Weniger Passanten heißt weniger Geld, außerdem sind viele Kleiderkammern zu. Obdachlose trifft das Coronavirus besonders hart, auch wenn sie es nicht haben. Foto: Bodo Marks/dpa
© Bodo Marks/dpa

Corona-Pandemie trifft auch die Ärmsten Berliner Senat will Obdachlose von der Straße holen

Ab April sollen es neue Unterkünfte für Obdachlose geben, die auch tagsüber offen sind. So bereitet sich der Senat auf Quarantäne oder Ausgangssperre vor.

Für Obdachlose ist das Virus in doppelter Hinsicht existenzbedrohend. Die Touristen und Berliner, die ihnen ein paar Münzen in den Becher werfen, bleiben weg. Auch das Sammeln von Pfandflaschen wird nicht leichter. Und viele kleinere Anlaufstellen wie Suppenküchen oder Nachtcafés haben ihren Betrieb eingestellt. Die Mehrheit ehrenamtlicher Helfer ist älter und gehört zur Risikogruppe.

„Einige Einrichtungen haben wegen der Coronakrise vorzeitig geschlossen“, sagt Jens Aldag von der Kältehilfe. Die Saison endet eigentlich erst am 31. März. „Wir sind trotzdem noch guter Dinge“, sagt Aldag. Es gebe weiterhin 1000 Plätze in den Notunterkünften, von denen 15 Prozent nicht belegt seien.

In der Obdachlosenhilfe der Stadtmission am Bahnhof Zoo rechnen die Betreuer mit einem wachsenden Aufkommen an Hilfesuchenden. „Es wird voller“, sagt die Sprecherin der Stadtmission, Barbara Breuer. Weil andere Einrichtungen wie etwa die Tafeln geschlossen sind.

Niemand soll während der Corona-Krise auf der Straße bleiben müssen

„Wir sehen viele fremde Gesichter. Die haben richtig Hunger.“ Die Ausgabe von Essen wird fortgesetzt, aber „wir lassen nur eine gewisse Anzahl von Leuten hinein. Alle müssen sich die Hände waschen und Abstand halten.“

In Hamburg ist bereits ein Fall von Coronavirus in einer Unterkunft des Winternotprogramms für Obdachlose bekannt geworden – diese wurde unter Quarantäne gestellt. Rund 300 Menschen harren hier gemeinsam aus – die Stadt kann sie allerdings nicht dazu zwingen, auch wirklich in der Unterkunft zu bleiben. Bei einer allgemeinen Ausgangssperre, die als nächste Maßnahme gegen die Pandemie diskutiert wird, könnte die Polizei sie aufgreifen und zurückbringen.

Auf ähnliche Szenarien bereitet man sich in Berlin vor. Die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales will die Programme und Unterkünfte der Kältehilfe zwar nicht über den 31. März hinaus verlängern – aber man will ein neues Angebot schaffen: Niemand soll auf der Straße bleiben müssen, auch nicht tagsüber.

Risikogruppen sollen nicht in den Unterkünften arbeiten

Man habe schon Gebäude in Aussicht für eine ganztägige Unterbringung und Betreuung ab dem 1. April, so Stefan Strauss, Pressesprecher der Senatsverwaltung auf Tagesspiegel-Anfrage. Wo diese Gebäude sind, wollte er nicht sagen, es werde noch verhandelt.

„Wir müssen uns bemühen, die obdachlosen Menschen auch in diese Unterkünfte zu bekommen“, sagt Strauss. Man müsse sich an den Bedürfnissen von Obdachlosen orientieren. Dies bedeutet, dass Alkohol und andere Drogen in den neuen Unterkünften nicht mehr Tabu mehr sein dürften.

Viele Obdachlose würden sonst nicht bleiben, einige von ihnen könnten keine Nacht ohne Drogen aushalten. Derzeit wird auch die Beschaffung von Drogen auf der Straße schwieriger. Die Senatsverwaltung will daher mit Sozialarbeitern zusammenarbeiten, die sich auf dem Gebiet der Drogenbetreuung auskennen.

