt.

44 Geschäfte wurden geschlossen, 70 Strafanzeigen geschrieben. Weil sich Personen nicht an das Kontaktverbot hielten – zum Beispiel in Gruppen von mehr als zwei Personen unterwegs waren –, stellten Polizisten zwölf Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten aus.

Dienstagmittag twittert die Pressestelle der Polizei: „Die allermeisten Menschen in unserer Stadt halten sich an die für jeden herausfordernden Einschränkungen des täglichen Lebens. #Danke“.

„Die können nichts dafür“

Die Besucher auf dem Skateplatz sind schnell verschwunden, vier Beamte sind bereits auf der angrenzenden großen Wiese unterwegs. Eine Mutter packt genervt Picknickdecke und Thermoskanne ein. Dass sie hier selbst mit den eigenen Kindern nicht sitzen darf: „Wusste ich nicht.“

Müller erklärt, „das Gesetz spricht von Bewegung im Freien“. Die ist weiterhin gestattet, das Problem ist das Verweilen: „Wo einige auf der Wiese sitzen, kommen schnell andere dazu.“

Manche fragen erstaunt nach, reagieren aber verständnisvoll. Foto: Maris Hubschmid Vergrößern
Manche fragen erstaunt nach, reagieren aber verständnisvoll. © Maris Hubschmid

Eine Frau fragt ehrlich erstaunt: Ob sie hier nicht einmal allein ein Buch lesen dürfe? Sie halte doch reichlich Abstand zu allen anderen? „So leid es mir tut“, sagt Müller, „es geht quasi um das Bild“. Grundsätzlich solle niemand mehr draußen sein, es sei denn, zur körperlichen Ertüchtigung. Die Mutter hat alles eingepackt. „Ich weiß nicht, ob das übertrieben ist“, sagt sie. „Aber was soll man machen? Man muss halt mitziehen.“

Müller beobachtet, wie die letzten sich vom Skateplatz trollen, weist einen seiner Männer an, die Eingänge mit rotem Flatterband abzusperren. 60 bis 70 Leute, sagt er, hätten sie am Mittag hier angesprochen, aufgescheucht. „Aber 30 Minuten später lassen sich wieder ganz andere nieder. Da müssen wir natürlich freundlich bleiben, die können nichts dafür, dass wir tausendmal das gleiche erzählen müssen.“

Zugführer Christian Müller bleibt freundlich, aber bestimmt. Foto: Maris Hubschmid Vergrößern
Zugführer Christian Müller bleibt freundlich, aber bestimmt. © Maris Hubschmid

„That’s good to know“

Gerade diskutiert Simon Moreau, 27. Er wolle üben, Jonglieren, zeigt auf einen Ball, den er jetzt auf seinem Kopf zu balancieren beginnt. In einem Beutel hat er Kegel dabei. Sein Pech: Als die Polizisten ihn ansprachen, saß er auf seinem Handy tippend auf einer Decke. Er wird gebeten, zusammen zu packen.

Der Mann, der unweit entfernt Liegestütze macht, darf bleiben. Wird aber belehrt, dass er weiterziehen muss, wenn er fertig ist.

Müller spricht mit ihm Englisch, blickt in überraschte Augen. „That’s good to know.“ Der spreche nur Englisch, „der hört von Kontaktsperre das erste Mal“, sagt Müller anschließend, „mit dem unterhält man sich einen Moment und kauft ihm das sofort ab.“

Ob sie schon „von dieser Krankheit gehört“ hätten, fragt ein Kollege gerade drei neun- und zehnjährige Jungs. Die Kinder nicken. „Dürfen wir Fußballspielen?“ Dürfen sie.

