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Mehr als nur Alltag

Beziehungen in Berlin Gemeinsam einsam

Ende 2014 fängt Lars eine neue Beziehung an, die sechste in einer Reihe von zweimonatigen. Sein neuer Freund ist politisch engagiert, sie haben ähnliche Interessen, besuchen gemeinsam Veranstaltungen. Doch Lars langweilt sich bald. Nach zwei Monaten macht er reinen Tisch. Die beiden gehen spazieren, Lars erklärt, wie er sich fühlt, er will transparent sein, möglichst ehrlich. Es reiche ihm nicht, sagt er, sich mit jemandem nur wohlzufühlen. Der andere ist traurig, akzeptiert es aber. Sie treffen sich nicht wieder. Lars war schon vor dem Gespräch darüber hinweg.

Er will, dass eine Beziehung mehr als Alltag ist, mehr ist als zusammen kochen und auf die Geburtstagsfeiern gemeinsamer Freunde gehen. „Ich will mich nicht mit etwas zufriedengeben, das nur routiniert ist.“ Eine Beziehung, sagt Lars, soll sein Leben reicher machen, in allen Belangen. Was genau das heißen soll, kann er nicht sagen. Es ist ein diffuses Gefühl, schwer in Worte zu fassen – aber wenn es fehlt, funktioniert die Beziehung nicht.

Zu Anfang ist Lars meist euphorisch. Aber bald geht die Kurve steil nach unten. Er merkt dann, dass der andere ihn nicht mitreißt, er braucht Abwechslung und weiß, dass er sie in Berlin bekommen kann. Auch bei seinen Hobbys entdeckt er häufig Neues: ein Instrument spielen, für ein Theaterstück proben, mit eigenen Ideen auf der Bühne stehen. Auch diese Dinge macht er intensiv – und verliert dann die Lust. Das war nett, denkt er, es hat Spaß gemacht – aber kommt da noch mehr?

Keine Eile

Auch wenn er im Moment lieber tanzt, als nach der Liebe zu suchen, hätte Matze später gerne ein Haus, in Dahlem vielleicht, einen Hund, auch Kinder. Mit einer Frau, die sich wie er für Politik und Literatur interessiert, die ihm aber auch Raum für Eigenes gibt. Wann das sein soll? „Ich lasse es auf mich zukommen. Ich habe keine Eile.“ Die Zukunft seines Liebeslebens überlässt er dem Zufall. Nur eins ist eigentlich klar: Aus Berlin weggehen, das kann er sich nicht vorstellen.

"Ich muss da jetzt mal hin"

Der Abend neigt sich dem Ende zu, als Gabriel am anderen Ende der Hotelbar eine Gruppe junger Frauen an einem Ecktisch erspäht. Schon den ganzen Abend ist sein Blick immer wieder suchend durch den Raum gedriftet. Kurze Entschuldigung: „Ich muss da jetzt mal hin.“ Er tritt von hinten an das niedrige Sofa, spricht kurz mit den Frauen, eine Minute später sind sie alle an der Bar. Gabriel sitzt lässig, halb eingedreht, auf dem Barhocker. Mit einem Arm stützt er sich ab, in der anderen hält er ein Pils. Kurzes Winken zum Barkeeper, eine Runde Schnaps für ihn und die vier Damen. Sein Oberkörper schiebt sich leicht nach vorn. Er erzählt ihnen von seinem Job im Start-up, davon, dass er Narzisst ist, und wieder meint er das positiv. Die Frauen kichern, tuscheln kurz. Er lässt sie von sich erzählen, geht auf sie ein, macht Komplimente, wartet ab, taxiert. Shots, Shots, Shots! Die Frauen lachen, Gabriel lacht. Es klingt ein bisschen wie bei einer Hyäne.

Er wird später alleine nach Hause gehen.

Nein, Nein, Ja

Im Sushi-Restaurant, ein paar U-Bahn-Stationen von Gabriel und den Frauen entfernt, sind mittlerweile Miso-Suppe und Lachs-Maki vertilgt. Der zweite Wein steht auf dem Tisch, Hannah schaut wieder auf ihr Smartphone, neue mögliche Dates poppen auf dem Bildschirm auf. Yaya, 28, sitzt auf einem roten Motorrad. Zu prollig, Wisch nach links. Philip, 26, trägt ein Outfit wie bei den drei Musketieren. Witzig. Hannah zögert. Lässt sich das zweite Bild anzeigen. Da isst Philip ein Baguette und grinst schief in die Kamera. Wisch nach links. „Es ist wie eine Sucht, man muss immer weitergucken“, sagt sie. Maximilian, 28, hat eine gefaltete Zeitung auf dem Kopf. Nein. Wisch nach links. Nein. Nein. Nein. Dann Klaus, 28, cooler Typ, liest, mag das Appletree Garden Festival, schaut Netflix, mag Sonntagsdates und Spaziergänge. Hannah zögert. Wisch nach rechts. Die App frohlockt: „It’s a match!“ Und da ist sie wieder, die Hoffnung, dass das nächste Match das richtige sein könnte.

Dieser Beitrag ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen.

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