Ehrenamtliche Mitarbeiter soll es in den entstehenden Unterkünften nur noch wenige geben, zumindest keine, die einer Risikogruppe angehören, so Strauss. Zudem müsse für Sicherheitspersonal und ausreichend Hygiene gesorgt werden. Es sollen keine weiteren Notunterkünfte mit Mehrbettzimmern sein, sondern eher Kleinstwohnungen.

Viele Einrichten für Obdachlose haben zu

Bisher gebe es keinen Corona-Fall in einer Unterkunft für Obdachlose in Berlin, so Strauss. Stand: Donnerstag. Aber auch darauf sei man vorbereitet: Sollte es einen Fall geben, müssten alle Beteiligten in der betroffenen Notunterkunft unter Quarantäne gestellt werden - oder in einer externen Unterkunft unterkommen.

Auch deswegen will die Senatsverwaltung die neuen Einrichtungen schnell fertigstellen, möglichst noch vor April. Was in einem Coronafall geschieht, entscheidet das Gesundheitsamt. „Es geht jetzt darum, einen sozialen Rettungsschirm zu erarbeiten, der auch die Ärmsten der Armen vor Corona schützt“, sagt Strauss. Es gebe eine große Bereitschaft von Sozialarbeitern, hierbei zu helfen.


Das Leben auf der Straße wird wegen der Krise ohnehin immer schwieriger. Geschlossen sind derzeit auch viele Kleiderkammern, daher fehlt es laut Barbara Breuer auch an Wintersachen für Männer, von Mänteln bis zur Unterwäsche. Die Kleiderkammer der Stadtmission am Hauptbahnhof ist weiterhin offen und bittet um Spenden. Breuer appelliert auch an die wenigen Passanten, den Obdachlosen am Straßenrand etwas zu geben, „damit finanzieren die ihren Lebensunterhalt“.

Offene Notunterkünfte in Pankow und Kreuzberg

Die Caritas passt ihre Wohnungslosenhilfe ebenfalls der Pandemie an. Die ambulante medizinische Versorgung am Bahnhof Zoo bleibe geöffnet, es dürften aber nur maximal fünf Personen gleichzeitig hinein, sagt Kai-Gerrit Venske, Referent für Wohnungslosenhilfe. Andere Einrichtungen zur medizinischen Versorgung von Obdachlosen seien geschlossen, weil es derzeit keine Schutzausrüstung gebe.

Die Franziskaner in Pankow hätten ihren Essenssaal geschlossen, stattdessen würden Lunchpakete ausgegeben. Die Notübernachtung der Gemeinde St. Pius, ebenfalls in Pankow, bleibe aber offen. Dort könnten Obdachlose separiert voneinander untergebracht werden. 

[Behalten Sie den Überblick: Corona in Ihrem Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihren Bezirk. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de]

Ebenfalls geöffnet bleibt die Notunterkunft in der Ohlauer Straße in Kreuzberg, von 19 bis 7 Uhr sind die Geschäftszeiten. Johannes Näumann, ehrenamtlicher Helfer der Johanniter, erzählt, sie hätten die Kapazitäten verringert: nur noch sechs statt acht Betten in einem Schlafraum. Noch habe man niemanden wegschicken müssen, befürchte aber, dass dies bald geschehen könnte, denn der Andrang ist weiterhin groß. 

In der Dunckerstraße, Prenzlauer Berg, wo die Immanuel Albertinen Diakonie eine Tagesstätte betreibt, ist die Essensausgabe nach draußen verlegt worden, nur einzelne schwächere Personen dürfen noch nach drinnen. Nach jedem Toilettengang wird das Bad desinfiziert. Auch die medizinische Versorgung sei eingeschränkt, weil das „Arztmobil“ wegen der räumlichen Enge im Bus die Tagesstätte nicht mehr anfährt.

Die Leiterin der Tagesstätte, Simona Barack, bittet um Spenden und Finanzhilfe durch den Senat, um den Mehraufwand für den Kauf von Lebensmitteln und Hygieneartikeln zu kompensieren. Sie wünscht sich auch mobile Toilettenkabinen vor der Einrichtung. Auch Sachspenden wie Wolldecken, Zelte, Einweggeschirr und Schlafsäcke seien willkommen.

Zur Startseite