"Habt ihr von dieser Krankheit gehört, Jungs?" Aber Fußballspielen ist erlaubt. Foto: Maris Hubschmid Vergrößern
"Habt ihr von dieser Krankheit gehört, Jungs?" Aber Fußballspielen ist erlaubt. © Maris Hubschmid

95 Prozent der Gespräche verliefen positiv, sagt Müller. „Viele lächeln und sind sich der Sache bewusst. Es haben inzwischen ja auch die meisten verstanden, wie schnell das gehen kann mit der Ansteckung.“

Er versteht, dass mancher wider besseres Wissen handelt: „Ich sehe das gerade bei den Kindern. Die Energie muss irgendwo hin, will raus.“

Ist umziehen erlaubt? Ja, aber

Viele Berliner sind verunsichert. In Whatsapp-Gruppen, auf Facebook und von Küchenfenster zu Küchenfenster wird diskutiert: Ist das nun eine „Ausgehsperre“, eine verbindliche, ein Verbot? Kontrolliert die Polizei auf der Straße nun Ausweise? Braucht es einen Passierschein?

Der Senat hat beschlossen, man habe sich „ständig“ in seiner Wohnung aufzuhalten – eine weitgehende Regelung. Er hat jedoch auch umfangreiche Ausnahmen von dieser Daheim-Bleibe-Pflicht definiert. Und dieser Ausnahmenkatalog ist unübersichtlich.

Den gesamten Montag war man bei Polizei und Senatskanzlei damit beschäftigt, Detailfragen zu klären. Dürfen Berliner umziehen? Ja, aber nur mithilfe eines professionellen Unternehmens, das sich an Hygieneregeln hält, schrieb die Polizei.

Dürfen Putzkräfte beschäftigt werden? Antwort aus dem Senat: Sie können ihren Beruf im Grundsatz ausüben – aber unter Einhaltung der Mindestabstandsregelung, so weit das möglich ist.

Auch die Frage, ob das Niederlassen in Parks und auf Bänken erlaubt sei, wurde gestellt. Antwort einer Senatssprecherin: „Gegen eine Ruhepause“ beim Sport sei „nichts einzuwenden.“

U-Bahn-Griffe abgeleckt. Festnahme

Im Großen und Ganzen halten sich die Menschen auch jenseits von Berlin an die Vorgaben. Das könnte auch an den Strafen liegen, die bei Zuwiderhandlungen drohen. Nordrhein-Westfalen ahndet Verstöße gegen die Corona-Regeln mit bis zu 5000 Euro, für Picknicken sieht der Bußgeldkatalog beispielsweise 250 Euro Strafe vor – pro Teilnehmer.

Wer sich im Park aufhält - hier ein Fahrradfahrer im Tiergarten - soll sich sportlich betätigen. Foto: Michael Kappeler/dpa Vergrößern
Wer sich im Park aufhält - hier ein Fahrradfahrer im Tiergarten - soll sich sportlich betätigen. © Michael Kappeler/dpa

Doch nicht jeder reagiert, beispielsweise auf das Gebot, Abstand zu halten, mit Besonnenheit. In Neustrelitz wurden Polizeibeamte von einer betrunkenen Berlinerin bespuckt, als sie diese zur Abreise aufforderten. In Rostock schloss die Polizei einen Club, der Betreiber hatte Gäste über Hintertüren hereingelassen.

In Brandenburg an der Havel lösten Beamte ein American-Football-Spiel auf, in Karlstadt nahe Würzburg wurde die Polizei auf eine Gaststätte aufmerksam, in der Gäste bei Brettspielen dicht beisammensaßen.

Und in München wurde ein 33-Jähriger festgenommen, der nach eigener Aussage das Coronavirus verbreiten wollte, indem er einen Ticketautomaten und U-Bahn-Griffe ableckte. Gegen ihn wird nun wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Berlin sitzt auf der Couch

Am Weddinger U-Bahnhof Amrumer Straße spuckt die U9 sonst im Minutentakt Menschen aus, am Montagabend sind die Wege leer. Eine ältere Frau mit Mundschutz sitzt hier, sie hält ein Sternburg-Bier in der Hand, grüßt jeden freundlich. Das kleine vietnamesische Restaurant lässt Gäste nur einzeln eintreten und: „Nur für Abholung“.

In einem arabischen Café brennt fahl eine Glühlampe, davor Absperrband. Drinnen sitzen vier Männer im Dunst, sie rauchen, trinken Tee, reden.

Die Wohnungsfenster sind hell erleuchtet. Berlin sitzt auf der Couch. Vergisst man, was los ist, fühlt es sich kurz an wie am Weihnachtsabend. An einem Hauseingang hängt ein Zettel: „Klatschen statt Wg-Party“. Um 21 Uhr soll es losgehen.

