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"Die Arbeit lässt einen nicht los."

Bio-Kita und Brennpunkt-Kita in Berlin Ene, mene, muh, und raus bist du

Würde Janett nach ihrer Ausbildung in der Bülow-Kita Vollzeit arbeiten, bekäme sie als Anfängerin 2125 Euro brutto, das wären 1456 Euro auf die Hand. Doch die wenigsten Erzieherinnen arbeiten Vollzeit. 30 Stunden sind die Regel, mit ein paar Jahren Berufserfahrung verdient man so etwa 1250 Euro netto im Monat.

Überall sind Kinder. Ein Sturm, ein Orkan aus Kindern. Soraya, das blinde Mädchen. Zielsicher läuft sie durch die Räume, durch den Garten. Sie weiß, wo die Stühle und Tische stehen, wo die Rutsche ist, wie weit sie laufen muss, um anzukommen. Sie weiß, wer da und was los ist. Ihr Schlüssel zur Außenwelt ist ihre durchschlagende und ausgesuchte Höflichkeit. „Könnte mir jemand bitte eine Schippe bringen?“, ruft sie aus dem Sandkasten in den tobenden Kinderorkan hinein. Zehn Sekunden später hat sie eine Schippe, bereitwillig abgegeben. Bastelt sie, lässt sie sich die Schere bringen, schneiden aber will sie alleine. Niemand darf ihr helfen. Erst wenn es fertig ist, sich anfühlt wie bei den anderen, ist sie zufrieden.

Heval, die Primark-Verkäuferin werden will, die drei Sprachen spricht und nun mit Englischvokabeln jongliert. Ranin, das Mädchen, das beißt, haut und kratzt und schon im nächsten Moment nicht mehr weiß, was passiert ist. Die Jungs, die mir an den Armen, an den Beinen hängen, mir auf die Schulter klettern, sich streiten, wer in meiner Nähe sitzen darf. Dann hocken sie da, sagen nichts, wollen nichts, nur neben mir sein. Kurz darauf reden sie alle auf mich ein, bis ich nicht mehr kann und auf die Toilette fliehe. Der Junge mit den verfaulten Zähnen, der so unbändig lacht, der andere, der schon Horrorfilme schaut, wieder einer, der auf der Playstation GTA spielt.

Die Frauen sehen müde aus

Und dann ist da Jenny. Sie ist das Auge des Orkans, die Ruhe selbst. Mit 31 Jahren ist sie eine der Jüngsten hier. Alles an ihr wirkt geradeaus. Tätowierte Augenbrauen, strenger Blick, leise Stimme. Müsste man sie mit einem Wort beschreiben, es wäre „tough“. Laut werden muss sie nicht. Bastelt sie oder macht Vorschule, wird es ruhig. Automatisch. Geht es ihr im Garten zu hoch her, schnappt sie sich ein Dutzend Kinder und geht mit ihnen auf den Fußballplatz. Langweilen sich die Mädchen, holt Jenny eine Decke und spielt mit ihnen Picknick. Mit den Großen will sie als Nächstes den Wald erkunden. Jenny ist präsent, wach, jeden Tag, jeden Moment.

Und das seit elf Jahren. Andere Kollegen sind seit 15 Jahren hier, seit 20, manche seit 25 Jahren. Egal ob Jenny genervt ist oder schlechte Laune hat, egal ob die Kollegin schon wieder krank ist, sie lässt all das draußen vor der Kita stehen. „Ich nehme das erste Kinderlächeln, das ich hier bekomme, und gehe damit durch den Tag“, sagt sie. Trotzdem sieht man ihrem Gesicht eine tiefe Müdigkeit an. Auch die anderen Erzieherinnen wirken, als hätten sie seit Jahren zu wenig geschlafen.

Auf Erzieherin Jenny hören die Kinder. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Auf Erzieherin Jenny hören die Kinder. © Kitty Kleist-Heinrich

„Die Arbeit lässt einen nicht los“, sagt mir eine Erzieherin in einem stillen Moment. „Zu Hause packe ich sofort die Füße hoch. Für meinen eigenen Sohn habe ich kaum noch Nerven.“ Und eine andere fügt hinzu: „Wir sind einfach müde. Es ändert sich nichts, seit Generationen kommen die Kinder aus denselben Familien, mit denselben Problemen. Natürlich sinkt da die Motivation.“

Überall sind Kinder, die was wollen

Es ist ein Kreislauf. Plötzlich ist man nur zu zweit, in einer Gruppe mit 24 oder 28 Kindern, die Dritte hat Urlaub, die Vierte ist krank. Klar hält man das durch, klar schafft man das. Auf dem Reserverad. Und wird dann selber krank. Und dann hat schon wieder eine Kollegin gekündigt.

