Tagesspiegel Plus - jetzt gratis testen
Die typischen fliegenden Stadttouristen aus Europa werden immer weniger in Berlin. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
© Maurizio Gambarini/dpa

Berliner Tourismusbilanz 2017 Der Hauptstadt fehlen die Besucher

Nach jahrelangen Besucher-Anstürmen ist die Zahl der Übernachtungen 2017 in Berlin nur noch leicht gestiegen. Auch die Pleite von Air Berlin soll Schuld daran sein.

Burkhard Kieker folgt der bewährten Methode, erst einmal das Positive zur Berliner Tourismusbilanz 2017 herauszustellen: „Bis August lief alles super!“ sagt der Chef von „Visit Berlin“ beim Pressetermin, aber das „Aber“ folgt auf der Stelle, es überrascht niemanden mehr: Dann kam die Pleite von Air Berlin, und die Zahlen rauschten in den Keller, weil weit draußen in Europa natürlich niemand rasch auf Auto oder Bahn umsteigt, um trotzdem in die Metropole seines Herzens zu reisen.

Insofern ist Berlin noch einmal davongekommen, denn trotz der Insolvenz stieg die Zahl der Übernachtungen leicht um 0,3 Prozent auf 31,15 Millionen, die Zahl der Hotelgäste um 1,8 Prozent auf 12,96 Millionen. „Mit dem letzten Klimmzug über die Hürde“, sagt Kieker. Da sich die Situation im Berlin-Flugverkehr zwar gebessert hat, aber noch längst nicht wieder auf dem alten Stand angekommen ist, stellt er sich die entscheidende Frage selbst und gibt die Antwort obendrauf: „Ausblick? Ich weiß es nicht.“ Er sei nicht pessimistisch, sagte er, aber es brauche jetzt besondere Anstrengungen aller Beteiligten. Kleiner Bonus: Die neue Bahnverbindung Berlin-München schafft ordentlich was ran.

Ab September sanken dien Besucherzahlen

Im Kleingedruckten finden sich dann auch die zu diesem Befund passenden Zahlen. So ist die Zahl der Übernachtungen deutscher Gäste in Berlin sogar leicht auf 17,1 Millionen gestiegen und macht nun 55,1 Prozent der Gesamtzahl aus – sie kommen großteils mit Bahn oder Auto. Die typischen fliegenden Stadttouristen aus Europa dagegen stehen mit Einbußen um die 9 Prozent in der Statistik: Spanien, Italien, Holland, Dänemark, Schweden sowie Israel bilden damit, schmerzhaft für die Berliner Touristiker, die Bedeutung der weggebrochenen Flüge ab.

Ab September, mit zunehmenden Problemen bei Air Berlin, sanken die Besucherzahlen, im November und Dezember nach der Pleite rauschten sie in den Keller. Große Ausnahme sind US-Amerikaner: 435.900 kamen 2017 nach Berlin, rund elf Prozent mehr als im Vorjahr. Noch höher war der Zuwachs, allerdings auf niedrigerem Niveau, bei Gästen aus Russland (16,6 Prozent) und Brasilien(10,2 Prozent). Die Hotelbetreiber, die die Zahl der Betten bekanntlich immer weiter steigern – aktuell auf 143.000 –, können dennoch insgesamt nicht klagen, denn die Auslastung stieg 2017 um 2,6 auf 60,1 Prozent. Die durchschnittliche Zimmerrate wuchs je nach Kategorie minimal zwischen 1 und 7 Euro.

Etwas mehr Licht fällt inzwischen in die touristisch genutzten Privatwohnungen, deren Zahl die amtliche Statistik systembedingt allenfalls schätzen kann. AirBnB, der größte internationale Vermittler, hat „Visit Berlin“ erstmals Zahlen genannt, die gemessen an der Hotelstatistik durchaus stark ins Gewicht fallen: 700.000 Gäste in Berlin, 16,7 Prozent Wachstum. Auch interessant: Diese Besucher blieben im Schnitt 4,2 Nächte in der Stadt, während der statistische Hotelgast schon nach 2,4 Tagen auscheckt. Andere, kleinere Vermittler haben noch keine Zahlen verraten; hinzu kommt außerdem eine große Zahl von reinen Privatgästen mit Familienanschluss, deren Zahl unbekannt ist.

Kongresse bringen zahlungskräftige Touristen

Ein Lieblingsthema Kiekers ist der Kongressmarkt, auf dem Berlin eine große Nummer ist. 140200 Veranstaltungen wurden gezählt, dominiert von mehreren medizinischen Fachkongressen mit zum Teil fünfstelliger Teilnehmerzahl. Das sind 2 Prozent mehr als 2016, mit 11,7 Millionen Teilnehmern (plus 1 Prozent). 7,) Millionen Übernachtungen lassen sich auf diese Sparte des touristischen Geschäfts zurückführen, plus 2,6 Prozent. Und: Der Kongresstourist gibt täglich 246 Euro aus, fast dreimal so viel wie ein privater Gast. Die Spezialität der Kongresse ist ihre langfristige Vorbereitung – die ganz großen Veranstaltungen haben einen Vorlauf von bis zu sieben Jahren. Berlin ist für 2018 und 2019 praktisch ausgebucht, aber Wachstum ist so nicht mehr zu erzielen. Für Kieker ergibt sich daraus die bekannte Konsequenz: „Wir brauchen mindestens eine Großspielfläche mehr in der Stadt!“ Für ihn ist deshalb die geplante Sanierung des ICC ein wichtiger Schritt.

Das neue Konzept des Senats möchte Touristen nicht nur zu den Sehenswürdigkeiten, sondern auch in die Außenbezirke führen. Foto: Maurizio Gambarini/dpa Vergrößern
Das neue Konzept des Senats möchte Touristen nicht nur zu den Sehenswürdigkeiten, sondern auch in die Außenbezirke führen. © Maurizio Gambarini/dpa

Im vergangenen Jahr hat die Nettowertschöpfung durch Kongresse in Berlin erstmals die Milliardengrenze erreicht und rund 1700 neue Vollzeit-Arbeitsplätze finanziert; insgesamt gibt es im Veranstaltungsmarkt der Stadt etwa 43.200 volle Stellen. Laut Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, die der Pressekonferenz am Montag krankheitsbedingt fern bleiben musste, leben vom Tourismus unmittelbar 235.000 Vollzeitbeschäftigte, der Umsatz liegt bei 11,5 Milliarden Euro.

Paris und London sind eine starke Konkurrenz

Mit dem kürzlich vorgestellten Tourismuskonzept des Senats sollen die Besucherströme gleichmäßiger auch in die Außenbezirke gelenkt werden, wobei Spree und Havel, Kanälen und Seen eine besondere Bedeutung zukommt: Der Satz „Hot City, Cool Water“ wird wohl demnächst in der Stadtwerbung häufiger zu hören sein. sie will Kieker angesichts begrenzter Mittel vor allem auf Europa konzentrieren. „Wo können Sie sonst schon vormittags durch Museen spazieren und sich nachmittags in einem See abkühlen?“, fragt er rhetorisch, „in Paris oder London geht das nicht“.

Womit die großen Konkurrenten auch genannt sind. Vorerst bleiben sie unerreichbar. Erst die Fertigstellung des neuen Flughafens kann das ändern.

Zur Startseite