Auf der anderen Straßenseite liegt das Virchow-Klinikum. Vereinzelt ist das Klatschen zur vollen Stunde zu hören.

Die Neuköllner Sonnenallee: auch Montagabend, eine halbe Stunde später. Alle Restaurants und Imbisse, die noch geöffnet sind, bieten ihre Speisen nur zum Mitnehmen an. In und vor ihnen darf nichts mehr gegessen werden, die Betreiber haben die Tische wahlweise hochkant gestellt, übereinandergestapelt oder mit rotweißem Flatterband abgesperrt, wie an einem Tatort. Die wartenden Kunden müssen Abstand zueinander halten.

Ein junger Mann hat nicht verstanden

Vorm „Berlinburger International“ in der abgehenden Pannierstraße kleben, quer über den Bürgersteig verteilt, neun gelbe Kreuze – angeordnet wie Kegelmarkierungen beim Bowling. Am Eingang steht ein Tisch mit Narzissen und Tulpen, darüber das Regelwerk auf einem Schild: „Einzeln eintreten, bestellen und draußen auf der Markierung warten. Du wirst gerufen, wenn deine Bestellung fertig ist.“

Ein junger Mann, der es nicht verstanden hat und im Laden warten will, wird von Max, dem Koch, höflich ermahnt: „Was du machst, ist leider verboten.“ Der Mann schaut ungläubig, rührt sich nicht. Nach der dritten Aufforderung sieht er es ein.

Insgesamt, sagt Max, laufe es erstaunlich gut. Einzelne müssten sich vielleicht noch gewöhnen. „Das wird schnell passieren.“

Der Alexanderplatz ist nahezu menschenleer, kontrolliert wird trotzdem. Foto: Britta Pedersen/dpa Vergrößern
Der Alexanderplatz ist nahezu menschenleer, kontrolliert wird trotzdem. © Britta Pedersen/dpa

Man sieht jetzt deutlich mehr Maskenträger. Sie sind immer noch die Minderheit, aber auch nicht mehr die exotischen Ausnahmen, die alle Blicke auf sich ziehen. „Es hat mich Überwindung gekostet“, sagt Simon Wieland, 32, auf dem Bürgersteig in der südlichen Friedrichstraße gegen halb neun. Eine mintgrüne Maske verdeckt Mund und Nase. „Ich habe tagelang mit mir gerungen.“

„Es kam mir wie ein Stigma vor“

Wieland sagt, er habe gefürchtet, von anderen auf der Straße als übervorsichtiger Angstmensch angesehen zu werden – oder als „Infizierter, also praktisch als Aussätziger, der eigentlich zu Hause sein müsste“.

Auch wenn längst allen klar sein müsste, dass Masketragen vor allem Rücksichtnahme bedeutet, dass unter ihr sehr wahrscheinlich ein Kerngesunder steckt, der dennoch Risiken für andere minimieren möchte. Dass es eben ein Schutz der Umgebung ist, nur für den Fall, dass man sich selbst angesteckt hat, aber noch nichts davon weiß. Kranke, die davon wissen, sind in Quarantäne. „Es kam mir trotzdem wie ein Stigma vor.“

Am Wochenende habe er angefangen, zunächst mit einem vorgehaltenen Schal durch die Straßen zu gehen. Und gemerkt, dass er die Blicke, die es tatsächlich gibt, aushalten kann. Wieland sagt: „Wenn sich noch deutlich mehr Leute trauen, wird es normal werden.“ Und vielleicht werde es irgendwann gar kippen: „Und wer es nicht macht, gilt als unsozial.“

Pro Vierersitzgruppe drei Plätze unbesetzt

Dass die Maske zum Trend wird, hofft auch die Initiative maskeauf.de. Prominente wie Charlotte Roche, Jan Böhmermann, Lena Meyer-Landrut und Joy Denalane rufen seit Dienstag zum öffentlichen Verhüllen auf. Allerdings warnen sie, dazu Masken zu benutzen, die eigentlich gerade dringend in Kliniken und Arztpraxen gebraucht würden.