Seit fünf Tagen bin ich hier. Die Zeit rast, ständig passiert was. Langeweile? Nicht eine Sekunde. Überall sind Kinder, die was wollen. Die Fragen haben. Schau mal hier. Mach mal da. Hör mal zu. Die spielen wollen, die hungrig sind. Jedes bisschen Energie, das ich habe, muss ich hergeben.

Trotz Theaterbesuchen, Musikpädagoge, Kunsttherapeutin, trotz neuen Bewegungsbaustellen im Sportraum für 2000 Euro wird deutlich, was eine Kita im Brennpunktkiez leisten kann und was nicht. Die Erzieherinnen wirken wie ein Reparaturservice für Kinder, in deren Familien was kaputt ist. Oft reichen ihre Werkzeuge nicht aus. „Dennoch ist es gut, dass wir da sind“, sagt Jenny. „Denn ohne uns ...“ Den Rest des Satzes lässt sie in der Luft hängen.

Erzieherin Mareike hat Zeit für jedes Kind

Ortswechsel. 800 Meter die Straße rauf, in die andere Welt, den Akazien-Kinderladen. Es ist neun Uhr, Frühstück. Bio-Möhren-Gouda und Samba-Schoko-Aufstrich, 45 Euro zahlen die Eltern extra für Bio-Essen, noch einmal 25 Euro für zusätzliche Betreuungskosten. Liam, vier Jahre alt, tunkt ein Stück Brot in sein Wasserglas. Er beobachtet, wie es sich vollsaugt, holt es wieder heraus, um dann seinen Zeigefinger in die Brotwassermatsche zu bohren. Liam gluckst.

Erzieherin Mareike beobachtet den Jungen. In ihrem Gesicht arbeitet es. Sie trifft eine Entscheidung. Ausprobieren, beobachten, fühlen: Liam darf weiter bohren, weiter glucksen. Zwei Dreijährige schauen sich an und brechen immer wieder in Gekicher aus. Ein Junge küsst einen anderen Jungen auf die Wange. Einen Stuhl weiter läuft ein Reimduell: „Tschau“, ruft der eine, „Kakao“, die andere. Es wird gelacht, gequatscht, gegessen. Wenn es zu laut, zu wild wird, greift Mareike ein.

Die Welt ein bisschen besser machen

So geht es das ganze Frühstück, den ganzen Tag. Mareike beobachtet, leitet die Kinder an, entscheidet. Was ist okay, was nicht. Was fördert, was nicht. Was können die Kinder alleine schaffen, was nicht. Wann lässt man sie in Ruhe spielen, wann schlägt man etwas vor.

Für jedes Kind findet Mareike extra Zeit im Tagesablauf. Mit Fabien knetet sie den neuen Kinetic-Sand, der letzte Bastelhit, 30 Euro die Packung. Adrian gibt sie eine Steinmassage. Mit Martin probiert sie aus, was mehr wiegt: Steine, Federn, Stifte. Mit Lenny spürt sie, wie sich eine Bürste anfühlt, probiert aus, was man damit putzen kann. Mareike ist 33, hat aufgetürmte Rastalocken, trägt weite Stoffhosen und einen Anhänger um den Hals. Sanft ist ihre Stimme, ruhig sind ihre Gesten, alles, was sie macht, hat einen Sinn, jede ihrer Entscheidungen kann sie pädagogisch erklären. Erzieherin ist sie geworden, weil sie etwas verändern, die Welt ein Stück besser machen möchte, von klein auf. Wenn sie vorliest, flicht sie die Namen der Kinder in die Erzählung ein. Im Morgenkreis lässt sie „Bruder Jakob“ singen, auf Englisch, Deutsch und Französisch. Ziehen die Kinder ihre Jacken an, setzen sie sich in den Bollerwagen, fahren sie zu einem der vielen Spielplätze, dann lässt Mareike sich erklären, was Rot und Grün bei der Ampel bedeuten, lässt sich Bäume, Blumen und Blätter zeigen.

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