Am meisten verbreitet ist das Maskentragen unter S-Bahnfahrern. In der Ringbahn sind die Abteile Dienstagvormittags deutlich leerer als sonst, pro Vierersitzgruppe bleiben meist drei Plätze unbesetzt. Hustet ein Fahrgast, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass beim nächsten Halt Mitfahrer aussteigen und in den Nachbarwaggon huschen.

Als nach 10 Uhr in der S46 Richtung Adlershof ein Straßenmusiker zusteigt und a capella „Don’t worry, be happy“ anstimmt, sieht man Lächeln auf den wenigen Gesichtern, zumindest den unverhüllten. Es wird geklatscht.

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An etlichen Orten der Stadt sind „Gabenzäune“ entstanden – Spielplatzabsperrungen, Bauzäune, die zu Abgabeplätzen für Spenden umfunktioniert wurden. Berliner können dort Essen, Hygieneartikel, Schlafsäcke deponieren – Obdachlose, andere Bedürftige sollen zugreifen.

Auch an der Potsdamer Straße in Schöneberg kontrolliert die Polizei. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Auch an der Potsdamer Straße in Schöneberg kontrolliert die Polizei. © Kitty Kleist-Heinrich

Das Bezirksamt dementiert umgehend

Aufregung gibt es Montagnachmittag in der Neuköllner Herrfurthstraße. Gegen 16.30 Uhr schreiten Mitarbeiter der BSR ein, räumen den dortigen Gabenzaun leer, entsorgen die Spenden in ihrem Müllwagen. Passanten versuchen, sie zu stoppen. Angeblich, so sagt ein BSR-Mitarbeiter, habe es eine Anweisung des Ordnungsamts Neukölln gegeben.

Als sich der Vorfall herumspricht, dementiert das Bezirksamt umgehend, stellt auf Twitter klar: „Gabenzäune werden von uns selbstverständlich unterstützt.“

Und die BSR teilt am Dienstag mit, man habe schlicht nicht gewusst, dass es sich um eine Solidaritätsaktion für Obdachlose handelte. Sprecherin Sabine Thümler sagt: „Dieses Missverständnis tut uns sehr leid.“ Um eine Wiederholung zu verhindern, habe man alle bekannten Standorte von Gabenzäunen an die Einsatzleitungen weitergegeben.

Dienstagmorgen am Berkaer Platz in Schmargendorf, vor Butter Lindner stehen die Menschen in der Schlange, maximal drei dürfen gleichzeitig rein, eine Weinhandlung gegenüber hat geschlossen.

Vor dem Edeka-Markt an der Ecke stehen fünf ältere Damen auf dem Gehweg. Sie versuchen, Abstand voneinander zu halten. Ein junger Mann mit gelber Warnweste regelt den Einlass, ein kräftiger Mann mit Atemmaske den Ablauf an den Kassen.

Der Betreiber schloss die Tür ab

Drei Mal wurde die Polizei am Montag alarmiert, weil dieser Edeka-Markt zu voll war und zwischen den Einkaufenden kaum Platz. Weil viele trotzdem erstmal weiter an sich dachten, haben die Beamten irgendwann die Tür übernommen. Und weil das dem Besitzer zu blöd war, schloss er für den Tag ab.

Am Dienstag bekommt jeder Kunde am Eingang einen Wagen zugeteilt. Maximal 20 dürfen auf einmal rein. „Damit die Leute das lernen“, sagt ein junger Mitarbeiter am Gemüseregal zu einer Kundin. Sie nickt. „Richtig, das muss man erzwingen.“ Sie schiebt ihren Einkaufswagen an halbleeren Regalen vorbei. Es ist 10.12 Uhr. Klopapier, Käsecracker und der Cremant für 5,99 Euro sind in Schmargendorf schon alle.

Aus dem DM-Drogeriemarkt nebenan stürmt wütend Frau M., 54 Jahre alt. „Ihr scheiß Deutschen, ich reinige eure Klos und ihr motzt mich voll!“ Schmargendorf verdreht die Augen.

„Das ist ein Grenzfall“

Frau M. läuft mit einer Packung Einmalhandschuhe zu ihrem Auto. Sie putzt zusammen mit ihrem Mann die öffentlichen Toiletten hier in der Gegend. „Wir haben seit Tagen keine Schutzmasken mehr, kaum noch Desinfektionsmittel und ich werde angemotzt, weil ich die Abstandslinie an der Kasse um so viel übertreten habe.“ Sie zeigt auf ihren Fuß, er schiebt sich wenige Zentimeter nach vorn.

Frau M. sagt, wer Angst habe, sollte nicht einkaufen gehen, auf der Straße halte sowieso niemand den Abstand von einem Meter fünfzig ein. Und sie selbst sei eh gezwungen, ihren Job weiterzumachen. „Wissen Sie, wie es auf diesen Toiletten aussieht?“

Wer wirklichen Schutz wolle, solle die Supermärkte dichtmachen. Dann müssen sie weiter, die nächsten Toiletten warten. Aus dem Auto heraus ruft sie: „Scheiß Deutsche, das hab‘ ich nicht so gemeint!“

Vor Mustafas Gemüse Döner stehen sonst Dutzende Menschen Schlange. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Vor Mustafas Gemüse Döner stehen sonst Dutzende Menschen Schlange. © Kitty Kleist-Heinrich

In der Hasenheide ist der patrouillierende Polizeizug mittlerweile im Norden des Parks angekommen, beim Hundeauslaufplatz. „Das ist ein Grenzfall“, sagt Christian Müller: „Hundehalter dürfen unterwegs sein, denn die Hunde müssen ausgeführt werden. Aber auf dem Auslaufplatz stehen dürfen sie strenggenommen nicht, schon gar nicht zusammen. Eigentlich müssten die hier unentwegt im Kreis gehen.“

„Wir machen den Spielplatz nochmal“

14.15 Uhr, der Park hat sich deutlich geleert. Eine Mutter darf ihr Baby zu Ende stillen. Der Polizeibus rollt wieder gen Columbiadamm, auf Abruf, falls irgendwo grobe Verstöße von beispielsweise Restaurants gemeldet werden.

Ein Radfahrer stoppt und spricht Müller an. Der Spielplatz sei doch gesperrt, richtig? Da seien aber Eltern mit Kindern. „Das ist doch verantwortungslos.“ Müller verständigt sich über sein Headset mit den Kollegen. „Wir machen den Spielplatz nochmal.“

„Jetzt ist es nicht mehr so leicht wie eben, das stellt jetzt eine Ordnungswidrigkeit dar“, erläutert ein Polizist einem Vater bedauernd – er ist hier mit seinen drei und fünf Jahre alten Söhnen. Eine gute halbe Stunde zuvor konnten die Polizisten hier noch Ermahnungen aussprechen – nun, da das Absperrband gespannt ist, haben sich die Anwesenden klar der Ordnung widersetzt. „Jetzt bräuchte ich mal den Ausweis.“ Der Mann holt ihn ohne Widerworte hervor.

Die Personalien eines Vaters werden aufgenommen. Foto: Maris Hubschmid Vergrößern
Die Personalien eines Vaters werden aufgenommen. © Maris Hubschmid

„Wollt ihr den wirklich anfassen?“, feixt dagegen ein Skater und scheitert mit dem Versuch, das Bußgeld zu umgehen, indem er beteuert, er sei durch die Büsche gekommen, da habe er kein Absperrband gesehen.

Was das jetzt voraussichtlich kosten werde?, erkundigt sich der Vater. „Das wird der Richter entscheiden.“ Müller und seine Kollegen wissen es wirklich nicht.

Wie er, der Vater, über all das hier denke? „Mit gemischten Gefühlen“, sagt er. Er verstehe die Notwendigkeit ja, aber seine Söhne wollten eben so gern Skateboard fahren, der Platz sei menschenleer gewesen – da hat er sie über das Flatterband gehoben.

Freundlich bleiben alle Seiten. Die Polizisten loben, dass der Dreijährige schon ohne Stützräder Fahrrad fährt, rufen den Kindern ein „macht’s gut, Jungs“ hinterher. Alle wünschen sich: Einen schönen Tag noch. Und die Beschwörungsformel: „Bleibt gesund.“

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